Dieter Nuhr: "Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts"

17. Juli 2015, 14:44
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Kabarettist und Moderator rechnet mit Kommentaren im Netz ab: "Leben im digitalen Mittelalter"

Der deutsche Kabarettist und Moderator Dieter Nuhr rechnet in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine" (FAZ) mit der pöbelnden Masse im Internet ab. Nuhr warnt vor einem "zivilisatorischen Rückschritt" im Internet, der sich in Shitstorms manifestiere. Exemplarisch greift er auf einen eigenen Beitrag zurück, der in einem Shitstorm resultierte.

Er habe auf Facebook und Twitter mit den Worten "Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!" satirisch-ironisch darauf hinweisen wollen, dass der "Bruch eines Kreditvertrages nicht durch demokratische Abstimmung legitimiert" werden könne.

Wie "Lynchjustiz und Pogrome"

Die Folge war ein veritabler Shitstorm. "Die im Internet üblichen Beschimpfungen, Beleidigungen, Todeswünsche, Drohungen, was der Mensch halt so ausstößt, wenn er sich an seiner Tastatur unbeobachtet fühlt, habe ich wie immer staunend beobachtet", schreibt Nuhr und kommt zu dem Schluss: "Die Primitivität und Aggressivität, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden, scheint mir denselben psychologischen Mechanismen zu folgen, die früher zu Lynchjustiz und Pogromen führten."

Und: "Der Andersmeinende wird zunächst als wahlweise 'dumm' oder 'böse' dargestellt. Er ist also das, was man im Mittelalter als 'wahnsinnig' oder 'vom Teufel' bezeichnete, damals wie heute ein Tötungsgrund, nur eben heute virtuell, ein erheblicher Fortschritt, sicherlich ... Der Delinquent wird zur digitalen Vernichtung freigegeben. Der Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts, Gott sei Dank bei angenehmen Temperaturen, 'nur' sozial, nicht physisch vernichtend."

Facebook und Twitter

Solche Vorgänge würden sich im Internet in "immer schnellerer Frequenz" wiederholen: "Die Regel ist, dass die Vernichtung der abweichenden Meinung angestrebt wird, meist durch Überwältigung, Etikettierung, Beleidigung." Und: "Die Orte, an denen die Scheiterhaufen lodern, heißen Facebook und Twitter."

Ein probates Mittel zum Gegensteuern ist für Nuhr Bildung: "Die Anonymität des Internets bedeutet insofern einen zivilisatorischen Rückschritt in Richtung Faschismus und Mittelalter, Pogrom und Hexenverbrennung. Es ist die Aufgabe der kommenden Jahrzehnte, unter den Akteuren im Internet eine Kultur der Aufklärung zu schaffen, um die digitale Welt in ein bürgerliches Zeitalter zu überführen." (red, 17.7.2015)

  • Für den Kabarettisten und Moderator Dieter Nuhr ist der Shitstorm die "Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts".
    foto: apa/epa/kaiser

    Für den Kabarettisten und Moderator Dieter Nuhr ist der Shitstorm die "Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts".

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