"Der Scout ist ein sehr wichtiger Mitarbeiter"

Interview17. Juli 2015, 10:09
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Austria und Rapid arbeiten an der Professionalisierung ihrer Scoutingstrukturen. Im Doppelinterview sprechen die Sportdirektoren Franz Wohlfahrt und Andreas Müller über notwendige Netzwerke und Tabus auf dem Transfermarkt

"Der Franz hat ja noch einiges zu tun, wir sind mit der Kaderplanung schon fertig." Rapid-Sportdirektor Andreas Müller kommt eine halbe Stunde vor Franz Wohlfahrt zum ballesterer-Interview ins Gasthaus Sopherl am Naschmarkt. Es ist Mitte Juni, ein Monat vor dem Bundesliga-Start.

ballesterer: Herr Wohlfahrt, einer Ihrer ersten Schritte als Sportdirektor war, die Scoutingabteilung neu aufzustellen. Was ist in diesem Bereich bei der Austria geplant?

Franz Wohlfahrt: Mit der Positionierung von Gerhard Hitzel als Chefscout ist die Schnittstelle besetzt, was Scouting betrifft. Unser Ziel war, das professioneller zu gestalten als bisher. Manches hat aber auch bisher gut funktioniert.

Was hat bislang denn nicht funktioniert?

Wohlfahrt: Moment, wir reden über das, was funktionieren soll. Ich wollte, dass wir einen Fixangestellten haben. Es ist mir Gott sei Dank gelungen, ein Budget dafür zu bekommen. Es wird bei Transfers aber immer wieder Fehler geben – das ist nie auszuschließen. Aber minimieren kann man sie und zwar mit einer guten, genauen und langfristigen Beobachtung eines Spielers.

Wie steht es um das Scouting bei Rapid?

Andreas Müller: Als ich 2014 zum Verein gekommen bin, war das Scouting nicht strukturiert. Die Scouts haben mehr oder weniger eigenständig überlegt: "Wo fahren wir hin? Schauen wir mal hier und mal dort." Ich habe gemerkt, dass es jemanden geben muss, der Verantwortung hat. Den haben wir jetzt mit Bernard Schuiteman. Ganz wichtig ist, dass vom Verein eine klare Spielphilosophie vorgegeben ist. Der Verein soll ja im Mittelpunkt stehen, nicht der Scout. Spieler werden von vier, fünf Scouts beobachtet, am Ende entscheiden wir über Transfers gemeinsam. Man muss ja auch den Lebenswandel eines Spielers miteinbeziehen. Da verzichte ich lieber auf zehn Prozent fußballerische Qualität, wenn die Mentalität passt.

Wie bewerten Sie die Mentalität?

Müller: Das muss man in Gesprächen mit dem Spieler herausfiltern. Man schaut sich das Umfeld des Spielers an und versucht, alles Menschenmögliche herauszubekommen. Wie ist seine Vita im Fußball? Hatte er viele Verletzungen, und woran liegt das – an der körperlichen Konstitution oder vielleicht doch am Lebenswandel?

Wohlfahrt: Man muss langfristig beobachten. Da geht es auch um das Verhalten des Spielers im 
Trainingsbereich: Wann kommt er, wann beendet er das Training? Es ist hilfreich, seine sozialen Aspekte zu sehen, seine familiären Hintergründe, seinen Lifestyle. Das kann mitentscheidend sein, ob er die Leistung bringen kann, die wir erwarten.

Wie kann man sich den Ablauf des Scoutings konkret vorstellen?

Wohlfahrt: Grundsätzlich brauchen wir eine rechtzeitige Planung für den Kader. Es ist ja möglich, dass wir einen Spieler nur noch ein Jahr unter Vertrag haben, auf einer Position, auf der wir im Nachwuchs nicht gut besetzt sind. Da braucht man rechtzeitig eine Alternative. Der Chefscout ist dafür verantwortlich, auf der Position fünf bis zehn Spieler zu selektieren, und zwar in den Märkten, in denen es wirtschaftlich für uns möglich ist. Das grenzen wir in einem ständigen Dialog ein, und dann macht die Sportdirektion die Schlussbeobachtung.

Sie haben gerade mit Roi Kehat und Olarenwaju Kayode zwei Spieler aus der israelischen Liga geholt. Ist das so ein Markt?

Wohlfahrt: Das ist ein bisschen glücklich gewesen – vor allem bei Kayode. Ich bin ja erst seit Jänner bei der Austria, den Spieler kenne ich aber schon seit September. Kayode ist vorher schon von einer deutschen Agentur beobachtet worden, die unsere Informanten waren. Da hat es eine enge Zusammenarbeit gegeben. Nach einer weiteren Beobachtung war klar, dass wir ihn holen wollen.

Der Chefscout kann also Empfehlungen abgeben. Wie viel Wert hat seine Einschätzung?

Müller: Einen sehr hohen. Wir haben monatliche Sitzungen, da wird uns über den Stand der Dinge berichtet. Auch wenn unsere Scouts die Spieler mehrmals gesehen haben, muss letztendlich aber ich mich davon überzeugen, dass der Spieler zu uns passt.

