Der Fußball hat Frau Spieler nie losgelassen

20. Juli 2015, 05:30
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Zu einer Zeit, als Frauenfußball noch belächelt wurde, brachte es Sonja Spieler zur Teamkapitänin und zum FC Bayern. Sie ärgert sich über "unprofessionelle " Medienberichte und liebt den Fußball nach wie vor

Tettnang/Wien – An den Zeitungsartikel aus dem Jahr 1994 kann sie sich nicht erinnern. "Ist sie nicht schön anzusehen?", war unter einem Foto der damals 16-jährigen Fußballerin Sonja Spieler zu lesen. Spieler (37), aus Hohenweiler in Vorarlberg, nimmt es gelassen. 21 Jahre sind eine lange Zeit. Im Frauenfußball hat sich viel getan – auch in Österreich. Spieler hat ihren Anteil daran. 62-mal kickte sie für das Nationalteam. Bis sie Nina Burger im Februar dieses Jahres überholte, war Spieler Rekordnationalspielerin. 1993, 15-jährig, stand sie erstmals im Kader des A-Teams, im September 2010 beendete sie ihre Teamkarriere. "Die Zeit im Fußball hat mir viel gegeben", sagt sie.

Der Fußball hat Spieler nie losgelassen. Bei ihrem Heimverein SC Hohenweiler war sie vier Jahre lang Trainerin des Frauenteams, das in der Landesliga spielt. Jugendcamps organisiert sie immer noch. "Das ist eine große Leidenschaft von mir." Für einen Trainerposten auf höherer Ebene hat sie keine Ambitionen. "Das war mal im Gespräch." ÖFB-Teamchef Dominik Thalhammer fragte an, ob sie mitwirken wolle. Sie entschied sich dagegen. Ihr Beruf fordert sie genug, macht ihr aber "total Spaß". Seit 1995 arbeitet Spieler in Bregenz beim Land Vorarlberg. Sie wirkt im Sportreferat. Seit knapp zwei Jahren lebt sie in Deutschland, im grenznahen Tettnang, seit fünf Jahren in einer glücklichen Beziehung. In Tettnang spielt sie auch noch Fußball – im hiesigen Ü35-Team. "Aber das ist eigentlich nicht erwähnenswert."

Fußball und Mädchen

Dass Spieler vor rund 30 Jahren ausgerechnet Fußball zu ihrer Sportart auserkoren hat, ist schon erwähnenswert. Fußball und Mädchen – das war damals keine Selbstverständlichkeit. Aus Spielers Sicht hat sich die Sache aber recht logisch ergeben. "In Hohenweiler gab es keinen Tennis-, keinen Leichtathletikplatz, aber, 300 Meter von meinem Elternhaus entfernt, einen Fußballplatz." Im Alter von neun Jahren begann sie beim SC Hohenweiler. Mitspieler: Buben. Gegner: Buben. Ausschließlich. "Ich war das einzige Mädchen in ganz Vorarlberg." Anerkennungsprobleme? Keine. Spieler: "Die Akzeptanz war riesig." Auch bei ihren Klassenkolleginnen. Sie besuchte die von Klosterschwestern betriebene Fachschule für wirtschaftliche Frauenberufe in Bregenz. Der Schuldirektor war nicht begeistert über Spielers häufige Fehlzeiten wegen der Nationalteameinsätze.

Spieler ließ die Schule hinter sich, den Fußball nicht. Von Hohenweiler ging's nach Schwarzbach, dann nach Deutschland zum SV Oberteuringen und zum TSV Tettnang. Es war im Jahr 2002, als Spieler mit dem Nationalteam ein Testspiel gegen den FC Bayern München absolvierte. Sie fiel auf, das Management des Vereins kam auf Spieler zu. Von der dritten Liga wechselte die damals 24-Jährige in die erste. Spieler: "In den ersten Trainingswochen war erkennbar, dass ich Defizite habe." Aber sie holte auf. Sie trainierte zusätzlich in Ravensburg und in Tettnang. Weil sie weiter in Vorarlberg wohnte, absolvierte sie nur das freitägliche Abschlusstraining mit den Münchnerinnen – und natürlich die Spiele. 110 Bundesliga-Partien sollte die Mittelfeldakteurin zwischen 2002 und 2010 für den FC Bayern absolvieren. Den ersten Meistertitel holten die FCB-Frauen erst nach Spielers Zeit – 2014/15. Auch das ÖFB-Team steht heute deutlich besser da als noch vor einigen Jahren. Wehmütig ist Spieler deshalb nicht. "Ich freue mich, dass ich zur Entwicklung beitragen konnte."

Kein "Leiberltausch"

Zu den Heimspielen der Bayerinnen kommen mittlerweile mehr als die zu Spielers Zeit vier- bis fünfhundert Zuschauer. Überschaubar war auch der Verdienst. Spieler: "Ich konnte nicht davon leben." Sie arbeitete immer nebenher und pendelte zunächst. "Manchmal frage ich mich, wie ich das alles unter einen Hut gebracht habe." Bis 2006 der Stress überhandnahm. Spieler erkrankte an Pfeiffer'schem Drüsenfieber. "Der Körper hat rebelliert. Ich musste eine Entscheidung treffen." Sie ließ sich von ihrem Arbeitgeber in Vorarlberg freistellen, wohnte, arbeitete und kickte fortan und bis 2008 in München. Nach einem Kreuzbandriss und einem Gastspiel beim Schweizer Zweitligisten FC Staad kehrte sie Ende 2009 zum FC Bayern zurück. Nach der Saison 2010/11 war dann endgültig Schluss. Ihre Karriere, sagt sie, habe insgesamt "ein stimmiges, schönes Bild" ergeben. Geblieben sind ihr die Erinnerungen und zahlreiche Freundschaften.

An Sprüche aus den Zuschauerreihen, wie etwa den Klassiker "Leiberltausch", kann sie sich nicht erinnern. "Ich hatte nie das Gefühl, dass wir belächelt werden." Nur die Medien hätten teilweise nicht sehr professionell berichtet. Sie erinnert sich etwa an Zeitungsfotos, auf denen Fußballerinnen in unvorteilhaften Posen zu sehen waren. Auch heute sei diesbezüglich noch nicht alles optimal. "Mir fehlt der Fokus auf den sportlichen Bereich", sagt Spieler. Und nennt das Beispiel Hope Solo. Über die Torfrau der Weltmeisterinnen aus den USA wurde während der WM in Kanada vielfach als Skandalnudel und Sexsymbol berichtet. Dabei waren Solos Leistungen wirklich schön anzusehen. (Birgit Riezinger, 20.7.2015)

  • 62 Länderspiele absolvierte Sonja Spieler (links) für Österreichs  Nationalteam. Nicht immer ging es so dreckig zu wie am 21. April 2001  gegen Ungarn. Das ÖFB-Team steht heute besser da als damals. Spieler  sieht es nicht wehmütig. "Ich freue mich, dass ich zur Entwicklung  beitragen konnte."
    foto: gepa/kop

    62 Länderspiele absolvierte Sonja Spieler (links) für Österreichs Nationalteam. Nicht immer ging es so dreckig zu wie am 21. April 2001 gegen Ungarn. Das ÖFB-Team steht heute besser da als damals. Spieler sieht es nicht wehmütig. "Ich freue mich, dass ich zur Entwicklung beitragen konnte."

  • Sonja Spielers Karriere ergab "ein stimmiges, schönes Bild".
    foto: manfred obexer

    Sonja Spielers Karriere ergab "ein stimmiges, schönes Bild".

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