"Diese Niessl-Geschichte mit der FPÖ hat mich empört"

Interview18. Juli 2015, 09:00
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Regisseur Robert Dornhelm und Bundeskanzler Werner Faymann diskutieren über Quoten und Hetze, über richtige und falsche Positionen und den Umgang mit Kritik

STANDARD: Sie haben unlängst den Film "Oh Du mein Österreich" präsentiert. Sie leben in Kalifornien oder in Frankreich, was macht denn aus Ihrer Sicht, die doch etwas distanzierter ist, die österreichische Identität aus? Gibt es eine solche denn überhaupt?

Dornhelm: Wenn ich diesen Film erst jetzt gemacht hätte, also in den letzten vier Wochen, dann wäre er ganz anders ausgefallen, weniger positiv, als ich ihn angelegt habe, das muss ich schon sagen. Ich habe eine Liebe zu diesem Land, ich bin als Kind auch als Flüchtling nach Österreich gekommen, das war eine andere Situation als heute, aber man hat uns offen aufgenommen. Österreich war mir lieb und teuer, meine Großeltern sind hier begraben, auch meine Eltern. Teile meiner Familie leben hier. Ich komme immer wieder gerne zurück, aber diese jüngsten Entwicklungen gefallen mir gar nicht. Ich bin jetzt drei Monate am Stück hier, die Entwicklungen sind dramatisch. Ich bin schockiert über den Aufstieg der FPÖ, über die Flüchtlingsdiskussion, über die Sprache der Zeitungen, über das Selbstverständnis, mit dem das akzeptiert wird.

foto: standard/matthias cremer
Regisseur Robert Dornhelm und Bundeskanzler Werner Faymann im Gespräch im Bundeskanzleramt.

Faymann: Das muss man schon deutlich sagen: In Syrien ist Krieg, in vielen Ländern der Welt müssen Menschen um ihr Leben fürchten und flüchten. Und bei uns ist es offenbar nicht mehr als ein Kavaliersdelikt, wenn die FPÖ gegen diese Menschen hetzt. Da gibt's vielleicht einmal einen kleinen Kommentar dagegen, aber sonst ist so ein Gewöhnungsprozess entstanden. Die FPÖ macht mit den Ängsten der Menschen Politik und hetzt sie auf. Was muss eine Partei noch tun, dass es so etwas wie einen breiten gesellschaftlichen Schulterschluss gibt, der sich gegen diese Hetze starkmacht? Es gehört doch zur Identität von Österreich, dass wir ein menschliches Land sind. Wir haben immer Menschen aufgenommen, wir haben Asylrecht als Menschenrecht immer ernst genommen. Wie passt das zusammen? Wir diskutieren lieber drüber, welche Quote die richtige ist, hat der Bundeskanzler Recht oder der Landeshauptmann, aber es geht doch um etwas anderes: Warum schauen wir zu, wenn gegen Menschen gehetzt wird, warum empört das niemanden mehr?

STANDARD: Es findet die Regierung ja auch keine Antwort darauf. Den Schulterschluss gibt es ja nicht einmal in Ihrer Partei, da sind sich ja auch nicht alle einig, wie man mit der FPÖ umgehen soll.

Faymann: In Deutschland hat Kanzlerin Angela Merkel eine klare Sprache gesprochen, als es die ersten Demonstrationen gegen ausländische Menschen gegeben hat. In Österreich finden nicht alle diese klaren Worte, das ist schade. Ich selbst hab mich immer klar engagiert und klar gegen eine Koalition auf Bundesebene ausgesprochen. Das würde ich mir auch vom Koalitionspartner wünschen.

STANDARD: Das könnten Sie sich auch von Ihrer eigenen Partei wünschen, die koaliert im Burgenland immerhin mit den Freiheitlichen, denen Sie diese Hetze vorwerfen.

Faymann: Die Burgenländer haben mit 42 Prozent entschieden, den Landeshauptmann zu halten. Ich war nicht bei den Verhandlungen dabei. Ich habe auf Bundesebene immer gesagt, auch wenn sich nichts anders ausgeht: Mit dieser FPÖ gehe ich in keine Regierung.

STANDARD: Das sehen nicht alle in Ihrer Partei so, wie wir wissen. Herr Dornhelm, wie geht es denn Ihnen mit dieser rot-blauen Koalition im Burgenland?

