Spotify-Alternative Apple Music im Test

20. Juli 2015, 16:33
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Neuer Streamingdienst von Apple überzeugt mit gutem Angebot und toller Musikauswahl, kränkelt jedoch an Bugs

Anfang Juni hat Apple auf seiner Entwicklerkonferenz den neuen Streamingdienst Apple Music als "One More Thing" enthüllt. Wirklich überraschend kam die Vorstellung aber nicht. Bereits seit Monaten galt es inoffiziell als bestätigt, dass Apple an einer Spotify-Alternative arbeitet und damit sein etwas angestaubtes Musikbusiness modernisieren möchte. Am 30. Juni gab es schließlich den Startschuss für Apple Music, die anfängliche Euphorie ist bei einigen Nutzern aber schnell wieder verflogen. Der WebStandard hat einen Blick auf den neuen Streamingdienst geworfen.

foto: martin wendel / standard
Über 30 Millionen Songs und verschiedene Radios bietet Apple Music.

Mehr als On-Demand-Streaming

Apple Music ist mehr als On-Demand-Streaming, Apple umfasst mit dem Begriff eine Reihe an Musikdiensten. Über das soziale Netzwerk Connect können Künstler in Kontakt mit ihren Fans treten, mit den Apple-Music-Radiosendern gibt es eine Reihe an Genre-Playlisten und mit Beats 1 sogar einen klassischen, moderierten Radiosender. Und dann wäre da natürlich noch die menschliche Komponente. Apple hebt hervor, dass eine passende Musikauswahl nicht nur von Software-Algorithmen getroffen werden kann. Der Konzern setzt deshalb stark auf betreute Wiedergabelisten und Musikempfehlungen.

Empfehlungen

Die notwendigen Infos für Empfehlungen holt sich Apple Music direkt beim Abschluss eines Abos. Der Nutzer wird nach seinen Präferenzen befragt und gibt in einem hübschen und sehr dynamischen User-Interface seine Lieblingsgenres und -bands an. Auch die Zusammenstellung der bisherigen iTunes-Mediathek, die mit der iCloud-Musikmediathek in die Wolke wandert, dürfte wohl eine Rolle spielen. In der "Für mich"-Sektion in Apple Music gibt es fortan personalisierte Empfehlungen, die durch Verwendung des Dienstes und Favorisieren von Bands, Alben und Songs noch passender und genauer werden sollen.

screenshot: martin wendel / standard
screenshot: martin wendel / standard
Durch Klicks auf die Blasen kann man seine Lieblingsgenres und -bands definieren.

Ach, die Band gibt es noch?

Wie sich im WebStandard-Test gezeigt hat, funktionieren diese Empfehlungen auch tatsächlich. Sie führten sogar zu einem richtigen Aha-Erlebnis. Apple Music empfahl das kürzlich erschienene Album einer ehemaligen Lieblingsband des Autors – einer Band, von der er eigentlich dachte sie hätten sich aufgelöst. Woher die Empfehlung genau kam, lässt sich nicht nachvollziehen – weder wurde die Band als Favorit angegeben, noch auf Connect geliket. Womöglich hat sich Apple Music die Info aus der iTunes-Mediathek gezogen. Das Interesse an Apple Music war aber spätestens nach dieser Erfahrung geweckt.

Ping v2

Zu Apple Music gehört auch Connect, nach dem gescheiterten Ping der zweite Versuch von Apple an einem sozialen Musiknetzwerk. Künstler können über Connect Statuseinträge, Musik, Bilder und Videos posten und damit in Kontakt zu ihren Fans treten. Diese können ihren Lieblingskünstlern wiederum folgen, sehen alle Einträge in einem Newsfeed und können sie kommentieren, liken und sharen. Der Dienst hinterlässt zwar einen ganz netten Eindruck, wirft aber gleichzeitig die Frage auf, ob neben Facebook, Twitter und Co. noch ein weiterer Nachrichtenstream überhaupt notwendig ist.

screenshot: martin wendel / standard
Ob Apple mit seinem neuen sozialen Musiknetzwerk Erfolge feiern wird?

(Dis)Connect

Zudem hat Connect ein paar merkwürdige Eigenheiten: Einträge ließen sich vereinzelt aus unerfindlichen Gründen nicht abspielen, weder auf dem iPad noch unter iTunes am Mac. Ebenso nicht nachvollziehbar war, dass wir in Connect plötzlich irgendwelchen Künstlern folgten, ohne das jemals angeklickt zu haben. Deren Statuseinträge wurden im Newsfeed sogar angezeigt, nachdem wir sie aus der Liste gelöscht hatten. Diese Probleme schmälern das Interesse an Connect enorm und man muss sie wohl unter den Kinderkrankheiten eines neuen Dienstes verbuchen, von denen es bei Apple Music leider noch ein paar weitere gibt.

