Franzobel: Sein oder nicht sein Glas – ist doch egal

20. Juli 2015, 08:05
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"Hamlet" goes Nestroy: Franzobel dichtet Shakespeare für Wiener Lustspielhaus um

Wien – Shakespeares Tragödien in Komödien umzuwidmen ist ein reizvolles Unterfangen. Man kann mit den edlen Blankversen beispielsweise eines Hamlet endlich so richtig Schlitten fahren – ganz im Sinne der Anforderungen des hiesigen Sommertheaters. Für das Wiener Lustspielhaus hat Franzobel das Drama um den Dänenprinzen dementsprechend umgedichtet. In Adi Hirschals Regie heben haarsträubend proletarisierte Figuren einen deftigen Abend aus der Taufe: Hamlet oder Was ist hier die Frage?. Franzobel ergreift lautmalerisch, reimtechnisch und kalauernd die Flucht nach vorn; und das nennt man eine richtige Entscheidung.

Aus Shakespeare wird ein kurzweiliger Nestroy mit schönen Couplets in Molltönen (Musik: Wolfgang Tockner). Der Plot ist in groben Zügen wiederzuerkennen. Allerdings biegt sich – ein Merkmal jeder Komödie – auf wundersame Weise am Ende ein Happy End zurecht, in dem sich alle herumliegenden Toten zu einer gemeinschaftlichen Reflexion erheben, ihr Handeln überdenken und sich folglich einigermaßen miteinander versöhnen. Hamlets Geist-Vater sei gedankt.

"Prada?" – "Jo, brader bist worden." Der innerfamiliäre Charme der Königsfamilie hält sich in Grenzen. In Franzobels Fassung ist sie eine Kunsthändlerfamilie (man kann sich ihre eigene Sammlung in den kühnsten Träumen nicht geschmacklos genug ausmalen). Deren Sohn Herbert (Robert Finster) kehrt, weil Vater "starb", aus dem Internat heim und will sich als Merkmal eines leidgeplagten Kindes nun einen neuen Namen geben: Hamlet. Mutter Gerti (Sylvia Haider) findet das affig, doch Ophelia (Carola Pojer), dem nekrophilen Wesen mit dem Indianerkopfschmuck (tolle Kostüme: Maddalena Noemi Hirschal), gefällt der Name sehr, vereint er doch die beiden kraftspendenden Lebensmittel Hammelfleisch und Kotelett in sich.

"Hot's di herbert, Herbert?" ist einer der Sprüche aus Franzobels Wortzaubertrickkiste. Schlichtweg genial platzierte er die "Sein oder nicht sein"-Phrase in einem Dialog (sein oder nicht sein Glas). Kritik bündelt sich in Form von Seitenhieben auf das ORF-Programm oder auf den Sänger Andreas Gabalier, auch prangert Güldenstern/Rosenkranz (Fridolin Meinl) den Zeitgeist an, den einzig verbliebenden gesellschaftlichen Drang: den nach einem angenehmen Leben.

Dass das berühmte Stück im Stück (mit dem Claudius überführt wird) aus dem Auktionshaus Christie's stammt, versteht sich von selbst. (Margarete Affenzeller, 20.7.2015)

Bis 29. 8.

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Wiener Lustspielhaus

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