Ohne Mitgefühl für die griechische Tragödie

Kommentar der anderen16. Juli 2015, 17:05
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Die Schocktherapie, mit der Polen in den 1990er-Jahren reformiert und in eine Demokratie und Marktwirtschaft überführt wurde, ist allen Polen noch gut im Gedächtnis. Nicht nur deshalb empfinden die meisten Bürger wenig Empathie mit den Griechen

Ein Vierteljahrhundert – das ist wirklich nicht viel. Nach dem Fall des Kommunismus 1989 bissen die Polen die Zähne zusammen und stimmten tiefgreifenden Reformen zu. Sie wollten so rasch wie möglich ein gleichberechtigtes Mitglied der westlichen Gemeinschaft werden. Die Reformen bedeuteten für Millionen meiner Landsleute Verarmung, Verlust der bis dahin garantierten Arbeit in einem staatlichen Betrieb, eine nicht enden wollende Spirale an vergeblicher Arbeitssuche und enttäuschter Hoffnung. Ganze Landesteile im Nordosten Polens sanken zu Armutsregionen herab. Zum Teil ist das bis heute zu sehen.

Polen hat allerdings seit Beginn der Reformen einen gigantischen Sprung nach vorn getan. Das Pro-Kopf-Einkommen stieg von umgerechnet 1.550 Dollar im Jahr 1990 auf rund 13.600 Dollar heute. Wir wurden Mitglied der Nato und – was von den Polen sehr hochgeschätzt wird – der Europäischen Union. Nach wie vor gehören wir zu den größten EU-Enthusiasten Europas. Im Mai 2015 bewerteten ganze 81 Prozent meiner Landsleute die Mitgliedschaft in der EU positiv (Meinungsumfrage des Forschungsinstituts GfK Polonia).

So viel zur Statistik. Das wirkliche Leben ist nicht ganz so rosig. Denn auch wenn statistisch gesehen das durchschnittliche Einkommen der Polen heute bei rund 1.000 Euro brutto liegt, so verdienen doch die meisten "durchschnittlichen" Polen nicht viel mehr als rund 520 Euro brutto. Eine durchschnittliche Rente wiederum liegt bei rund 500 Euro. Darüber hinaus gibt es ein großes Problem mit den sogenannten "Müllverträgen": Arbeitnehmer genießen keinen Schutz wie bei normalen Arbeitsverträgen üblich.

"Müllverträge" ohne Schutz

Sie können von einem Tag auf den anderen entlassen werden, erhalten keine Abfindung und haben weder eine Kranken- noch eine Rentenversicherung (es sei denn, sie zahlen sie selbst). Sie unterliegen nicht dem normalen Arbeitsrecht, erhalten wegen der unsicheren Einkommenssituation keinen Kredit bei einer Bank usw. Schätzungen zufolge arbeitet rund jeder sechste Pole auf der Basis eines solchen "Müllvertrags". Das sind rund 1,6 Millionen Bürger, die meisten davon junge Menschen.

Ich schreibe das alles, um den Kontext zu erläutern, der maßgeblich die polnische Einschätzung des Geschehens in Griechenland bestimmt. Die Mehrheit der Polen empfindet keine große Empathie für die Probleme eines durchschnittlichen Einwohners von Athen oder Thessaloniki, da dort sowohl das Einkommen wie auch der Lebensstandard nach wie vor höher sind als in unserem Land. Zudem wissen wir, dass die griechische Regierung über Jahre hinweg die Zahlen über die wirtschaftliche Lage des Landes fälschte. (Okay, Euroland hat hier beide Augen zugedrückt, doch dies ändert nichts an der Bewertung der Politiker in Athen.)

Der griechische Staat lebte weit über seine Verhältnisse, stellte übermäßig viele Beamte ein, zahlte vielen Arbeitnehmern ein 13. und sogar 14. Monatsgehalt aus und bewilligte auch ungewöhnlich hohe Renten angesichts der Wirtschaftsleistung des Landes.

Die meisten Polen sind schlicht der Ansicht, dass am Ende jeder für seine Fehler bezahlen muss. Zudem scheint die Situation in Griechenland trotz der jahrelangen Wirtschaftskrise keineswegs schlechter zu sein als in unserem Land. So zumindest wirkt es aus der Perspektive eines Polen.

