Integrationsbericht: Die Stimmung ist gut, die Löhne sind ungleich

16. Juli 2015, 18:38
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Die Ungleichheit am Jobmarkt ist beträchtlich. Diskutiert wurde vor allem übers Deutschlernen

Wien – Rein atmosphärisch erstellten Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) und Expertenratsvorsitzender Heinz Fassmann einen positiven Befund. Der Prozess der Integration, also der Gewöhnung an ein Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher staatlicher und kultureller Herkunft in Österreich, gehe "abgeklärter vonstatten, als es manche NGOs und Parteien suggerieren", sagte Fassmann bei der Präsentation des heurigen Integrationsberichts am Donnerstag.

Zwar habe sich das "Integrationsklima", das vom Marktforschungsinstitut GfK Austria seit 2010 alljährlich mittels repräsentativer Befragung erhoben wird, 2015 im Vergleich zum Vorjahr ziemlich eingetrübt. Fassmann: "Die Umfrage fand nur wenige Wochen nach dem Islamisten-Angriff auf Charlie Hebdo statt."

Stimmung besser als 2010

Doch immer noch sei die Stimmungslage besser als 2010. Damals hätten nur 31 Prozent der "Mehrheitsbevölkerung", sprich: Menschen ohne Migrationshintergrund, von "sehr" oder "eher gut" funktionierendem Zusammenleben im De-facto-Einwanderungsstaat gesprochen. 2015 seien es fast 41 Prozent gewesen.

Doch sosehr, trotz terrorismusbedingter Einbußen, die integrationspolitische Stimmung im Lande auch akzeptabel sein mag: Manch Erkenntnis aus dem diesjährigen 88-Seiten-Bericht weist auf gröbere Diskrepanzen in der Einwanderungsgesellschaft hin. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt: Laut den zum Bericht gelieferten Zahlen-Daten-Indikatoren der Statistik Austria über den Stand der Integration stecken hierzulande etwa doppelt so viele Nichtösterreicher als Österreicher in Niedriglohnjobs fest.

Monatlich weniger als 800 Euro brutto

Konkret, so Stephan Marik-Lebech von der Statistik Austria, verdienen 14 Prozent der Österreicher, aber 28 Prozent der Nichtösterreicher pro Stunde weniger als 8,85 Euro brutto. Das entspricht einem Stundensatz, der geringer als zwei Drittel des Medianeinkommens in Österreich ist – und ergibt einen Monatsbruttolohn von weniger als 800 Euro.

Unter Drittstaatsangehörigen ist der Anteil der Niedriglohnbezieher mit 33 Prozent sogar noch höher. Das Medianeinkommen teilt die Menge der Personen in zwei Teile: 50 Prozent verdienen mehr, 50 Prozent weniger.

Viele Türken ohne Job

Auch waren in Österreich 2014 mit 12,1 Prozent im Jahresdurchschnitt mehr ausländische als mit 7,6 Prozent, einheimische Staatsbürger arbeitslos. Unter türkischen Staatsbürgern waren 2014 sogar 17,8 Prozent ohne Job.

Um der zunehmenden Zahl von Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan, die rasch Asyl bekommen, den Weg in chronische Arbeitslosigkeit zu ersparen, regten Fassmann und Kurz flächendeckende Kompetenz- und Deutschkenntniserhebungen an. Vom Vorstandvorsitzenden des Arbeitsmarktservice (AMS), Herbert Buchinger, kam postwendend Ablehnung: "Mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen ist das nicht realisierbar."

Quereinsteigerklassen

Viel zu tun gebe es auch bei der Sprachförderung von Immigranten, betonte Minister Kurz. Und wärmte die Idee der "Vorbereitungsklassen" wieder auf. Zwar habe die SPÖ gegen diesen Plan bisher opponiert, weil sie Ghettobildung befürchte. Doch gerade die rote Stadt Wien mache es vor. Im Rahmen von Quereinsteigerklassen werde Kindern ab Herbst in der Bundeshauptstadt gezielt Deutsch gelernt.

Dieses Modell, so Kurz, gelte es auszuweiten. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) zeigte sich prinzipiell nicht ablehnend. Die "vorbereitenden Kurse" sollten jedoch "so kurz wie möglich" sein. Was in Wien ab Herbst konkret geplant ist, ist laut einem Sprecher des Wiener Stadtrats Christian Oxonitsch (SPÖ) noch nicht klar. Es werde sich aber "wohl um einfache Deutschkurse" handeln. (bri, 16.7.2015)

  • Jobs im Niedriglohnsektor werden in Österreich in überproportionalem Maß von Nichtösterreichern ausgeübt.
    foto: newald

    Jobs im Niedriglohnsektor werden in Österreich in überproportionalem Maß von Nichtösterreichern ausgeübt.

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