Twitter, das liebste Propaganda-Werkzeug des IS

25. Juli 2015, 09:43
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Die Social Media-Aktivitäten der Terrororganisation stellen Betreiber und Behörden vor wachsende Herausforderungen

Beim Anschlag auf ein tunesisches Touristenressort mit 38 Todesopfern nutzte die Terrororganisation Islamischer Staat Twitter, um sich zur Tat zu bekennen. Über Youtube verbreitet man Videos grausamer Hinrichtungen. Durch Reuploads anderer Nutzer sind diese Inhalte von dort auch kaum mehr weg zu bekommen. Facebook und Co. werden genutzt, um neue Anhänger zu rekrutieren.

Zunehmend nutzen die Islamisten, die mittlerweile erhebliche Areale im Irak und Syrien kontrollieren, soziale Plattformen aus den USA, berichtet die Washington Post. Deren Betreiber stürzt dies in ein Dilemma zwischen Sicherheit und freier Meinungsäußerung.

Balanceakt

"Der IS hat uns mit diesen wirklich unmenschlichen und entsetzlichen Bildern konfrontiert", erklärt Victoria Grand gegenüber der Post. Sie ist Chefin jener Abteilung, die festlegt, welche Inhalte auf Youtube geduldet werden und welche nicht. "Es gibt Leute, die sind der Meinung, dass man beim Eintippen von 'Jihad" oder 'IS' auf Youtube keine Ergebnisse bekommen sollte. Wir sehen das nicht so."

Ziel sei es, eine Balance zu finden. Menschen müssen die Möglichkeit erhalten, Informationen zu finden und darüber zu reden. Gleichzeitig darf man allerdings nicht zum Distributionskanal für IS-Propaganda werden.

IS-Lieblings-Werkzeug: Twitter

Der Vize-Staatsanwalt für Fragen der nationalen Sicherheit erklärte jüngst, dass Youtube und Co. von den Terroristen "missbraucht" würden und mehr getan werden müsse, da die Gefahrenlage wachse, obwohl die Unternehmen selbst mit mehr Ressourcen gegen die IS-Inhalte vorgehen würden.

Eine Untersuchung des Department of Homeland Security sieht Twitter als primäres Werkzeug des IS, um online seine Botschaften zu verbreiten und nach außen ein Image der Stärke und Macht aufzubauen. Generell verbreitere IS seine Social Media-Aktivitäten beständig.

Selbstregulierung

In den USA pflegen die sozialen Netzwerke weitestgehend Selbstregulierung. Was geschrieben werden darf und was nicht, hängt im Wesentlichen von der individuellen "Hausordnung" ab. Denn der erste Verfassungszusatz der Vereinigten Staaten wird üblicherweise so ausgelegt, dass er gesetzliche Intervention auch gegen noch so hasserfüllte Meinungsäußerungen als nicht verfassungskonform einstuft.

Das von sich aus vehementeste Vorgehen zeigt Facebook. Dort pflegt man bezüglich Terror-Content eine Nulltoleranz-Politik und bemüht sich, entsprechende Postings proaktiv zu entfernen. Twitter hat seine Nutzungsbedingungen mittlerweile angepasst und dort die Androhung oder das Bewerben von Terrorismus untersagt.

"Wilder Westen des Jihad"

Das Internet und die sozialen Medien erleichtern dem IS seine Propaganda-Arbeit freilich trotzdem. Wo etwa einst Al-Kaida-Führer Osama Bin Laden in irgendwelchen Höhlen seine Ansprachen aufnehmen musste, ehe sie erst Wochen später über einen weitestgehend unbekannten TV-Sender in Katar verbreitet wurden, ist heute Twitter laut dem Middle East Media Research Institute der "Wilde Westen des Jihad" geworden.

Eine Entwicklung, die auch Bin Laden laut einem Schreiben aus 2010, vorhergesehen hatte. Andere Terrorgruppen, etwa die somalische Al-Shaabab-Miliz, verwendete etwa Twitter lange, bevor der IS überhaupt existierte. 2013 begleitete man einen Anschlag auf ein Einkaufszentrum in Nairobi per Kurznachrichten in Echtzeit.

Laut FBI folgen dem IS auf Twitter mittlerweile über 21.000 englischsprachige User. Das Unternehmen geht mittlerweile deutlich schärfer gegen Konten vor, die in Verbindung mit der terroristischen Vereinigung stehen. Als Reaktion erhielt der Firmenchef Todesdrohungen.

