Christian Benger: "Niemand muss sich vor dem Brauchtum fürchten"

Interview19. Juli 2015, 10:00
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Von der Kürzung des Kulturbudgets in Kärnten sind mehrere renommierte Institutionen betroffen. Der Kulturlandesrat steht ganz zum Sparkurs und will zuallererst Bewährtes sichern

STANDARD: Das Kulturangebot ist – neben attraktiven Berufsaussichten und einer hohen Lebensqualität – allen soziologischen Untersuchungen zufolge der dritte Grund, um in einer Region zu bleiben. Da müsste es doch auch einen Landesrat geben, der davor warnt, das Kulturbudget zu kürzen. Sind Sie dieser Landesrat? Von Herzen?

Christian Benger: Ich führe nahezu täglich einen Abwehrkampf gegen die weiteren Kürzungen im Kulturbudget aus einem ganz einfachen Grund: Diese Kürzungen retten das Landesbudget nicht. Eine Budgetkonsolidierung kann nur dort erfolgen, wo die Kostentreiber sind: Verwaltung, Gesundheit, Soziales – 1,9 Milliarden Euro. Das Gesamtbudget macht 2,3 Milliarden Euro aus. Alle Experten in Land und Bund sehen dort die nachhaltigen Sparpotenziale, wenn man in die Strukturen geht. Ich stehe aber ganz klar zu einem Sparkurs. Das heißt, nur zu fördern, um zu fördern, halte ich nicht für sinnvoll. Daher gibt es nachvollziehbare Kriterien, die auf verschiedenen Ebenen mit Vertretern der Kunst und Kultur ausgearbeitet wurden. Damit schaffen wir Transparenz und Klarheit von vornherein. Aber es muss durchgängige Konzepte geben, damit auch eine Wirkung erzielt wird.

STANDARD: Man kann, wenn man sparen muss, überall ein bisschen etwas abschneiden, oder auf das eine oder andere ganz verzichten. Welchen Weg bevorzugen Sie? Und was ertragen die eingeführten Kärntner Festivals, also der Carinthische Sommer, die Komödienspiele Porcia und die trigonale, noch an weiteren Diäten, ohne an Bulimie zu verenden?

Benger: Wir werden gemeinsam mehr Fantasie brauchen, das ist klar. Beim Mitteleinsatz genauso wie bei Programmer stellungen. Aber ich nenne Ihnen ein Beispiel: Bei der Transformale haben wir gekürzt. Ich weiß, für alle, die dafür arbeiten, ist es schmerzhaft, weil sie mit Herz und Seele dabei sind. Aber wir haben kulturelle Leuchttürme in Kärnten, die weit über die Grenzen hinausstrahlen. Die Transformale war ein Versuch, etwas Neues zu machen, aber ich denke, bevor wir Neues angehen, müssen wir Bewährtes absichern. Ganz rigoros kürzen wir bei Drucksorten, die nicht notwendig sind. Das Geld muss zu den Initiativen und Vereinen und darf nicht in Marketing, Druckereien oder Foldern versickern.

STANDARD: Einer der Gründe dafür, dass Thomas Daniel Schlee vor einer Woche seine letzte Saison als Intendant des Carinthischen Sommers begann, war der, dass man von ihm die Aufgabe des Wiener Büros verlangt hat. Schlee hat von der Musikgeschichte immer eine Brücke in die Gegenwart geschlagen. Blickt ihm wenigstens eines Ihrer Augen weinend nach?

Benger: Ich bin der Überzeugung, dass Fördereuros auch einen Mehrfachnutzen haben müssen, und vertrete die Ansicht, dass Fördergelder auch im eigenen Land ihre Wirkung haben müssen. Wo das Büro für den Carinthischen Sommer ist, ändert nichts an der Bedeutung von Herrn Schlee für die europäische Musikwelt. Das hat mit seiner Kompetenz zu tun, aber nicht mit dem Standort seines Büros. Und wenn ein großer Teil des Förderbudgets in die Personalkosten und in die Infrastruktur, also ins Büro fließt, sollte das Geld nicht aus Kärnten abfließen.

