"Am grünen Rand der Welt": Vom Drängen der Zeiten und der Liebe

16. Juli 2015, 17:05
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Thomas Vinterberg hat Thomas Hardys Roman mit Carey Mulligan verfilmt

Wien – Die Kunst der Erzählung liegt oft im Detail. Vor allem dann, wenn auf die großen Fragen nach ebenso großen Antworten gesucht wird. Dann werden einzelne Momente plötzlich von enormer Bedeutung, können flüchtige Begegnungen schicksalhaft ein ganzes Leben umschreiben. In diesen Augenblicken liegt die Wahrheit.

Doch dieser Reiz des Unbestimmten birgt auch Gefahr: Man weiß nicht, wer hinter der nächsten Abbiegung wartet, und wenn der Lebensweg vorgezeichnet zu sein scheint, können in solchen Momenten Unheil und Glück ganz nah beieinanderliegen.

Die englische Literatur des 19. Jahrhunderts hat mit den Romanen von Jane Austen und jenen der Brontë-Schwestern diese schicksalhaften Momente perfektioniert. Bei Thomas Hardy, der erst in den 1860er-Jahren zu schreiben begann, ist es vor allem die ausufernde Schilderung des Landlebens und der Landschaften in seinen mythischen "Wessex"-Romanen, die erst den Boden bereitet für den dadurch umso überraschenderen Einbruch in diese abgeschiedene Welt.

In Thomas Vinterbergs Am grünen Rand der Welt (Far From the Madding Crowd), der gleichnamigen Adaptierung von Hardys Roman aus dem Jahr 1874, gibt es immer wieder solche Momente, die scheinbar aus dem Fluss der Zeit fallen: Eine Bewegung oder eine schlichte Geste wirken dann als Regelverstoß gegen die gesellschaftlichen Konventionen oder spiegeln die Verhältnisse wie in einem Brennglas wider. Etwa wenn die neue Gutsherrin Bathsheba Everdene (Carey Mulligan) sich im Laufe des Abends ans Klavier setzt und ein Lied singt, in das der sie verehrende, wohlhabende Nachbar Boldwood (Michael Sheen) einstimmt – während der verarmte Schäfer Gabriel Oak (Matthias Schoenaerts) stummer Zuhörer bleibt.

Herzen in Aufruhr

Am grünen Rand der Welt erzählt vordergründig von eben jener Herrin, die nach einem überraschenden Erbe in der sozialen Hierarchie aufsteigt – "Mistress, not Master", erklärt sie ihren Dienstboten und Arbeitern bei der Übernahme des Besitzes -, sich jedoch zugleich in Liebeswirren verfängt. Denn außer dem Schäfer, der anfänglich um ihre Hand anhält und der erst durch die Fügung des Schicksals zu ihrem Angestellten wird, und dem Großgrundbesitzer, den sie über ihre Gefühle im Unklaren lässt, muss sich Bathsheba Everdene der Avancen des stürmischen Soldaten Troy (Tom Sturridge) erwehren – was ihr nicht gelingt.

Der Vergleich mit der Verfilmung von John Schlesinger aus dem Jahr 1967 mit Julie Christie in der Hauptrolle (Die Herrin von Thornhill) fällt zugunsten Vinterbergs aus: Nicht aufgrund einer größeren Nähe zur Vorlage – die eindeutig Schlesinger an den Tag legte -, sondern aufgrund seines Anliegens, den nahenden Sturm des gesellschaftlichen Umbruchs spürbar zu machen.

Die pulsierende Metropole London mag meilenweit entfernt sein, doch gerade deshalb brechen am entlegenen "Rand der Welt" die neuen Zeiten umso wuchtiger heran. Da bleibt dann zwar mitunter die Figurenentwicklung auf der Strecke und der schneidige Sergeant bloß ein enttäuschter Hallodri, doch der auf den Figuren lastende Druck wird durch diese Enge erheblich erhöht.

Deshalb entwickelt dieser Film seine Stärke auch nicht dann, wenn die Kamera in sonnendurchfluteten Totalen schwelgt, sondern in den Innenräumen: Hier entscheiden kleine Gesten über ein ganzes Leben. (Michael Pekler, 16.7.2015)

  • Die Schäferidylle trügt: Carey Mulligan trifft in "Am grünen Rand der Welt" die Entscheidung fürs Leben.
    foto: abc films

    Die Schäferidylle trügt: Carey Mulligan trifft in "Am grünen Rand der Welt" die Entscheidung fürs Leben.


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