Camp Grounded: Wo die digitale Elite sich von Smartphones erholt

20. Juli 2015, 07:48
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Ausgerechnet im Silicon Valley gibt es immer mehr Menschen, die ihren Urlaub in sogenannten Digital Detox Camps verbringen

Sommer, Hitze, Urlaub, das heißt für viele auch: Abschalten – und zwar wortwörtlich. Denn in der freien Zeit bleiben Smartphone, Tablet, Laptop und Co meist im Ruhemodus. Das Steckerziehen fällt einigen aber auch dann nicht leicht. Sofort werden Reiseberichte auf Facebook gepostet oder Urlaubsfotos auf Twitter geteilt. Und der eine oder andere Blick in den Posteingang kann ja nicht schaden.

Ausgerechnet im technikverliebten Silicon Valley ist Analog aber das neue Digital, und den mobilen Geräten wird der Kampf angesagt – in Digital Detox Camps: Hier treffen sich Tech-Entrepre neure und Geschäftsleute jeden Alters, die nur eines wollen: ein paar Tage ohne den digitalen Hintergrundlärm.

foto: elijah nouvelage/reuters
Die Begrüßung im Camp Grounded.

Das Camp Grounded ist eines der bekanntesten Digital Detox Camps – ein Ferienlager für Erwachsene, wie es auf der Homepage heißt. In der Begrüßungs zeremonie werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihre digitalen Geräte von als Roboter Verkleideten abgenommen, manche machen noch ein letztes Selfie, schreiben schnell die Abwesenheitsnotiz. Nicht nur das Smartphone bleibt eingesperrt, auch die eigene Identität lässt man in einer kleinen Schachtel am Eingangstor – die Teilnehmer kennen sich nur über Spitznamen, die man selbst aussuchen kann.

foto: elijah nouvelage/reuters
Ankunft: "Roboter Disposal Personal" nimmt den Campern ihre digitalen Geräte ab.

Auf einem Schild im Eingangsbereich steht "No digital devices", daneben gleich "No networking". Die Menschen sollen hier wieder "wahren Austausch" erleben, wie es weiters auf der Homepage heißt, und natürlich zu sich selbst finden. Es gibt Lagerfeuer, Spiele, es wird gesungen und getanzt, und die Teilnehmer ziehen mit bemalten Gesichtern durch die kalifornischen Wälder. "Für die nächsten Tage gibt es nur uns und die Bäume", steht auf einem weiteren handgemalten Schild, das im Camp aufgehängt wurde.

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Im Camp gibt es nicht nur keine Smartphones, sondern auch keine Namen.

"Es war schön, einfach frei zu sein", sagt eine Teilnehmerin im Werbevideo. Vielen mag das Camp eine Spur zu hippiesk erscheinen, dennoch treffen die Betreiber einen Nerv: Das ständige Connected-Sein wird vielen zur Last, die FOMO ("Fear of missing out") überkommt längst nicht nur Teenager.

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Im "Ferienlager für Erwachsene" gibt es Lagerfeuer, Konzerte, Lesungen und viele Camper lassen sich das Gesicht bemalen.

Sämtliche Experten, von Neurobiologen bis zu Ökonomen, haben allerdings darauf hingewiesen, dass ständiges Online-Sein keinen positiven Effekt auf die Arbeit hat – im Gegenteil. Und obwohl es verboten ist, im Camp über den Beruf zu sprechen, sind ein kreativer Schub und neue Motivation für den Job das Hauptmotiv vieler Besucher, berichtete eine Teilnehmerin dem Daily Telegraph.

In jener britischen Tageszeitung wird der digitale Entzug als der Trend 2015 beschrieben. Nicht nur in der Freizeit, sondern auch in den Unternehmen selbst könne man diesen Kurswechsel sehen: Google biete etwa schon vermehrt Rückzugsräume an, in denen Mitarbeiter ohne digitale Geräte ar beiten können. Papier und Stifte gegen Powerpoint.

Die digitale Elite liebt Waldorfschulen

Auch bei den eigenen Kindern achtet die digitale Elite darauf, dass der Smartphone-Konsum eingeschränkt bleibt: Seit einigen Jahren boomen deshalb Waldorfschulen im Valley, in denen es bis zur vierten Klasse Unterstufe keine Computer gibt.

In Europa ist die Rückzugsbewegung noch nicht ganz so ausgeprägt, aber auch hier gibt es bereits Camps, Seminare, Coachings und andere Angebote für den digitalen Entzug. Hotels bieten Digital-Detox-Pakete an – etwa im irischen Westin Dublin, wo Gäste digitale Geräte gegen ein "Survival Kit" tauschen: Massage, Brettspiel, (Papier-) Zeitung, Umgebungskarte und eine Anleitung zum Bäumepflanzen sind darin enthalten. Wer die mehreren Hundert Euro für Camp oder Kur nicht aufbringen mag, dem bleibt noch immer die Schublade. (lhag, 20.07.2015)

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