Ferien und Krieg

Auch das Bild der Sommer-Sonne-Ferienidylle, das viele Polen von dem Peloponnes oder Kreta mitbringen (immerhin verbringen rund eine halbe Million Polen ihren Urlaub jedes Jahr in Griechenland), ist ein völlig anderes als jene Bilder aus Athen, die wir im Fernsehen sehen. In der Provinz gibt es keine Demonstrationen. Niemand verbrennt EU- oder Deutschlandflaggen. In den Hotels gibt es Frühstück und Abendessen wie letztes Jahr. Und auch die Sonne scheint wie immer.

Angesichts der Krise in der Ukraine verblassen die Probleme, mit denen sich die Griechen herumschlagen müssen. Denn hier, direkt hinter unserer östlichen Grenze, findet ein Krieg statt. Für die meisten Polen ist die Perspektive eines sich weiter ausdehnenden russisch-ukrainischen Konflikts erschreckender als ein Bankrott Griechenlands und die damit verbundenen Probleme für die Europäische Union.

Dies umso mehr, als an der Weichsel niemand an ein Auseinanderfallen der EU glaubt. Im schlimmsten Fall müsste die EU eben ohne das Mitglied Griechenland auskommen. Die prorussischen Neigungen, die die Regierung von Alexis Tsipras zu erkennen gibt, lassen die Griechen in den Augen der Polen nicht unbedingt sympathischer erscheinen.

Es gibt jedoch einen Aspekt in der griechischen Krise, der auch in Polen auf großes Interesse stößt: Das ist die Frage nach der Aufgabe der Landeswährung zugunsten des Euro. Die Probleme Griechenlands sowie die in Polen verbreitete Überzeugung, dass die Übernahme des Euro anstelle des Zloty zu einer dramatischen Preissteigerung führen wird, hatten zur Folge, dass im Mai 2015 rund 70 Prozent der Befragten die Übernahme des Euro ablehnten (Meinungsumfrage des Forschungsinstituts CBOS). Dieser Negativrekord hat auch mit der Politik der wichtigsten Oppositionspartei in Polen, der "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), zu tun, die immer wieder die Angst vor dem Euro und dem zu erwartenden Preisanstieg schürt.

Charakteristisch ist im Übrigen, dass die negative Einstellung zum Euro nur ein einziges Mal – im Jahr 2009 – unter 50 Prozent sank. Damals war die Mehrheit der Polen bereit, den Zloty durch die europäische Gemeinschaftswährung zu ersetzen. Danach jedoch vertiefte sich nicht nur die weltweite Wirtschaftskrise, vielmehr mussten Griechenland, Irland, Spanien und Portugal – alles Euroländer in der EU – ganz besonders stark gegen den wirtschaftlichen Abstieg ankämpfen.

Polen und der Euro

Zweifelsohne steht der Eurozone wie auch der ganzen EU eine ernsthafte Diskussion über ihre Zukunft bevor, selbst dann, wenn Griechenland nicht zur Drachme zurückkehren wird.

An dieser Diskussion sollte sich Warschau aktiv beteiligen, denn wir werden wohl oder übel eines Tages Mitglied der Eurozone werden müssen. Wie das Beispiel unseres Nachbarn Litauen zeigt, muss die Übernahme des Euro keineswegs mit einer erneuten Schocktherapie für die Gesellschaft einhergehen. Selbst die PiS gibt inzwischen zu, dass wir den Euro irgendwann übernehmen müssen, aber erst dann, wenn die Polen "anständig und auf europäischem Niveau verdienen".

Unklar ließ die Partei nur, ob "europäisches Niveau" einen Wohlstand auf dem Niveau der Spanier, der Franzosen oder doch der Deutschen meint. Denn dass es nicht das Niveau Griechenlands sein sollte, das ist allen Polen klar. (Roman Imielski, 16.7.2015)

Roman Imielski, geboren 1972, Chef vom Dienst der linksliberalen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza", Autor zahlreicher Artikel über Russland, die Ukraine, die Europäische Union und die transatlantischen Beziehungen.

Aus dem Polnischen von Gabriele Lesser

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