Einbruchsprozess: Die emotionalisierte Richterin

21. Juli 2015, 08:00
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Fünf junge Männer sollen Serieneinbrecher sein. Sie sind geständig, einer von ihnen erzürnt aber die Vorsitzende

Wien – Für gewöhnlich ist Michaela Röggla-Weisz eine recht entspannte Richterin. Nicht so am Montag, als sie einem Schöffengericht vorsitzt, das über fünf angeklagte Serieneinbrecher entscheiden muss. Denn nur vier sind da – ausgerechnet der Teenager, der auf freien Fuß gesetzt wurde, nicht.

Dass es in dem Verhandlungssaal gefühlte 40 Grad hat und der Sauerstoffgehalt der Luft im Promillebereich liegt, steigert die Laune von Röggla-Weisz auch nicht unbedingt. Wo Ilir M. ist, wissen weder seine Verteidigerin noch sein Stiefvater. Letzterer steht zumindest mit M.s Freundin in SMS-Kontakt. "Er soll herkommen, und zwar sofort!", dekretiert die Vorsitzende.

Polizei holt Angeklagten ab

Zur Bewährungshelferin des 17-Jährigen sagt sie: "Bitte eine Erklärung! Sie sind für seine Auflagen verantwortlich!" Die Helferin kann nur sagen, dass er bisher immer pünktlich war. Schließlich ruft Röggla-Weisz die Freundin des Angeklagten an, die sagt, dieser sei in ihrer Wohnung. Dorthin schickt die Vorsitzende daher die Polizei, um ihn zu holen.

Nach eineinhalb Stunden wird er vorgeführt. "Was glauben Sie eigentlich? Warum sind Sie nicht gekommen?" fragt ihn Röggla-Weisz streng. Seine Antwort ist nicht die klügste: "Ich war unterwegs." – "Bitte, die Polizei hat Sie gerade aus der Wohnung Ihrer Freundin geholt, die schon vorher gesagt hat, dass Sie dort sind!" M. schweigt betreten.

Als er einen Mitangeklagten angrinst, reicht es der Vorsitzenden. "Da gibt es nichts zu grinsen in Ihrer Situation", stellt sie fest. "Ich muss mich erst wieder entemotionalisieren", schnauft sie durch.

Unbescholtene Angeklagte

Die fünf unbescholtenen Angeklagten, zwischen 17 und 31 Jahre alt , haben bisher geleugnet oder nichts gesagt. Nun sind sie in den meisten der 35 Anklagepunkte geständig. Im Jänner und Februar sollen sie in wechselnder Besetzung in Autos und Geschäfte eingebrochen sein oder Ladendiebstähle begangen haben. Mitgehen ließen sie alles, was irgendwie verwertbar schien: Bargeld, Zigaretten, Parfums, Handys, Getränke, Autobahnvignetten.

Alle Angeklagten stammen aus Mazedonien, die Vorsitzende stellt daher allen dieselbe Frage: "Wie ist es dazu gekommen, dass Sie in Österreich einbrechen?" Die Antworten sind inhaltlich alle gleichlautend – man habe kein Geld gehabt.

Unterschiede gibt es bei der Frage, warum das so war. Einer wollte seine Freundin in der Slowakei besuchen und strandete in Wien, einem anderen ging bei der Rückreise von Deutschland das Geld aus, einem Dritten bei der Fahrt dorthin.

Zufällig und oft eingebrochen

Letzterer gibt aber eine überraschende Auskunft nach seinen Motiven: "Das war zufällig." – "Dafür war es aber ein bisschen oft!", hält ihm Röggla-Weisz vor. "Können wir uns darauf einigen, dass man nicht zufällig einbricht?" Man kann.

Bei einigen Delikten gibt es dagegen kein Geständnis, die Erklärungen klingen aber durchaus plausibel. Der Fünftangeklagte gibt alle Fakten zu, nur ein Einbruch habe bereits drei Wochen vor seiner Einreise stattgefunden.

Der 17-Jährige wird dagegen bei einem Wohnungseinbruch durch seine DNA-Spuren am Tatort belastet. Nur: Es war die Wohnung seiner damaligen Freundin, er hielt sich nachweislich in den Räumlichkeiten auf. Da deren Mutter offenbar nichts von der Beziehung wusste, geriet er naheliegenderweise unter Verdacht.

Teil der Strafe in Untersuchungshaft verbüßt

In diesem und einem weiteren Punkt wird M. schließlich auch freigesprochen, für den Rest erhält er 18 Monate, von denen er den unbedingten Teil von zwei Monaten bereits in der Untersuchungshaft verbüßt hat. Zusätzlich erhält der in Wien bei seinem Stiefvater lebende Teenager Bewährungshilfe.

Die volljährigen Angeklagten fassen zwischen 18 und 24 Monate teilbedingt aus, der unbedingte Teil beträgt zwischen sechs und acht Monaten. Die Angeklagten nehmen die Urteile an, die Staatsanwältin gibt keine Erklärung ab, daher sind sie nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, 21.7.2015)

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