Wenn die Pflicht auch die Kinder ruft

Kolumne19. Juli 2015, 17:00
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Wie viel Mitverantwortung und Hausarbeit ist Kindern zumutbar?

Frage:

Ich habe einige Ihrer Bücher gelesen und dabei etwas entdeckt, das mich überraschte. Sie schreiben (frei nach meiner Erinnerung) in Bezug auf die Mithilfe im Haushalt in der Familie, dass Kinder sich aus zwei unterschiedlichen Gründen bei der Hausarbeit beteiligen sollten. Einer ist, wie ich es verstanden habe, dass es gut für die Kinder ist, Pflichten zu haben. Der zweite ist, dass die Eltern Hilfe brauchen. Mich beschäftigt, ob ich Ihre Worte vielleicht falsch interpretiere, wenn Sie sagen, dass keine Mithilfe in der Verantwortung der Eltern liegt.

Meine unmittelbare Sichtweise ist, dass die Verantwortung mit den Fähigkeiten zusammenhängen sollte. Ein neugeborenes Baby braucht natürlich die elterliche Verantwortung, um sozusagen alles zu schaffen.

Aber warum geben Sie auch bei größeren Kindern zu 100 Prozent den Eltern die Verantwortung. Sonst schreiben Sie in Ihren Büchern das Gegenteil, oder habe ich das in Bezug auf die Hausarbeit falsch verstanden?

Ich bin mir nicht sicher, ob es gesund ist, dass Kinder Arbeit haben. Ist es nicht wertvoller, Kindern die Möglichkeit zu geben, praktische Aufgaben zu lösen? Ihnen also eine Anleitung zur Selbsthilfe anzubieten.

Antwort:

Ich schrieb damals, dass die Eltern in der Regel können wählen, ob sie hilfreiche oder pflichtbewusste Kinder haben möchten. Beides ist bekanntermaßen schwierig und es bedarf einer Suche nach einer Art Gleichgewicht zwischen den Familienbedürfnissen und den Bedürfnissen der Kinder innerhalb der Familie.

Es gibt auch eine weitere Unterscheidung, die ich für wichtig halte. Es geht um die Verantwortung der Kinder für sich selbst, ihre eigenen Sachen und ihren Beitrag zur Gemeinschaft. Wenn wir Letzteres betrachten, gibt es keinen Zweifel daran, dass wir einem Kind oder Jugendlichen durch das "Fahren mit einer Freikarte", ohne Beitrag zur Gemeinschaft, seine persönliche Würde entziehen.

Der Konflikt entsteht traditionell dann, wenn es Eltern nicht gelingt zwischen der Verantwortung eines Jugendlichen für sich selbst und der eigenen Verantwortung als Eltern (also für die Gemeinschaft) zu unterscheiden.

Das wirft oft Probleme auf, weil die meisten Jugendlichen davon nicht besonders begeistert sind und ihre Aufgaben meist mit einem verärgerten Gesicht erledigen. Wenn beide Seiten mit dieser Tatsache leben können, ist das Problem gelöst. Außer wir reden über eine Generation von jungen Menschen, die in ihren ersten 13 Jahren übermäßig bedient wurden.

In Bezug auf kleine Kinder, stimme ich Ihnen völlig zu. Aufgaben müssen mit den Fähigkeiten einher gehen – in erster Linie mit den körperlichen. Es ist ein Geschenk der Entwicklung an die Kinder, in Bezug auf ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, wenn sie aufgefordert werden mitzuhelfen. Die Selbständigkeit beginnt bereits ab etwa zwei Jahren und die Kinder sind hoch motiviert.

Wenn ich allerdings Folgendes über Teenager schreibe ist ein Teil der Erwachsenen empört. Ab dreizehn Jahren sollte die Verantwortung für Folgendes gegeben werden:

  • Kleidung: Reinigen, Waschen, eventuell Bügeln. In den Schrank und/oder Kommode einräumen.
  • Essen: Einkaufen und eine anständige Mahlzeit, wenn nötig, für sich selbst zuzubereiten
  • Job: Schule, Gelegenheitsarbeit
  • Transport
  • Freizeit

Einem jungen Menschen auf diese Weise die Verantwortung für seine Person zu übergeben, bedeutet nicht, dass er immer alles selbst und alleine machen muss.

Es bedeutet nur, dass er in dieser Verantwortung bei Bedarf ein anderes Familienmitglied, das Zeit hat, um Hilfe bitten kann, um zurecht zu kommen.

Es ist auch nicht wichtig, dass Jugendliche nun jeden Tag selbst einkaufen gehen und sich etwas kochen müssen, aber sie sollten wissen, dass es ein Privileg ist, wenn andere es für sie tun. Es bedeutet auch nicht, dass sie z.B. ihre Hausaufgaben alleine machen, aber, dass es in ihrer Verantwortung liegt, um Hilfe und Unterstützung zu bitten, wenn diese gebraucht wird. Meist begrüßen junge Menschen diese Prinzipien von sich aus. Eine allgemein gültige Regel für "was ist richtig" kann ich nicht anbieten.

Wenn alle Beteiligten in einer Familie im Grunde gut gedeihen und Konflikte in einem normalen Ausmaß auftreten gibt es keinen Grund etwas zu ändern.

Häufen sich allerdings die Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen zu diesen Themen ist es Zeit, dass sich die Eltern Gedanken über ihre Wahrnehmung von Liebe und Fürsorge machen.

Abschließend noch ein paar Worte über Pflichten: jede Gemeinschaft braucht Mitglieder, die sich verpflichtet fühlen und etwas beitragen (im Gegensatz zu einem Beitrag auf Basis eines "Lustprinzips"). Ich habe nichts dagegen, wenn Eltern Kindern sagen, dass es Dinge gibt, die sie tun können, weil es für den Familienbetrieb notwendig ist. Meine Abneigung bezieht sich auf Eltern, die meinen von ihren Kindern etwas verlangen zu müssen, weil es aus Prinzip gut für die Kinder ist Aufgaben zu haben. (Jesper Juul, 19.7.2015)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 19. Juli 2015.

  • Juul: Kinder sollten wissen, dass es ein Privileg ist, wenn andere bestimmte Aufgaben übernehmen.
    foto: apa

    Juul: Kinder sollten wissen, dass es ein Privileg ist, wenn andere bestimmte Aufgaben übernehmen.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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