"Jedermann": Gute Taten wären recht, aber der Glaube allein hilft auch

20. Juli 2015, 17:08
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Festspiele: "Jedermann"-Auftakt mit neuem Teufel

Salzburg – Man soll nie kaltherzig gegenüber Bettlern sein, nicht prahlen und prassen und auch immer ein offenes Ohr für die eigene Mutter haben. Sonst ergeht es einem wie dem Jedermann, der vor dem Gottesgericht mächtig in die Bredouille kommt. Das seit 1920 bei den Salzburger Festspielen gebotene Mysterienspiel Hugo von Hofmannsthals hält christliche und allgemein menschlich-moralische Werte hoch; aber mehr noch, es ist ein Exempel religiöser Bekehrung. Denn der reiche Mann entkommt dem Teufel bekanntlich ja nur, weil er sich gerade noch rechtzeitig dem Glauben zuwendet. Ein halbherziger Trick, wie einem scheinen mag.

Die Regisseure Brian Mertes und Julian Crouch haben mit Puppen und Objekten sowie dem am Beginn und am Ende der Vorstellung stehenden Festumzug dem Stück einen mittelalterlichen Fastnachtsrahmen gegeben und ihm somit auch Leichtigkeit verschafft. Die neue, dritte Saison ihrer Inszenierung startete wegen Regens nicht unter freiem Himmel auf dem Domplatz, sondern im Großen Festspielhaus, wo man bei idealen Lichtverhältnissen gottgleich auf die kleinen, erleuchteten Knusperhäuschen der Menschlein blickte.

Neu im Bunde sind drei Schauspieler, die allesamt ihre Sache sehr gut machen: Sven Dolinski schleicht als Jedermanns Gesell herum, ein wendiger, kaum greifbarer Diplomat in Hirschlederhose, immer höflich und opportun lächelnd. Johanna Bantzer gibt Jedermanns Werke, ein unterernährtes, zerbrechliches Wesen, das ihre zarten Marionettenglieder kaum regen kann, die aber mit ihrer ausdrucksstarken Stimme für Rührung sorgt.

Der Teufel schließlich kriecht wie ein sympathisches Tier aus dem Souffleurkasten: Christoph Frankens rundliche Gestalt ist mit transparentem, haarig besetztem Stoff überzogen (Kostüme: Olivera Gajic), zwischen den Beinen baumelt gut sichtbar sein Gemächt, das er an der Himmelspforte auch einzusetzen weiß. Ein gemütlicher Kerl mit zwei Hörnern, der dann und wann auch seinen meterlangen Löwenschwanz streichelt und ganz und gar nicht verstehen kann, warum ihm der moralisch verkommene Jedermann entwischen sollte. Er verspeist ersatzweise eine Geige.

Präsenter und in ihren Anliegen als vergnügte Verführerin lebhafter und ehrlicher als so manche Buhlschaft vor ihr agiert Brigitte Hobmeier. Sie schwenkt ihr Kleid von 32 Metern Saumlänge zu aufregenden Figuren. Allzu angestrengt wirkt ihr gegenüber manchmal Cornelius Obonya als Titelheld. (Margarete Affenzeller, 21.7.2015)

  • Eine Zuwendung von recht kurzer Dauer: Die Werke (Johanna Bantzer) beschmusen den Teufel (Christoph Franken).
    foto: imago / ernst wukits

    Eine Zuwendung von recht kurzer Dauer: Die Werke (Johanna Bantzer) beschmusen den Teufel (Christoph Franken).

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