Berge, Ebenen und keine Krater: Erste Pluto-Bilder lassen Experten rätseln

17. Juli 2015, 21:36
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Die ersten Nahaufnahmen von dem Zwergplaneten und seinem Mond Charon weisen auf geologische Aktivität hin

Washington – Die ersten Detailaufnahmen, die die US-Sonde "New Horizons" von ihrem historischen Pluto-Flyby am Dienstag inzwischen zur Erde geschickt hat, entzücken die Planetenforscher. Die Bilder von der Oberfläche des Zwergplaneten zeigen bis zu 3.400 Meter hohe Eisberge, dafür fehlen jegliche Hinweise auf Meteoritenkrater. Das aktuellste Bild wurde am Freitag Abend (MESZ) von der NASA veröffentlicht und präsentiert einen Ausschnitt aus jener gefrorenen Ebene, die bereits Tage vor New Horizons' Vorüberflug als Plutos "Herz" (vorerst "Tombaugh Regio" genannt) für Furore sorgte.

Die abgebildete Region, die die Wissenschafter informell "Sputnik Planum" getauft haben, scheint sich in große Segmente zu unterteilen, die von schmalen Rinnen voneinander getrennt sind. Mehrere Gruppen von Erhebungen sowie grubenähnliche Strukturen sind ebenso zu erkennen. Aufgrund der auch hier fehlenden Krater glauben die Forscher, dass die Ebene kaum älter als 100 Millionen Jahre ist.

foto: nasa/jhuapl/swri
Die Aufnahme von der vorläufig als Sputnik Planum bezeichneten Region wurde aus einer Entfernung von 77.000 Kilometern gemacht.


Die Fotos liefern nach Angaben der Forscher Anhaltspunkte, dass Pluto noch in jüngster Vergangenheit geologisch aktiv war. Vielleicht sei er sogar "jetzt gerade aktiv", mutmaßt der Missionswissenschafter John Spencer. Insbesondere, dass auf den Bildern keine Spuren von Einschlagskratern zu finden sind, spricht für einen geologisch aktiven Pluto. Eigentlich müsste der Zwergplanet durch die ständig niederprasselnden Materietrümmer von Kratern übersät sein.

foto: nasa-jhuapl-swri
Über 3.000 Meter hohe Berge und keine Einschlagskrater – ein möglicher Hinweis auf geologische Aktivität auf dem Zwergplaneten.


Kryovulkanismus auf Pluto?

Die Bilder der Mission "New Horizons" von Pluto erstaunen auch deutsche Experten. "Mich haben vor allem zwei Details überrascht", sagt der Direktor des Göttinger Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung, Ulrich Christensen. "Die großen Flächen ohne Einschlagkrater und die pyramidenförmigen Berge."

Der Forscher vermutet, dass die Spuren der Einschläge durch innere vulkanische Prozesse ausgelöscht worden sind. Demnach enthält der Mantel, der den Gesteinskern von Pluto umgibt, nicht nur Wassereis, sondern auch geschmolzenes Wasser, das stellenweise an die Oberfläche gelangt und gefriert. Auf dem Pluto herrschen weniger als minus 200 Grad. Diesen Kryovulkanismus vergleicht Christensen mit dem ebenfalls eiskalten Neptunmond Triton. Der Kryo- oder Eisvulkanismus auf Triton könnte darauf beruhen, dass Gezeitenkräfte des Neptun dort flüssiges Wasser ermöglichen. Diese Erklärung kann für den Pluto aber nicht gelten, denn auf ihn wirken keine solchen Kräfte ein.

foto: nasa/jhuapl/swri
Die ersten Spektralbilder von Pluto offenbaren auch große Mengen an Methaneis, allerdings ist dieses ungleich über die Oberfläche des Zwergplaneten verteilt. Am Nordpol ist das Methaneis mit großen Mengen von gefrorenem Stickstoff vermischt, im Bereich des Äquators dagegen dürfte es in reinerer Form vorliegen.


Auch Charon sorgt für Überraschungen

Völlig überrascht zeigten sich die Wissenschafter von einem "New Horizons"-Bild des Mondes Charon, das die Oberfläche des größten Pluto-Trabanten in bisher unerreichter Detailgenauigkeit zeigt. "Das neue Bild von Charon hat uns vom Hocker gerissen", sagte die Missionswissenschaftlerin Cathy Olkin. "Der Mond ist eine kleine Welt mit tiefen Schluchten, Senken, Felswänden und dunklen Regionen, die für uns noch etwas geheimnisvoll sind."

Auffällig ist laut Christensen auch der dunkle Fleck in der Polregion von Charon, der der Nasa Rätsel aufgibt. Möglicherweise könnte ein Teil der dünnen Atmosphäre des Pluto auf den nur 17.500 Kilometer entfernten Trabanten übergeschwappt sein und sich dort am Pol abgelagert haben.

foto: nasa-jhuapl-swri
Ebenso wie bei Pluto erscheint auch Charons Oberfläche verblüffend jung. Der hier hervorgehobene Ausschnitt gibt einen rund 390 Kilometer langen Streifen wieder, der in der oberen linken Ecke ein interessantes Detail zeigt: Eine Senke, aus der eine Art Berggipfel hervorragt.


Hydra, so scharf wie nie zuvor

Charon war allerdings nicht der einzige Mond, der von den Kameras von New Horizons erfasst wurde: Seit seiner Entdeckung im Jahr 2005 war Plutos äußerster Trabant Hydra nur als unscharfer Punkt ohne erkennbare Form bekannt. Die hier gezeigte Aufnahme, so verpixelt sie auch erscheinen mag, stellt das bislang schärfste verfügbare Bild von Hydra dar. Zu erkennen ist, dass der Mond eine unregelmäßige Form aufweist und unterschiedlich helle Oberflächenmerkmale besitzt. Aufgrund dieser Aufnahme schätzen die Forscher die Größe von Hydra auf etwa 43 Mal 33 Kilometer.

foto: nasa/jhuapl/swri
Das Hydra-Bild entstand aus einer Entfernung von rund 650.000 Kilometer. Detailreichere Aufnahmen von dem kleinen Pluto-Mond sollen in den nächsten Wochen folgen.


Warten auf die Datenflut

"New Horizons" war am Dienstag nach einer mehr als neunjährigen Reise über 4,8 Milliarden Kilometer in einer Entfernung von nur 12.500 Kilometern an Pluto vorbeigerast. Die US-Sonde ist das erste Raumfahrzeug, das dem Pluto und seinen Monden so nahe gekommen ist. Die Daten von der Pluto-Passage der mit sieben wissenschaftlichen Instrumenten ausgerüsteten Sonde treffen nun nach und nach auf der Erde ein. Wegen der großen Datenmengen und der geringen Übertragungsrate rechnen die Wissenschafter damit, dass erst in 16 Monaten alle Daten gesendet sein werden. (red/APA, 17.7.2015)

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