Ist es schon passiert, dass entgegen der Empfehlung eines Chefscouts gehandelt wurde?

Müller: Das ist bei uns noch nicht vorgekommen, aber es könnte schon sein, dass man einen Spieler trotz der Bedenken des Chefscouts holt. Wir haben aber auch schon einen Spieler nicht verpflichtet, weil der Chefscout sein Veto eingelegt. Da muss einfach eine Vertrauensbasis da sein.

Wie ist das bei der Austria? Welche hierarchische Stellung hat der Chefscout?

Wohlfahrt: Er ist ein sehr wichtiger Mitarbeiter der sportlichen Abteilung, aber wie das Wort schon sagt: Mitarbeiter. Die Endentscheidung liegt nicht beim ihm.

Sie scouten in der eigenen Liga, in verschiedenen Leistungsstufen und im Ausland. Wie groß muss eine Scoutingabteilung sein, damit man den Markt beobachten kann?

Wohlfahrt: Wir sind noch nicht in jedem Land so vertreten, wie wir das gerne hätten. Deswegen ist auch der ständige Ausbau des Informantennetzwerks so wichtig. Wenn jemandem etwas zu Ohren kommt, können wir das in unserer Datenbank überprüfen und weitere Informanten anfunken.

Wer sind diese Informanten?

Wohlfahrt: Das sind Menschen, die ich kennengelernt habe, die im Fußball viel Erfahrung haben und wieder in ihren Herkunftsländern leben. Der Andi und ich haben annähernd gleich viele Jahre als Profi erlebt. Da lernt man viele Leute kennen, es entstehen Freundschaften. Die kann ich jederzeit anrufen und sagen "Du, ich habe da etwas. Schau mal nach, ob der gut wäre."

Müller: Da kann ich nur zustimmen. Ein Beispiel: Ich war lange mit Ebbe Sand auf Schalke. Heute ist er Stürmertrainer in der dänischen Nationalmannschaft. Wenn es um einen dänischen Spieler geht, rufe ich ihn an. Dann weiß ich zu 100 Prozent, was für ein Spieler das ist. Wo wir scouten, gibt unser Budget vor. Hauptmarkt ist Österreich und dann die angrenzenden Länder. Tschechien ist interessant, dort haben wir mit Jiri Nemec einen guten Kontakt, in Belgien Nationaltrainer Marc Wilmots. Wir werden nicht in der Premier League scouten, nicht in Italien und auch nicht in Deutschland – da habe ich zwar auch Kontakte, aber da kommen nur junge Spieler infrage, die es in der Bundesliga noch nicht schaffen. Dort ist das Netzwerk von Franz genauso groß wie meines, weil wir beide dort gespielt haben.

Sagen Sie Ihrem Informanten dann: "Wenn der Franz anruft, sagen Sie ihm das nicht!"?

Wohlfahrt: Es sind meistens nicht dieselben Menschen, die wir ansprechen. Oder sind das dieselben?

Müller: Das glaube ich nicht.

Es fällt immer wieder der Begriff der Schattenelf. Also einer Mannschaft von Spielern, die man auf jeder Position als Ersatz im Auge hätte. Wie wird diese Liste aktualisiert?

Müller: Das passiert ständig. Jede Position hat zwischen drei und fünf Namen, die weiterbeobachtet werden, um gewappnet zu sein, falls ein Spieler verkauft wird, sich verletzt oder der Vertrag ausläuft.

Wohlfahrt: Das ist die berühmte Marktbeobachtung. Aktuelles Beispiel: Wir werden auf der 
linken Verteidigerseite einen Spieler verlieren. Deswegen komme ich jetzt aus Frankfurt, wegen einem österreichischen Spieler, der eine deutsche Agentur hat. Das konnte ich jetzt machen – ein paar Stunden nachdem ich gewusst habe, dass uns der Markus Suttner verlassen wird.

Müller: Ein linker Verteidiger mit einem deutschen Berater? Das ist aber jetzt kein Spieler von uns? (lacht)

Wohlfahrt: Das glaube ich nicht. Der Spieler ist noch nicht fixiert, aber es gibt gute Gespräche. Den haben wir in einer Marktbeobachtung gesehen. Wenn ich jetzt erst anfangen müsste, ohne irgendeine Idee, hätte ich ein echtes Problem. Da hätte ich dem "Sutti" sagen müssen: "Du kannst nicht gehen, ich habe keinen Ersatz."

Müller: Man muss ja auch nicht immer groß einkaufen, wir wollen auch aus unserer Nachwuchsabteilung Spieler für die Kampfmannschaft herausbilden. Wir schauen, welcher Spieler kann zum Beispiel irgendwann die Position von Steffen Hofmann einnehmen. Wir haben ja den einen oder anderen Jungen, dem wir die Perspektive bieten wollen. Mit Walter Knaller bei der AKA U15 und Michael Steiner bei SK Rapid II haben wir neue Trainer geholt, um diese Hauptaufgabe weiter zu forcieren, darüber steht verantwortlich Willi Schuldes.