Bugs

Neben den Problemen mit Connect tauchten bei unserem Test noch ein paar weitere Probleme auf, vor allem bei der Nutzung von Apple Music am iPad. Die Musik-App konfrontierte uns häufig mit enormen Lade- und Wartezeiten, die sehr oft in einem Absturz der App endeten. Auch unter iTunes am Mac würde der Navigation durch Apple Music noch ein kleiner Geschwindigkeitsschub gut tun. Ärgerlich sind auch Probleme mit der iCloud-Musikmediathek, dem iTunes Match von Apple Music. Mehrere Nutzer berichten, dass diese Funktion für Chaos in ihren Mediatheken sorgt und Cover wild durcheinander würfelt.

screenshot: martin wendel / standard
Ganze Alben oder einzelne Songs können über einen Klick auf das Herz-Icon als Favorit markiert werden – Apple berücksichtigt dies bei der Empfehlung von Musik.

Probleme mit iCloud-Musikmediathek

Bei unserem Test konnten wir ebenfalls Probleme mit der iCloud-Musikmediathek, mit der die iTunes-Bibliothek synchronisiert wird, nachvollziehen. Songs eines Albums aus Apple Music wurden nur vereinzelt der Wolke hinzugefügt. Dies hatte zur Folge, dass eine Wiedergabeliste mit den betroffenen Liedern nicht mit der Cloud synchronisiert werden konnte und damit auf anderen Geräten nicht zur Verfügung stand. Erst nach einer manuellen Auswahl, die Titel der iCloud hinzuzufügen, klappte die Synchronisierung wie gewünscht. Über solche und ähnliche Probleme gibt es zahlreiche Meldungen im Internet.

Kopierschutz

Ärgerlich ist zudem, dass aus der iCloud-Musikmediathek heruntergeladene Songs mit einem Kopierschutz versehen sind. Bei der aus Apple Music heruntergeladenen Musik ist das noch selbstverständlich – immerhin könnte man sich sonst alle gewünschten Alben laden und danach das Abonnement wieder kündigen. Jedoch werden selbst Lieder, die von einer CD gerippt worden sind, mit einem Kopierschutz versehen. Man synchronisiert also DRM-freie Versionen mit der iCloud, kann die Songs aber nur mit DRM-Schutz wieder herunterladen. Als Backup ist die iCloud-Musikmediathek damit nicht geeignet.

screenshot: martin wendel / standard
Nach anfänglichen Problemen wurden Änderungen an einer Playlist direkt auf alle Geräte übertragen.

Ungewohnt komplex

Für gewöhnlich werden Software und Dienste von Apple ja aufgrund ihrer einfachen und intuitiven Bedienung geschätzt. Auf den Musikbereich trifft das nicht zu. iTunes gilt bereits seit Jahren als eines der umfangreichsten Softwareprodukte von Apple und ist bei vielen Nutzern als zu überladen verschrien. Apple Music fügt dem Programm nun noch mehr Funktionen, noch mehr Menüs und noch mehr Einstellungen hinzu. Die Probleme zeigen zudem, dass so manches eben nicht "einfach so" funktioniert und man sich erstmal um Problemlösungen kümmern muss.

"Meine" Musik

Damit nicht genug, wird auch die Musik-App unter iOS 8.4 zum Hub für lokale, gestreamte und in der iCloud verfügbare Musik und in der Übersichtlichkeit und Komplexität damit fast schon zum zweiten iTunes. Welche Musik nun wirklich aus meiner Mediathek und welche von Apple Music stammt, ist nur noch in Untermenüs ersichtlich. Alles wird zusammengewürfelt und im Bereich "Meine Musik" angezeigt – keine sehr passende Bezeichnung für Musik, an der man nur Streamingrechte besitze und die man für das Autoradio nicht auf CD brennen kann.

screenshot: martin wendel / standard
Welche Musik nun tatsächlich die eigene ist und welche von Apple Music stammt, geht aus der Übersicht nicht mehr hervor.

