Draussen sein mit ... den Verlorene-Münzen-aus-Ritzen-Kratzern von Herrn G.

Blog19. Juli 2015, 15:00
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Das richtige Werkzeug für Such-, Sammel-, und Bergeaktivitäten auf der Mariahilfer Straße

Helfen, sagte mir Caritas-Direktor Michael Landau einst als wir über "Schaut, wie gut ich bin"-Charity-Protzereien plauderten, "braucht auch Diskretion." Weil man, setzte der kirchliche Helfer fort, sonst nur all zu rasch die, denen man doch helfen wolle, vor den Vorhang schleife. Als "arm" geoutet zu sein, ist ein Stigma: Individuelle Armut verdient Diskretion.

Und auch wenn ich Herrn G. weder dezent noch mit Pauken und Trompeten helfe (oder helfen kann), ist das der Grund, wieso hier weder sein Gesicht, noch sein voller Name auftauchen: Herr G. will nicht gesehen und schon gar nicht gezeigt werden. Obwohl er nur sucht und sammelt, was andere fallen lassen haben: Vor allem Kleingeld. Aber auch Zigaretten. Und alles Sonstige, was Menschen unbemerkt aus den Taschen purzelt, wenn sie es sich auf den Fläz- und Sitzmöbeln der Fußgänger- und Begegnungszonen in der Mariahilfer Straße bequem machen – egal, wie versifft diese Holzlatten zum Teil jetzt schon aussehen.

foto: thomas rottenberg

Drei Holzstäbe mit System

So wenig dürfte das nicht sein. Denn sonst würde nicht nur Herr G. nicht fast täglich seine Runde gehen – sondern hätte sich auch nicht längst das richtige Werkzeug für seine Such-, Sammel-, und Bergeaktivitäten zusammen gestellt: Drei Holzstäbe. Unterschiedlich lang, unterschiedlich breit – und an der Spitze unterschiedlich ausgeformt. Es sind, ich habe genau geschaut, immer die gleichen Stäbe. Also ist es Werkzeug.

Herr G. beginnt seine Runde etwa auf Höhe der Barnabitengasse – und schlendert dann die Mariahilfer Straße hinauf. Von Fläz-Fläche zu Fläz-Fläche. Auf den ersten Blick einfach einer der zahllosen Nicht-Reichen, die die Straße bevölkern. Auf der Suche nach einer bequemen Sitz-Stelle.

foto: thomas rottenberg

Auf den zweiten Blick sieht man dann aber das System: G. kniet sich über die Latten, schaut kurz nach unten – und nimmt dann den langen, elastischen Stab, um das, was außerhalb seines Sichtfeldes liegt, ein bisserl nach vor zu schieben. Scheint das interessant, kommt der zweite Stock zum Einsatz: Kürzer, fester – und breiter: Mit dem kann man schon beinahe "kehren". Und wenn sich irgendwas nicht seitlich aus seinem Verlies befreien lässt oder verkeilt, kommt Stock drei zum Einsatz: Ebenfalls kurz, ebenfalls fest – und mit Stock zwei als Zange zu handhaben. Herr G. hat mittlerweile Übung – und bekommt so ziemlich alles zwischen den Ritzen heraus.

Unsichtbarer Suchjob

Herr G. will nicht gesehen werden. Dass er das, was er tut quasi als "Job" macht, dürfte ihm peinlich sein: Sobald er das Gefühl hat, dass jemand ihm zusieht, verschränkt er die Hände hinter dem Rücken und schlendert weiter. Er kommt aber sofort an den Punkt, an dem er die Runde unterbrochen hat zurück, wenn er sich wieder unbeobachtet fühlt. Und das, obwohl Herr G. ohnehin zu den "Unsichtbaren" gehört: Zu jenen Menschen, die die meisten Stadtbenutzer aus ihrer Wahrnehmung ausklammern.

foto: thomas rottenberg

Ich bin da nicht anders. Und habe Herrn G. erst "entdeckt", als unlängst zwei Jugendliche neben mir genau das gleiche taten, wie Herr G: Mit einem länglichen Stab zwischen den Holzlatten scharren. Und einander Vorwürfe machen, dass das, was man da allem Anschein nach findet, ohne das richtige Werkzeug nicht zu bergen ist: "Geh bitte, wenn der Sandler dort drüben das kann, schaffen wir es doch auch."

Als sie ein paar Tage später wieder da waren, hatten sie ebenfalls drei Stäbe dabei. Herr G. saß auf einer MaHü-Fläz-Bank ein bisserl weiter. Und sah gar nicht glücklich drein. (Thomas Rottenberg, 19.7.2015)

foto: thomas rottenberg
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