Dornhelm: Ich bin entsetzt. Ich komme gerade aus dem Burgenland, ich habe dort in Sankt Margarethen die Tosca inszeniert, übrigens ein Totalverriss in Ihrer Zeitung. Über Niessl, den Landeshauptmann im Burgenland, kann ich jedenfalls sagen: Er ist eine Kulturbanause. Er geht lieber zur Operette, zur Oper kommt er nicht. Über Politik kann ich nur ins Blaue reden – nicht in dieses Blaue! Diese Niessl-Geschichte mit der FPÖ hat mich empört, ich hatte eigentlich gehofft und erwartet, dass man ihn nach der Koalition mit den Freiheitlichen aus der Partei ausschließt.

foto: standard/matthias cremer
"Über Niessl, den Landeshauptmann, kann ich jedenfalls sagen: Er ist eine Kulturbanause", urteilt Regisseur Robert Dornhelm.

STANDARD: Haben Sie daran gedacht, Hans Niessl aus der SPÖ auszuschließen?

Faymann: Nein. Es gibt einen Beschluss auf einem Bundesparteitag, keine Koalition mit der FPÖ einzugehen. Mir war aber klar, dass selbst wenn in diesem Antrag steht "auf allen Ebenen", und das ist deutlich definiert, die Länder allein entscheiden. So sind wir organisiert.

STANDARD: Glücklich sind Sie aber nicht damit?

Faymann: Das habe ich auch oft gesagt. Ich möchte mit dieser FPÖ nicht reagieren, das bleibt so. Die FPÖ ist kein Partner. Die FPÖ kriminalisiert pauschal Ausländer, sie versucht aus einer Angst Hass zu machen.

STANDARD: Wenn es der Regierung nicht gelingt, eine gemeinsame Linie zu finden, wenn die Regierung die Frage der Unterbringung von Flüchtlingen nicht klären kann, dann trägt sie doch selbst ganz massiv zur Verunsicherung in der Bevölkerung bei. Damit arbeiten Sie der FPÖ in die Hände.

Faymann: Das ist in der Diskussion ein Teufelskreis. Wenn es in der veröffentlichten Meinung als Kavaliersdelikt gilt, gegen Menschen auf der Flucht zu hetzen, und manche Medien es für witziger halten, Vorschläge zu zerreißen, dann entsteht keine richtige Diskussion. So bleiben Vorurteile im Raum stehen. Und dann gibt es manche Bürgermeister, die sagen: Ich will niemanden, ich will keine Flüchtlinge. In der Politik wird so etwas auch eingesetzt, besonders vor Wahlen. Aus Sorge davor, die FPÖ könnte gewinnen, will man erst gar keinen Flüchtling in der Gemeinde haben. Respekt und Dank für jeden, der sich anders verhält. Wenn die Stimmung eine andere ist, dann bringen wir auch die Leute unter. Es geht um 40.000 Menschen. Die kann man unterbringen.

STANDARD: Wenn die Regierung geeinter auftreten und selbst ein starkes, eindeutiges Signal setzen würde, dann wär vielleicht auch die Stimmung eine andere.

Faymann: Die Regierung tritt bei den allermeisten Themen geeint auf, aber natürlich könnte sie es besser machen, ja. Aber so ein obrigkeitshöriger Staat sind wir nicht. Die Regierung kann keine Toleranz anordnen, sie kann nicht sagen, seid tolerant, und dann sind alle tolerant. Eine breite Diskussion darüber, dass Menschen menschenwürdig behandelt werden, würde sehr helfen. Und das hat nichts mit Parteipolitik zu tun, man kann trotzdem noch der Ansicht sein, der Kanzler hätte das so oder anders machen sollen. Aber ich wünsche mir einen Grundkonsens, tragen wir doch ein Asylrecht gemeinsam.

STANDARD: Es sind aber auch rote Bürgermeister und rote Landeshauptleute wie etwa Hans Niessl oder Peter Kaiser, die sich im Ernstfall hinstellen und sagen, wir wollen da keine Flüchtlinge haben, wenn eine Kaserne im Gespräch ist wie zuletzt in Kärnten.