Beats 1

Apple Music bietet wie bereits angesprochen aber mehr als nur On-Demand-Streaming, allen voran sei hier der Radiosender Beats 1 genannt. Es erscheint dabei etwas amüsant, dass Apple seinen modernen Streamingdienst gerade mit einem im Prinzip klassischen Radiosender von der Konkurrenz abheben will. Aber das Konzept könnte aufgehen. Die Moderatoren sind gut aufgelegt, die Musikauswahl interessant und modern und mit Künstlern wie Eminem oder Ed Sheeran konnte man bereits in den ersten On-Air-Tagen beliebte Stars für Exklusivinterviews gewinnen.

"Always on" aber nicht "always live"

Apples Versprechen, mit Beats 1 den ersten, weltweit empfangbaren 24/7-Radiosender gestartet zu haben, müssen aber ein wenig relativiert werden. Beats 1 ist zwar "always on", live ist das Programm aber nicht rund um die Uhr. Die Shows wiederholen sich im Tagesverlauf, was natürlich auch in gewisser Weise der Zeitverschiebung geschuldet sein könnte – Beats 1 wird immerhin in über 100 Ländern ausgestrahlt. Die Zeitverschiebung ist dann auch der Grund, weshalb die Anmoderationen manchmal etwas merkwürdig anmuten – wenn etwa Mitten in der Nacht eine Sendung für heute Abend angekündigt wird.

screenshot: martin wendel / standard
Beats 1 – "always on" aber nicht "always live".

Apple TV und Android erst im Herbst

Apple Music ist seit 30. Juni für iOS 8.4, iTunes 12.2 (Windows 7 bzw. OS X 10.7.5 und neuer) und die Apple Watch verfügbar. Im Herbst soll neben der Unterstützung für den Apple TV auch eine App für Android erscheinen – die erste von Apple selbstentwickelte App für das Google-Betriebssystem. Das Gesamtpaket von Apple Music kostet 9,99 Euro pro Monat, das an die iCloud-Familienfreigabe geknüpfte Familienabo kostet 14,99 Euro. Die ersten drei Monate des Abos sind kostenlos, erst anschließend wird die erste Monatszahlung fällig. Ohne Abonnement ist der Zugang sehr eingeschränkt: Nutzer haben dann nur Zugriff auf Connect und Beats 1.

screenshot: martin wendel / standard
Der Apple TV kann noch nicht direkt auf Apple Music zugreifen, der Umweg über AirPlay klappt aber.

Fazit: Der Countdown läuft

Apple liefert mit Apple Music ein gutes Gesamtpaket ab. Die Musikauswahl ist ansprechend, der Dienst ist gut in das Apple-Ökosystem integriert und mit betreuten Wiedergabelisten und dem Radiosender Beats 1 kann sich Apple Music zumindest bedingt von Spotify absetzen. Killer-Kriterium für Apple Music ist ganz klar die geringe Einstiegshürde. Beim ersten Start der Musik-App in iOS 8.4 wird der neue Dienst beworben, nach wenigen Klicks ist das Abo auch schon abgeschlossen und man hat innerhalb von Sekunden Zugriff auf zig Millionen an Songs. Der ausgedehnte Testzeitraum von drei Monaten trägt sein übriges dazu bei.

Ob das die Masse an Spotify-Nutzern zum Umstieg bewegen wird, darf zumindest angezweifelt werden. Diese Frage stellt sich genau genommen aber gar nicht, da Apple nicht darauf angewiesen ist. Spotify verfügt zwar über anschauliche 20 Millionen Premium-Abonnenten, die Zahl von knapp 900 Millionen registrierten iTunes-Accounts verdeutlicht aber das enorme Potential dieses Marktes. Apple muss sich keine Gedanken machen, Spotify zu schlagen oder ein besseres Angebot zu liefern – Apple muss seine eigenen Kunden vom Musikstreaming überzeugen. Und da sind drei Monate Gratisnutzung ein großes Zuckerl.

Ausruhen darf sich Apple in den nächsten Wochen aber nicht. In manchen Bereichen kränkelt der Dienst noch, auch dem User-Interface würde eine Vereinfachung gut tun. Vielleicht hätte Apple sich mit der Veröffentlichung von Apple Music doch noch ein paar Monate mehr Zeit lassen sollen. Der Ersteindruck zählt ja bekanntlich. Andererseits hat Apple durch den Testzeitraum drei Monate Zeit, seine Kunden von dem Angebot zu überzeugen – oder bei ihnen eine Abhängigkeit zu erzeugen. Bis Ende September die ersten Probeabos auslaufen, sollte Apple also nachgebessert haben. Der Countdown läuft. (Martin Wendel, 20.7.2015)

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