Letzter Rastplatz in Serbien

Reportage20. Juli 2015, 11:57
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Eine Familie am Stadtrand der serbischen Stadt Subotica hilft Flüchtlingen, die sich durch den Wald in Richtung Grenze durchschlagen

Bei kräftigem Sonnenschein und leichtem Wind fährt Dávid mit seinem Minivan durch die Straßen Suboticas. Sein Ziel ist eine alte, verlassene Ziegelfabrik. Obwohl er täglich diesen Ort besucht, kennt ihn von den Anwesenden hier fast niemand. Kaum steigt er aus seinem Auto aus, fängt er mit einer Geländebegehung an. "Ganz vorne, beim Eingang, in 15 Minuten", sagt er zu jeder Gruppe, die ihm auf seinem Weg begegnet.

Sein Weg durch den "Dschungel", wie das Gelände rund um die Ziegelfabrik genannt wird, ist keine einfache Aufgabe. Das Terrain gleicht rudimentär einem Mistplatz. Plastikflaschen, Konserven, weggeschmissene Kleidungsstücke, schimmelige Essensreste und Knochen zahlreicher Tiere häufen sich. Einsame Hundefamilien leisten den Gästen auf dem Gelände Gesellschaft. Versteckt zwischen Bäumen und selbstgebastelten Hütten, bilden Menschen kleinere und größere Grüppchen. Die meisten stammen aus Afghanistan und Pakistan.

Die letzte Rast

"Es hat sich unter den Flüchtlingen herumgesprochen, dass sie hier am Stadtrand von Subotica niemand belästigt und sie von uns Essen und Medikamente kriegen", sagt Dávid. Für die meisten Flüchtlinge ist die alte Ziegelfabrik der letzte Rastplatz, bevor sie den Versuch starten, illegal die ungarische Grenze zu passieren. Noch einmal ausruhen und die letzten Kräfte mobilisieren.

Zahlreiche Gerüchte kursieren unter den sichtlich angespannten Flüchtlingen. Ihre Gefühle wechseln zwischen Hoffnung und Angst, Gewissheit und Skepsis. Vieles haben sie über die ungarische Exekutive gehört. Keiner weiß, was davon stimmt. Der Zweifel ist ihr ewiger Begleiter.

Immer schneller

Bald soll ein Zaun an der grünen Grenze zu Ungarn die illegale Einwanderung in die Europäische Union eindämmen. Die Errichtung hat vergangene Woche begonnen und soll bis Ende November beendet sein. Dann soll der Zaun 175 Kilometer lang sein.

Die Flüchtlinge reagieren bereits auf den Bau: Immer seltener wird gerastet, immer schneller Richtung Ungarn gewandert. Manche lassen sich aber gar nicht beunruhigen. "Ein Zaun kann uns nicht aufhalten", sagt Omar. "Während unserer Flucht sind wir schon über verschiedene Zäune gekommen", zeigt sich auch sein Freund Faisal selbstsicher.

In der Bevölkerung von Subotica nimmt die Angst hingegen zu. Die hier lebenden Menschen fürchten, dass der Grenzzaun einen "Flüchtlingsstau" auslösen könnte. Am Stadtrand waren die Flüchtlinge für die Einwohner bisher fast nicht bemerkbar. Auch die Regierung der 150.000-Einwohner-Stadt nahm von dem Treiben bislang kaum Notiz.

Seit wenigen Tagen ist eine durchgehende Versorgung mit sauberem Trinkwasser für die Flüchtlinge an dem Ort garantiert. "Wir haben die Wasserqualität im Brunnen bei der Fabrik testen lassen. Dabei hat sich herausgestellt, dass das Wasser gesundheitsschädliche Bakterien enthält" , erzählt Tibor Varga, Mitarbeiter der christlichen Osteuropamission. "Daraufhin verordnete der Bürgermeister die Aufstellung von zwei Zisternen", sagt er weiter. Varga sammelt seit Jahren Spenden für die hier ankommenden Flüchtlinge. Viele nennen ihn deswegen den "guten Menschen von Subotica".

Während sein Sohn Dávid den "Dschungel"-Rundgang macht, schreibt jemand mit dem Finger auf das staubige Fenster des Lieferwagens den Satz "My life is empty without my family" ("Ohne meine Familie ist mein Leben leer"). Worte, die wohl zahlreichen Flüchtlingen aus der Seele sprechen.

Essen von der Bäckerei

"Stellt euch in einer Reihe an", sagt Dávid ein weiteres Mal zu den um ihn versammelten Flüchtlingen. Es dauert ein paar chaotische Sekunden, dann stehen alle in einer Reihe. Nun kann es losgehen. Von wackeligen Tischen wird ihnen das Essen ausgeteilt. Dank Spenden einer Bäckerei bekommt jede Person zwei Stück Brot und vier Eier. Das ist die tägliche Ration.

Während einige sich ein zweites Mal anstellen, schaffen es andere gar nicht, an der Essensausgabe teilzunehmen. Ahmad, ein Bub mit schwarzem Haar, denkt an seinen Freund Aman, der es nicht zum Van schafft. Die rund 6000 Kilometer von Pakistan bis nach Subotica haben ihre Spuren hinterlassen. Er kann sein Bein aus Schmerz kaum bewegen und bräuchte dringend einen Arzt. Dennoch will auch er bald den Grenzübertritt wagen. (Balázs Cseko, Sinisa Puktalovic aus Subotica, 20.7.2015)

  • In Subotica warten Frauen auf Essen, nahe Szeged gibt es Wasser – dazwischen kommt ein Zaun.
    foto: standard/sinisa puktalovic

    In Subotica warten Frauen auf Essen, nahe Szeged gibt es Wasser – dazwischen kommt ein Zaun.

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    foto: ap/darko vojinovic
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