Bill Cosby: Dunkle Wolken im amerikanischen Wohnzimmer

17. Juli 2015, 07:00
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Millionen Amerikanern erschien er lange wie ein Familienmitglied. Nun könnte sich der TV-Star als Krimineller erweisen. Über die menschliche Enttäuschung angesichts einer Fiktion

Wien – Nun wandte sich sogar Whoopi Goldberg ab. Bis zuletzt wollte sie es nicht glauben, doch diese Woche hat sich die Schauspielerin von ihrem Freund Bill Cosby distanziert: "Alle Informationen weisen auf seine Schuld hin." Sogar der US-Präsident äußerte sich zur Causa prima des US-Entertainments: "Wenn man einer Frau oder einem Mann eine Droge gibt und mit diesem Menschen Sex ohne dessen Einverständnis hat, ist das Vergewaltigung", sagte Barack Obama.

Der 78-jährige Schauspieler, Autor und TV-Produzent Bill Cosby steht im Verdacht, Frauen Drogen gegeben zu haben, um mit ihnen Sex zu haben. Stets hat er die Vorwürfe geleugnet, ein Verfahren gegen ihn wurde 2005 außergerichtlich beigelegt. Doch jene Frau, die den Prozess damals angestrengt hatte, schrieb im November letzten Jahres einen offenen Brief an die "Washington Post", in dem sie ihre Vorwürfe erneuerte. Das war ein Dammbruch. Mittlerweile meldeten sich über 40 Frauen, die behaupten, Cosby hätte sich an ihnen vergangen oder es versucht.

Gerichtsdokumente

Whoopi Goldbergs Glauben an ihren Freund brach, als ein Gericht Dokumente aus dem Verfahren von 2005 veröffentlichte. Cosby sagt darin unter Eid aus, dass er sich in den 1970er-Jahren Beruhigungsmittel verschreiben ließ, die er Frauen geben wollte, um mit ihnen Sex zu haben. Seitdem werden in den USA Nachrufe auf Bill Cosby verfasst, Kommentare und Blog-Einträge verraten menschliche Enttäuschung, das Gefühl, in der eigenen Gutgläubigkeit verraten worden zu sein, durchweht viele davon. Rund um die Vorwürfe hat sich ein Kulturkampf ohne richtigen Gegner entzündet.

Bill Cosby! Ausgerechnet. Der Schauspieler gilt mindestens zwei Generationen von TV-Konsumenten als "America's Dad". Diesen vertrauensstiftenden Nickname hat er sich mit der "Cosby Show" verdient. In der von 1984 bis 1992 ausgestrahlten Sitcom spielt er Dr. Cliff Huxtable, das Oberhaupt einer schwarzen Familie aus dem wohlhabenden Mittelstand.

In bunten Pullovern managte er aus dem Wohnzimmer heraus seine Familie. Etwas bieder, aber mit Augenzwinkern, einer Prise Jazz zur kulturellen Verortung und jede Menge Witzchen aus Cosbys Lehre als Stand-up-Comedian. Es war die erfolgreichste Sitcom ihrer Zeit. Täglich in Millionen vornehmlich weiße Haushalte ausgestrahlt, vermittelte sie ein Bild, das sagte: Schaut, wir Afroamerikaner sind genauso harmlos wie ihr.

Falsche Projektionen

In keinem anderen Land verschwimmt die Wahrnehmung des Showbusiness so sehr mit der Realität wie in den USA. Cosby galt als Role-Model. Doch solche entstehen meist als Projektionen von außen, in dem Fall vonseiten des weißen Amerikas, das sich so einen schwarzen Nachbarn wünschte, um sich damit selbst zu überzeugen, wie offen und tolerant es sei.

Als tatsächliche Role-Models für junge Afroamerikaner etablierten sich zu der Zeit aber eher geldschaufelnde Rapper, gleichzeitig bildete der Fall Rodney King im letzten Jahr der "Cosby Show" eine Realität ab, für die im trauten Käseglockendasein der Huxtables ebenfalls keinen Platz war.

Nun wird Amerika gezwungen, die Medienfigur Cosby vom Menschen zu lösen, und das beschert vielen Probleme und Trennungsschmerzen. Denn selbst wer die alte Fanweisheit befolgt, dass man bei sehr verehrten Personen nicht zu genau hinschauen soll, kann sich der Realität nicht weiter verschließen. Wie schwierig der Umgang damit ist, illustriert der Schauspieler Joseph C. Phillips, ein Co-Star der "Cosby Show".

Konservativer Demokrat

Er ist zwar mittlerweile von dessen Schuld überzeugt, sorgt sich jedoch um das Andenken und das Erbe des Showbiz-Giganten. Er rät Cosby, mit seiner Familie aufs Land zu ziehen. Er habe ja genug Geld. So als wäre dann alles gut. So als wiege eine von der Realität unbefleckte Sitcom mehr als möglicherweise dutzende vergewaltigte Frauen.

Cosbys momentane Position wird erschwert von seiner Reputation als Moralisierer. Schon in den 1970ern trat er als ethisch gefestigter Erzieher in dem Kinderprogramm "Fat Albert and the Cosby Kids" auf (Running Gag: "If you're not careful, you may learn something!") Und bis herauf in die Gegenwart fiel der offen demokratisch gesinnte Entertainer immer wieder mit Statements auf, wie sie sonst eher von republikanischer Seite zu hören sind.

Der fünffache Vater und seit 1964 verheiratete Ehemann ist ein Vertreter der Eigenverantwortung. Er propagiert die Familie als sozialen Nukleus der Gesellschaft – sehr oft, ohne die tatsächlichen prekären Umstände in vielen Familien miteinzubeziehen. Oder er lobt – und das besitzt heute eine bittere Ironie – muslimische Gemeinden, weil es in ihnen ja keinen Alkohol und keine Drogen gebe.

Einmal Held, immer Held

In seinen raren Stellungnahmen beschuldigt er nun "weiße Medien", Unwahrheiten zu verbreiten. Nur von schwarzen Medien könne er Unvoreingenommenheit erwarten, zitiert ihn die "New York Post". Das wirkt als Argument für den (einst) beliebtesten Schwarzen des weißen Amerikas schon recht verzweifelt.

Unbeholfen wird derweil mit den Spuren seiner Existenz umgegangen. In Florida entfernte Disneyland seine Bill-Cosby-Statue, in Washington sieht sich das Smithsonian's National Museum of African Art mit Vorwürfen konfrontiert, weil es aktuell Auszüge aus Cosbys Kunstsammlung zeigt. Der einstige Held scheint nicht nur angeschlagen, für viele ist er längst gefallen, obwohl er von Rechts wegen als unschuldig gilt.

Der Ruf nach der Entfernung seines Sterns vom "Walk of Fame" auf dem Hollywood Boulevard wurde hingegen abgewiesen, und auch die Freiheitsmedaille, eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der USA, wird er behalten dürfen. Es gebe gar keinen Mechanismus zur Aberkennung, sagte Barack Obama. So sehr will Amerika an seine Helden glauben, selbst wenn sie sich später als Feiglinge erweisen sollten. (Karl Fluch, 17.7.2015)

  • Als Dr. Cliff Huxtable war Bill Cosby lange Jahre der Liebling der US-amerikanischen TV-Nation. Nun wird immer deutlicher, dass es da auch einen Mister Hyde gibt.
    foto: ap / phelan m. ebenhack

    Als Dr. Cliff Huxtable war Bill Cosby lange Jahre der Liebling der US-amerikanischen TV-Nation. Nun wird immer deutlicher, dass es da auch einen Mister Hyde gibt.

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