Bleiben wir gleich beim Nachwuchs. Ab welchem Alter ist es sinnvoll, Spieler zu scouten?

Wohlfahrt: Bei uns ist Ralf Muhr als Akademieleiter natürlich Bestandteil der Scoutinggruppe. Es ist wichtig, ein Talent früh zu sehen und den Spieler dementsprechend zu entwickeln. Wir wissen aber auch, dass der Sprung aus der Regionalliga in die Bundesliga enorm groß ist. Deswegen gibt es jetzt die Kooperation mit dem FAC, wodurch wir Perspektivspieler in der zweiten Liga unterbringen können. Ich glaube, es gibt im Kindesalter keine Grenzen, ab welchem Zeitpunkt es Sinn macht, zu scouten. Wenn die Möglichkeit besteht, scouten wir auch bei U10- oder U11-Nachwuchsturnieren. Bis zur U13 sollte der Fußball aber noch frei gespielt werden. "Enjoy the Game", wie es bei der FIFA heißt.

Müller: Für uns wird es ab dem Leistungsbereich, also im Alter von 15, 16 Jahren, so richtig interessant. Da wollen wir die Jungs positionsspezifisch ausbilden. Für uns ist die Ausbildung sicher wichtiger als für andere Vereine, die ein höheres Budget haben. Das muss aber auch unabhängig davon eine zentrale Säule im Verein sein, um eine Spielphilosophie zu etablieren. Der beste Verein in diesem Bereich ist der FC Barcelona. Die werden immer wieder mal einen Superstar verpflichten, haben aber durchgängig die gleiche Spielphilosophie. Wenn ein Nachwuchsspieler in die Kampfmannschaft kommt, spielt er mit, als wäre er schon seit Jahren im Team.

Sie haben vorher über den linken Verteidiger von Rapid gewitzelt. Ist die Austria für Rapid tabu?

Müller: Als ich hier angefangen habe, habe ich mich nach dem Abgang von Terrence Boyd auch mit Spielern von der Austria beschäftigt. Da haben mir alle gesagt: "Das kannst du nicht machen, du kannst von der Austria keinen Spieler holen. Da zünden sie dir das Haus an." Als damals der Andi Möller von Dortmund nach Schalke gekommen ist, war das auch ein Aufstand. Nur der Rudi Assauer hat gesagt, das ist ihm egal, das hält er aus, der ist ein super Spieler. Möller hat dann auch eine großartige Zeit bei uns gehabt, aber mir ist klargeworden, dass es bei einer starken Rivalität zu viele Probleme mit sich bringt. Wenn du einen Spieler hast, der von den Fans nicht angenommen wird, wirkt sich das auf die ganze Mannschaft aus.

Wie sieht es umgekehrt aus?

Wohlfahrt: Ich glaube, dass es auch für einen Spieler nicht gut wäre. Es ist etwas anderes, wenn der Spieler bei Rapid die Ausbildung gemacht hat und jetzt 
24, 25 ist. Der Raphael Holzhauser war auch im Rapid-Nachwuchs, aber das ist kein Thema.

Wie wird das sportliche Duell zwischen der Austria und Rapid in der kommenden Saison ausschauen?

Müller: Die Austria wird durch die Verpflichtung von Thorsten Fink ein anderes Bild abgeben. Deswegen werden wir wahrscheinlich Konkurrenten auf Augenhöhe sein. Bei uns stellt sich die Frage, inwieweit wir die Mannschaft zusammenhalten können. Wenn wir keinen Leistungsträger verlieren, ist es möglich, den Abstand zu Red Bull weiter zu verkürzen.

Wohlfahrt: Ich hoffe, mein Kollege hat Recht, was die Austria betrifft. Wir haben das gemacht, was notwendig war – und der Mannschaft ein neues Gesicht gegeben. Wir erhoffen uns vom neuen Trainerteam sehr viel. Ich weiß, dass wir hier eine gute Entscheidung getroffen haben. (Jakob Rosenberg & Benjamin Schacherl, Fotos: ballesterer, Daniel Shaked, 17.7.2015)

Zu den Personen

Andreas Müller (52) ist seit Jänner 2014 Sportdirektor des SK Rapid, davor war er in der sportlichen Leitung von Schalke 04 und Hoffenheim tätig. In seiner aktiven Karriere spielte er als Mittelfeldspieler für den VfB Stuttgart, Hannover 96 und Schalke 04. 1984 wurde er mit Stuttgart Meister, 1997 mit Schalke UEFA-Cup-Sieger.

Franz Wohlfahrt (51) ist seit Jänner 2015 Sportdirektor des FK Austria, davor war er Tormanntrainer des österreichischen Nationalteams. In seiner aktiven Karriere spielte er als Tormann für die Austria und den VfB Stuttgart. Mit den Wienern feierte er sechs Meistertitel und vier Cupsiege, mit Stuttgart gewann er 1997 den DFB-Pokal.

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