STANDARD: Sie haben im ersten Jahr Ihrer Amtszeit ein Jahr der Volkskultur ausgerufen. Zyniker haben gemeint, der Kulturzweig, der schon bisher am wohlgenährtesten war, kommt wieder als Erstes dran. Nächstes Jahr soll es ein Jahr der freien Kulturszene geben. Zyniker haben gesagt, aus Anlass ihres ersten Todestages. Was ist denn das für ein Konzept?

Benger: Ich verstehe nicht, warum sich Kunst und Kultur vor dem Jahr des Brauchtums fürchten, wo doch Kunst und Kultur es sind, die immer Toleranz und Akzeptanz einfordern. Niemand muss sich vor dem Jahr des Brauchtums fürchten, und ich bin Kulturreferent für alle im Land. Und Brauchtum und Tradition sind Werte, die ich hochhalte, da stecke ich jede Kritik ein! Die Zyniker und Kritiker kenne ich, wenngleich ihre Wortwahl nicht ihrem Geist entspricht. Ohne kritische Auseinandersetzung kann sich eine Gesellschaft nicht weiterentwickeln, das ist klar, dazu stehe ich und ich halte es auch aus! Wir haben für das Jahr des Brauchtums weder die Mittel aufgestockt noch Sonderbudgets dotiert. Das Budget ist das der Volkskultur, 1,5 Mio. Euro, also rund 5 % des gesamten Kulturbudgets! Wieder ein Grund, dass sich niemand fürchten muss. Wir haben nur die Initiativen gebündelt, mit den Vereinen und Dachverbänden ein Ganzjahreskonzept erstellt. Wir unterstützen die Vereine. Vielleicht verwechseln die Kritiker und Zyniker die Unterstützung der Vereine mit der ehemaligen Instrumentalisierung der Volkskultur durch andere Kulturreferenten. Das findet definitiv nicht mehr statt.

STANDARD: Es gibt wichtige Kulturinstitutionen, mit denen noch heuer Dreijahresverträge auszuhandeln sind. Ich nenne beispielhaft die neuebühne in Villach und das Museum des Nötscher Kreises, das im Bereich der bildenden Kunst mit dem Werner-Berg-Museum und dem MMKK zu den Kronjuwelen des Landes zählt. Was haben sich die Betreiber von den Gesprächen mit Ihnen zu erwarten?

Benger: Es laufen derzeit harte Budgetverhandlungen für das nächste Jahr. Wir haben Vorgaben von der Finanzlandesrätin, und wir kennen unser Budget fürs nächste Jahr derzeit noch nicht. Wie gesagt, es wird noch immer verhandelt. Daher wäre es derzeit unseriös, solche Verträge einzu gehen.

STANDARD: In der vorigen Aufzählung der Kärntner Festivals fehlte die transformale, die ja in gewisser Weise ein noch gar nicht ausgetragenes Kind ist. Sind Sie da, entgegen der sonstigen Parteilinie, für eine Abtreibung?

Benger: Das Wort Abtreibung in so einem Zusammenhang zu verwenden, halte ich für geschmacklos.

STANDARD: Im Jahr 2019 steht die Hundertjahrfeier der Kärntner Volksabstimmung an. Gibt es dafür schon Überlegungen?

Benger: Es gibt schon Konkretes, doch das möchte ich nicht medial verbreiten, weil dazu noch Abstimmungen nötig sind. (Michael Cerha, 19.7.2015)

  • Kulturelles Lebenszeichen in Gefahr: der für die Transformale eingeleuchtete Aussichtsturm auf dem Pyramidenkogel.
    foto: martin mittersteiner

    Kulturelles Lebenszeichen in Gefahr: der für die Transformale eingeleuchtete Aussichtsturm auf dem Pyramidenkogel.

  • Christian Benger (ÖVP), geboren 1962 in Vorarlberg, ist seit 2014 Mitglied der Kärntner Landesregierung und Landesrat für Kultur.
    foto: apa/eggenberger

    Christian Benger (ÖVP), geboren 1962 in Vorarlberg, ist seit 2014 Mitglied der Kärntner Landesregierung und Landesrat für Kultur.

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