NSU-Prozess: Neue Erkenntnisse aus Youtube-Daten

16. Juli 2015, 17:18
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Angeklagte Beate Zschäpe sah sich Dokumentationen über Rechtsextremismus und unaufgeklärte Straftaten an

Nach dreijähriger Bearbeitungszeit haben deutsche Ermittler im Prozess gegen die Neonazi-Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" ("NSU") dieser Tage aus den USA Daten des Youtube-Accounts der Angeklagten Beate Zschäpe erhalten.

Die mutmaßliche Terroristin war auf dem Videoportal als "Liese 1111" unterwegs . Laut deutschen Medien wurde von diesem Account insgesamt 784 Beiträge angesehen, fast die Hälfte davon über die Pornoindustrie, viel Neonazi-Content wie "Heimattreue deutsche Fußball-Jugend – Glatze und Hakenkreuz", aber auch Dokumentationen über Rechtsextremismus ("Frauen in der NPD").

"Aktenzeichen XY"

Aufschlussreicher ist der Zugriff auf eine Aufzeichnung der Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" vom 28. Mai 2008: In dem Programm berichtete ZDF-Journalist Rudi Cerne über den im Sommer 2007 begangenen rätselhaften Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn, der mittlerweile dem NSU zugerechnet wird.

Auch Berichte über damals noch unaufgeklärte Banküberfälle in Ostdeutschland, die man nach der Aufdeckung der Bande 2011 dem NSU zur Last legte, wurden von dem Account abgerufen.

Die deutsche Bundesanwaltschaft hatte bereits im Jänner 2012 ein Rechtshilfeersuchen an die USA gestellt, um die Daten von Facebook- und Youtube-Konten der Terrorverdächtigen im Umkreis des NSU zu erhalten.

Neuer Anwalt

Beate Zschäpe kann sich seit Anfang Juli auf den Rechtsbeistand des Münchner Anwalts Mathias Grasel verlassen, der sie neben ihren bisherigen Pflichtverteidigern Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl berät. Das Verfahren läuft seit über zwei Jahren, ein Ende ist nicht in Sicht.

Zschäpe muss sich für die zehn Morde verantworten, die die Anklage dem "Nationalsozialistischen Untergrund" zuschreibt. Ihre Gesinnungsgenossen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard begingen Selbstmord, als sie die Polizei nach einem Banküberfall festnehmen wollte.

Die Wohnung, die Zschäpe und die beiden Uwes teilten, brannte kurz danach aus. Die Brandlegung wird Zschäpe zur Last gelegt, in den Trümmern fanden die Ermittler eine neun Seiten lange Liste mit Zugangsdaten für diverse Foren, Onlineshops und Mail-Accounts, darunter auch Zschäpes Youtube-Account. (red, 16.7.2015)

Link

Süddeutsche Zeitung: "Und Beate Zschäpe schaut Youtube"

  • Beate Zschäpe im Gerichtssaal.
    foto: apa/dpa/marc müller

    Beate Zschäpe im Gerichtssaal.

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