Radikaler, Denker, Staatsmann

17. Juli 2015, 16:56
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Eine neue Biografie beleuchtet Leben und Wirken von Malcolm X

Wien – Malcolm X ist wie Che Guevara einer der ikonischen Revolutionäre, die aufgrund ihres frühen Todes ewig jung bleiben. Seine Ermordung vor 50 Jahren im Alter von noch nicht einmal 40 Jahren – der Anlass für die nun vorliegende neue Biografie Malcolm X (C.H. Beck) – hat ihm auf Dauer einen Platz in der kulturrevolutionären Szene gesichert.

Die Münchner amerikanistische Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson bietet nun einen Malcolm X im internationalen Kontext: Dazu zählt ein sehr gut gestaltetes einführendes Kapitel zur Geschichte der Afroamerikaner vor Malcolm X, das viele wesentliche Themen seines Lebens antizipiert, genauso wie eine Darstellung der umfangreichen Aktivitäten in der Dritten Welt am Ende seines Lebens, die ihm gerade im afrikanischen und arabischen Raum große Anerkennung verschafften.

Vor allem jedoch bezweifelt Waldschmidt-Nelson die in den Vereinigten Staaten noch immer dominante Polarität zwischen dem muslimischen Radikalen Malcolm X und dem christlichen Versöhner Martin Luther King. Sie verweist auf die Gemeinsamkeiten, die vermutlich zu einer Kooperation geführt hätten, wenn sie nicht beide ermordet worden wären. King und X sahen zum Schluss das Problem der Afroamerikaner im breiteren Kontext des Vietnamkriegs und der globalen Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass gerade diese grundsätzliche Hinterfragung des Systems über die Probleme ihrer eigenen schwarzen constituency hinaus zu ihrem Tod geführt hat.

Bis heute ist die Verantwortung für den Mord an Malcolm X nicht geklärt, obwohl die Mörder feststehen – Angehörige der pseudomuslimischen "Nation of Islam", der Malcolm X früher selbst angehört hatte. Viele Jahre lang war er als Hassprediger gegenüber den "weißen, blauäugigen Teufeln" aufgetreten. Seine Wendung hin zu einem antirassistischen islamischen Humanismus machte ihn zur Zielscheibe des "Propheten" Elijah Muhammad.

Der als Malcolm Little geborene Aktivist ist vor allem durch seine Autobiografie bekannt geworden. Es ist deshalb klug von Waldschmidt-Nelson, ihre Biografie Malcolms entlang dieser Autobiografie zu erzählen und auf diese Weise deutlich zu machen, wie er sein Leben konstruierte und wie eine Historikerin diese Konstruktion durch eine Vielzahl anderer und teilweise auch selbst neu erschlossener Quellen rekonstruiert. Daraus ergibt sich eine spannende Erzählung von den Jugendjahren eines Dandys und Gangsters bis hin zum Literaten, Denker und (fast) Staatsmann, die man trotz ihrer Länge in einem durchlesen kann und will. Erschüttert erkennt man, dass die Themen des Malcolm X aktueller denn je sind – von Ferguson bis zum IS. (grün, 17.7.2015)

  • Malcolm X, ikonischer Revolutionär, im März 1964.
    foto: ap / eddie adams

    Malcolm X, ikonischer Revolutionär, im März 1964.

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