Folgen

Die Aktivitäten von Terroristen auf solchen Plattformen können dabei sehr direkte Auswirkungen haben, erklärt Rita Katz von der SITE Intelligence Group, die sich mit der Online-Kommunikation des IS und anderer Organisationen beschäftigt. So hatte ein Anhänger des Islamischen Staats etwa dazu aufgerufen, in den USA Anschläge im Stile des Attentats auf Charlie Hebdo auszuführen. Eine Aufforderung, der zwei Männer im texanischen Garland folge leisten wollten. Ihr Versuch, Cartoonisten auf einer Veranstaltung anzugreifen, konnte aber vom Sicherheitspersonal vereitelt werden.

"Twitter muss verstehen, dass sie verantwortlich dafür sind, welche Art von Informationen von ihnen verbreitet wird", so Katz. Der Kurznachrichtendienst sei ein extrem mächtiges Werkzeug.

Schwierige Trennung

Die Trennung zwischen legitimen Inhalten und problematischen Postings ist allerdings oft schwer. Aufgrund des hohen Aufkommens an Mitgliedern und Einträgen müssen die Betreiber auf automatisierte Hilfen zurückgreifen, die Verbotenes zur Moderation markieren oder löschen.

Während dank Datenbanken mit den unter Pädophilen oft getauschten Kinderporno-Bildern in Verbindung mit einem Algorithmus sehr effizient darin sind, entsprechenden Content auszusortieren, ist die Unterscheidung zwischen Terror-Postings und legitimen Inhalten deutlich schwerer. Besonders problematisch ist etwa die Trennung von den Postings von Medien-Postings, die über terroristische Ereignisse berichten. So findet sich etwa die mittlerweile bekannte IS-Flagge sowohl in der Nachrichtenberichterstattung, als auch auf vielen Fotos, die der IS selber verbreitet.

Sehr oft werde von den IT-Konzernen erwartet, Dinge zu tun, zu denen sie gar nicht imstande sind, erklärt Christopher Soghoian von der American Civil Liberties Union. Die Argumentationslogik entspreche dabei oft dem Schema "Amerika hat es geschafft, Menschen zum Mond zu fliegen. Warum geht also so etwas nicht?". Verantwortungsträger würden Computer oft wie "magische Kästen" behandeln, es gäbe aber keine einfachen Lösungen.

Pro und Contra Sperrung

Einige Aktivisten argumentieren zudem, dass auch die Postings des IS, so grausam sie auch sein mögen, letztlich Teil einer historischen Aufzeichnung würden und somit von zeitgeschichtlicher Relevanz seien. Dabei verweisen sie etwa auf das Foto eines südvietnamesischen Polizeikommadanten aus dem Jahr 1968. Darauf zu sehen ist, wie dieser einem mutmaßlichen Vietcong-Kämpfer in den Kopf schießt. Die Aufnahme wurde zu einem Symbol für den Vietnamkrieg, der verantwortliche Fotograf der Nachrichtenagentur AP erhielt dafür den Pulitzer-Preis.

Die Terrorbekämpfer der Sicherheitsbehörden sind zudem geteilter Meinung, was den Umgang mit Terror-Propaganda auf sozialen Netzwerken angeht. Während es bekannte Argumente dafür gibt, Konten des IS umgehend zu schließen, gibt es aber auch gute Gründe, sie online zu lassen. Denn sie könnten Ermittlern und Geheimdienste wertvolle Informationen liefern. Dazu tauche für jede stillgelegte Seite sehr schnell irgendwo eine neue auf. Dazu kämpft man mit dem steigenden Wildwuchs an diversen sozialen Plattformen.

Unsichtbare Nadeln in wachsendem Heuhaufen

Die Ermittler fürchten auch, dass die Terroristen künftig vermehrt ins verschlüsselte Darknet abtauchen, wo ihre Kommunikation wesentlich schwerer nachverfolgt werden kann. Twitter könnte dann dazu genutzt werden, neue Anhänger zu gewinnen und dann dort hin zu lotsen.

Das ganze Land sei mittlerweile schon ein stetig wachsender "Heuhaufen", meint der ehemalige führende Homeland Security-Mitarbeiter John Cohen gegenüber der Washington Post. "Wir suchen nach Nadeln, die zunehmend unsichtbar für uns werden." (gpi, 25.07.2015)

  • Der IS konzentriert sich laut Experten bei seiner Social Media-Arbeit vor allem auf Twitter.

    Der IS konzentriert sich laut Experten bei seiner Social Media-Arbeit vor allem auf Twitter.

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