Faymann: Sie wollen eine gerechtere Verteilung und keine Großquartiere. Ich behaupte aber nicht, dass jeder sozialdemokratische Politiker immer die richtigen Worte findet, da beziehe ich mich auch ein, da zeige ich auf keinen anderen Freund. Aber die Diskussion kannst du nur gewinnen, indem du sie offensiv führst. Und man gewinnt nicht, wenn man die FPÖ nachahmt. Wir haben da eine Menge zu tun.

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"Ich behaupte nicht, dass jeder sozialdemokratische Politiker immer die richtigen Worte findet", sagt Kanzler Werner Faymann.

Dornhelm: Das Traurige ist die Journaille. Es gibt Medien, die unterstützen diese Hetze, die stellen Menschen wie Müll dar. Das ist wirklich schändlich, und das hilft der FPÖ enorm.

STANDARD: Es gibt Umfragen, in denen die FPÖ schon stärkste Kraft ist. Gibt es für Sie einen Punkt, wo Sie sagen, da möchten Sie nicht mehr in Österreich arbeiten?

Dornhelm: Ich hab das einmal gesagt, als Haider in die Regierung kam: Da komme ich nicht mehr wieder. Das war natürlich falsch. Die richtige Antwort ist: Jetzt komme ich erst recht wieder und schau, dass das nicht so wird. Man will ja das, was man liebt, nicht aufgeben. Aber es würde mich sehr anwidern.

STANDARD: Sie haben es schon erwähnt, Sie haben in Sankt Margarethen im Burgenland "Tosca" inszeniert, haben überwiegend gute Kritiken bekommen, im STANDARD dagegen eine schlechte ...

Dornhelm: Ein Verriss. Und ich sitz trotzdem da. Das steht Ihrer Zeitung zu, mich zu verreißen. Das Publikum war sehr zufrieden, es gab einen Riesenapplaus. Das Haus ist ausverkauft, ich kann mich nicht beschweren. Es waren überwiegend gute Kritiken – eine schlechte, das freut mich natürlich nicht. Das wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es ist mir gleichgültig. Mit dem STANDARD ist es Tradition, dass ich auf den Kulturseiten seit drei Jahrzehnten verrissen werde. Andere sind anderer Meinung.

STANDARD: Das muss dem Herrn Bundeskanzler bekannt vorkommen, Sie nicken wissend. Sie kommen bei uns auch nicht immer so gut weg. Wie kommen Sie denn mit negativer Berichterstattung zurecht?

Faymann: Ich finde es schade, dass man nicht auch positive Dinge positiv bewerten kann, selbst wenn man sehr kritisch eingestellt ist. Dass man nie etwas positiv sehen kann, ohne gleich im Generalverdacht zu stehen, der Regierung hörig zu sein, dass nur Herabwürdigung als kritisch und anständig empfunden wird – diese Undifferenziertheit finde ich unfair. Wem nützt denn diese Undifferenziertheit? Das nützt gesellschaftspolitisch nur jenen, die sagen, "Alles ist schlecht, und Ausländer brauchen wir keine". Da fördert man wieder diese Pauschalierung, und ich bin ein Gegner von Pauschalierung.

STANDARD: Wie gehen Sie persönlich mit Kritik um, schmerzt Sie das?

Faymann: Eine harte Kritik muss man einstecken können, wenn man in der Politik ist. Da darf man sonst nicht Bundeskanzler werden.

Dornhelm: Ein Kritiker sollte auch Verteidiger sein. Dass ein Kritiker überhaupt nichts findet, was ihm passt, dass er es nicht der Mühe wert findet, ein gutes Wort über irgendetwas zu sagen, das ist schon erschreckend. Das betrifft ja nicht nur die Kultur und die Tosca -Premiere. Die Welt ist nicht nur schwarz-weiß, gut und schlecht. Es geht auch um Nuancen. Wenn wir uns um die Grautöne nicht mehr kümmern, sondern nur um Schwarz oder Weiß, gut oder böse, dann kommt genau das raus, worüber wir hier reden. Es geht wirklich nicht um die Tosca – obwohl das eine gute Produktion ist! Wenn Sie nicht genug sonstige Dramen haben, kann ich Ihnen das nur empfehlen. (Michael Völker, 18.7.2015)

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