Expats kehren Russland den Rücken

21. Juli 2015, 08:00
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Die Zahl westlicher Ausländer in Russland schwindet dramatisch. Die Behörden wiegeln ab. Experten halten die Folgen für die Wirtschaft für problematisch

Das Kapitel Russland ist für Fabio Capello abgeschlossen. Für den 69-jährigen Fußballtrainer war es sicher nicht die erfolgreichste Station seiner Laufbahn, aber mit Abstand die lukrativste: Allein die Abfindung für die vorzeitige Vertragsauflösung belief sich auf 15 Millionen Euro. Russischen Medienberichten zufolge verdiente der mehrfache italienische und spanische Meistercoach in den drei Jahren als Chef der Sbornaja 40 Millionen Euro.

Lange Zeit erfreute sich Russland hoher Popularität bei westlichen Expats. Dem Land fehlten Spezialisten, und Unternehmen lockten Fachkräfte und Führungspersonal mit hohen Gehältern und zahlreichen Privilegien. Während billige tadschikische und usbekische Gastarbeiter für Kopeken schufteten, kamen einer Umfrage vor wenigen Jahren nach 30 Prozent der westlichen Spezialisten auf ein Jahresgehalt von über 250.000 Dollar. Dazu gab es zumeist das volle Sozialpaket und oft auch noch den Dienstwagen mit Chauffeur oder gar die eigene Dienstwohnung – bei Moskauer Mietpreisen ein generöser Obolus.

Exodus

Doch vom einstigen Charme ist wenig geblieben. Inzwischen hat der Exodus eingesetzt: "Im vergangenen Jahr sind 15 Prozent aller Expats ausgereist. Vertretungen und Filialen westlicher Firmen werden geschlossen, und Unternehmen entlassen, um Gehalt zu sparen, vor allem die teuren Ausländer", teilte der Krankenversicherer AP Companies mit.

Die Tageszeitung Nowaja Iswestija berichtet unter Berufung auf die russische Migrationsbehörde FMS gar, dass seit Beginn der Ukraine-Krise 31 Prozent der in Russland arbeitenden Deutschen, 36 Prozent der US-Amerikaner, 38 Prozent der Briten und 41 Prozent der Spanier abgewandert seien. Wurde die Gesamtzahl der Expats in Russland vor der Krise auf etwa 100.000 geschätzt, machen die ersten drei Gruppen davon etwa ein Drittel aus.

Wladimir Woloch, Leiter der Bürgerkammer beim FMS, nannte die Berichte übertrieben. Aus wirtschaftlichen Gründen seien womöglich tatsächlich einige ausländische Manager weggeblieben. "Ich bin aber der Ansicht, dass eine Senkung von 20.000 bis 30.000 keine Massenabwanderung bedeutet", sagte er.

Zumindest Österreicher sind dem Trend laut der Botschaft in Moskau tatsächlich kaum unterlegen. Deren Schätzung nach ist die Zahl von etwa 1000 Österreichern in Russland stabil geblieben. Die russischen Behörden hoffen zudem darauf, die Lücken teilweise durch Flüchtlinge aus der Ukraine decken zu können, von denen viele die Flucht vor Krieg und Wirtschaftskollaps Richtung Moskau angetreten haben.

Anzeichen einer ernsten Krise

Experten sehen den Exodus dennoch mit Sorge: Russlands Defizit an hochqualifizierten Arbeitern wachse rasant, warnen Ökonomen. Juri Wirowetz, Präsident der Arbeitsvermittlungsagentur HeadHunter, nennt die Lage bei IT-Spezialisten und Ingenieuren in der Landwirtschaft und im Produktionsbereich "katastrophal".

Der Abzug westlicher Fachkräfte ist keineswegs nur auf die politischen Spannungen zurückzuführen. Natürlich haben die Sanktionen nach dem Anschluss der Krim und den Kämpfen in der Ostukraine das Geschäftsklima in Russland weiter belastet. Doch bereits zuvor hatte sich Russlands auf Öl und Gas basierendes Wachstum sichtbar verlangsamt, und Ausländer hatten sich mehr und mehr aus dem Land zurückgezogen.

Präsident Wladimir Putin hatte zu seiner Wiederwahl 2012 ein neues Wachstumsmodell mit Jobs in der Hochtechnologie verkündet. Die Abwanderung der ausländischen Spezialisten belege, dass sich der Hightech-Sektor in Russland nicht entwickle, erklärte nun Owsej Schkaratan, Professor an der Moskauer Higher School of Economics. Ohne diese Entwicklung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung zu hoffen sei sinnlos, meinte er. (André Ballin aus Moskau, 21.7.2015)

  • Russische Traditionsware in Moskau. Russland hat für viele Ausländer mittlerweile den Charme verloren.
    foto: ap/japaridze

    Russische Traditionsware in Moskau. Russland hat für viele Ausländer mittlerweile den Charme verloren.

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