Optimistisch oder ängstlich und mutlos?

Userkommentar17. Juli 2015, 15:51
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"Der Jugend gehört die Zukunft." Klingt eigentlich nach rosigen Aussichten. Wäre da nur nicht diese Ungewissheit

Wie aktuelle Ereignisse zeigen, scheint die Welt etwas aus den Fugen geraten zu sein: Die Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn verschwimmen zunehmend und im sozialen sowie im politischen Bereich scheinen sich fundamentale Wertvorstellungen rapide zu verändern. Schockierende Berichterstattungen über wirtschaftliche und politische Entwicklungen, die vor einem Jahr noch jenseits jeder Vorstellungskraft lagen – Ukraine-Krise, Ebola, "Islamischer Staat", Griechenland-Krise –, überhäufen uns förmlich und nehmen nie in Betracht gezogene Dimensionen an.

Rückzug ins Privatleben

Da ist es natürlich von Vorteil – wenn es sonst schon drunter und drüber geht –, sich wenigstens sein kleines Privatleben so sicher und stabil wie möglich zu gestalten. Folglich braucht es erst einmal einen Job.

Einen Job, der in Einklang steht mit den persönlichen Fähigkeiten und Interessen, vereinbar ist mit der individuellen Vorstellung von Freizeitgestaltung, Freunden und – wenn auch erst später – mit dem Familienleben. Aber vor allem einen sicheren Job. Mit ausreichendem Einkommen, dem Garanten für finanziellen Rückhalt und Stabilität. Ein gutes Einkommen ist ohne Zweifel die Basis für alles, was sich junge Menschen erhoffen.

Job und damit Geld

Denn finanzielle Unabhängigkeit bedeutet auch Unabhängigkeit im privaten Leben und bietet die Möglichkeit, überhaupt erst zu erfahren, was es bedeutet, eigenständig und mit allen Verantwortungen und Verpflichtungen im Leben zu stehen. Und das wollen wir doch alle: uns von den Eltern lösen, in ein Eigenheim ziehen, unseren Hobbys nachgehen und uns schlicht und einfach ein eigenes Leben aufbauen.

Im Endeffekt läuft also wieder alles auf das eine hinaus: Geld. Und das kommt eben nicht einfach so, sondern muss – wie es uns ja von klein auf eingebläut wird – "hart erarbeitet" werden. Gut, dazu braucht es – wie bereits erwähnt – erst einmal einen Job.

Arbeitslosigkeit – ein Horror

Arbeitslos zu sein wäre auf jeden Fall der absolute Horror! Dann wird man vor dem Arbeitsmarktservice skeptisch von Passanten beäugt und lebt von Arbeitslosengeld oder der Notstandshilfe – also von der Arbeit und den Steuern anderer.

"In Zeiten wie diesen" sind ja angeblich sowieso alle böse und darauf aus, unser Sozialsystem zu missbrauchen. Da muss einfach jeder "selber schauen, wie er weiterkommt", auf andere kann da keine Rücksicht genommen werden. Außer auf die Kinder. Für die macht man natürlich alles – vorausgesetzt, es sind die eigenen.

Ein Haufen mutloser junger Menschen

Wie soll man dann bitte in so einer Gesellschaft, in der anscheinend das Hauptaugenmerk nur noch auf Eigeninteressen liegt, optimistisch und selbstbewusst in die Zukunft blicken beziehungsweise Vertrauen in die Solidarität des Staates und der Gesellschaft haben?

Für die Politik ist nur das Hier und Jetzt entscheidend: Jetzt gilt es harte Sparmaßnahmen zu ergreifen, um das Staatsbudget zu sanieren. Jetzt gilt es im Gesundheitsbereich Personal einzusparen. Jetzt gilt es bei Bildung zu sparen. Sparen schön und gut, doch welche langfristige Strategie wird damit verfolgt, beispielsweise bei Bildung zu sparen?

Wer profitiert davon?

Für mich ist dahinter beim besten Willen einfach kein zukunftsorientierter Nutzen zu erkennen, außer dass die Angst, ob man für das Berufsleben gut genug qualifiziert ist, weiter geschürt wird.

Obwohl, wenn man sich die Situation genauer durch den Kopf gehen lässt, könnte – wenn auch zugegebenermaßen ein etwas perfider – Nutzen daraus gezogen werden. Durch Unsicherheit und Instabilität züchtet sich unsere Gesellschaft aus wirtschaftlicher Sicht ängstliche, mutlose junge Menschen heran, die zu willigen und genügsamen Arbeitern werden – im Interesse aller, die über Macht und Geld verfügen.

Aber nicht im Interesse einer optimistischen Jugend, die ja de facto tatsächlich das Glück dieser Erde in den Händen trägt. Ob mit der derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklung wirklich "Glück" in ihren Händen liegt, bleibt offen, was die Jugend daraus macht, auch.

Oder auf Österreichisch ausgedrückt: Schau ma mal ... (Tina Zeinlinger, 17.7.2015)

Tina Zeinlinger (18) ist Maturantin. In unregelmäßigen Abständen gibt sie hier Einblicke in den Alltag von Jugendlichen.

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  • Wie soll man in einer Gesellschaft, in der anscheinend das Hauptaugenmerk nur noch auf Eigeninteressen liegt, optimistisch und selbstbewusst in die Zukunft blicken?
    foto: regine hendrich

    Wie soll man in einer Gesellschaft, in der anscheinend das Hauptaugenmerk nur noch auf Eigeninteressen liegt, optimistisch und selbstbewusst in die Zukunft blicken?

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