Körperverletzungsprozess: Majoran und Polizeiprügelvorwurf

16. Juli 2015, 14:30
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Ein Polizist soll auf einer Wiener Polizeiinspektion einem Jugendlichen Faustschläge versetzt haben. Der Fall ist dubios

Wien – Für Jugendliche kann es gefährlich sein, zwanglos bei der U-Bahn-Station Schottenring zu stehen. Das behauptet zumindest Manuel P. – er sagt, er sei nach einer Kontrolle auf einer Polizeiinspektion von einem Beamten zweimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden.

Diese Aussage hat Hannes P. eine Anklage wegen Körperverletzung ein- und ihn vor Richterin Elisabeth Reich gebracht. Der 33-jährige Beamte, der in der nicht mit dem besten Ruf behafteten Polizeiinspektion Deutschmeisterplatz arbeitet, bekennt sich nicht schuldig. Und kann sich überhaupt nicht erklären, warum er hier sitzt.

Aus seiner Sicht war der Einsatz am frühen Abend des 26. März "eine 08/15-Amtshandlung". Man sei zu dritt auf Streife gewesen, bei der U-Bahn-Station seien ihm die drei Teenager aufgefallen.

Abgebrochener Blickkontakt

"Ich habe sie angeschaut, sie haben dann aber den Blickkontakt abgebrochen. Das war für mich nicht stimmig." Als er dann bemerkte, dass einer der dreien etwas fallen ließ, entschied man sich zur Identitätsfestellung.

Doch auch danach ging der Einsatz weiter. Denn der fallengelassene Gegenstand entpuppte sich als halbvolles Fläschchen Majoran. "Ich mache seit sieben Jahren dort Dienst, die Station ist bekannt als Drogenumschlagplatz und Majoran wird verwendet, um Marihuana zu strecken", erklärt P. der Richterin.

"Aber wieso geht die Amtshandlung dann weiter?", wundert Reich sich, schließlich sei der Besitz von Majoran noch nicht strafbar. Die Beamten verlangten nämlich, dass das Trio seine Taschen leeren sollte.

Zwei Flaschen Majoran

"Gab es einen Grund für die Durchsuchung?", will Reich neuerlich wissen. "Der eine Herr hat gesagt, er hat es gefunden, der andere, er muss es seiner Mutter bringen." Das fand P. ein wenig neckisch. Allerdings: Auch dabei wurde nichts Illegales gefunden – außer einer zweiten Flasche Majoran.

Offenbar Grund genug, die Jugendlichen aufzufordern mit auf die Polizeiinspektion zu kommen, um eine gründlichere Durchsuchung vornehmen zu können. Es sei aber alles harmonisch verlaufen. "Ich war mir auch zu 80 Prozent sicher, dass sie nichts dabeihaben, da sie ja freiwillig mitgekommen sind."

Im Posten habe er die Teenager nacheinander perlustriert. Alleine. "Ich habe keinen Grund für eine Eigensicherung gesehen, es hat ja vorher nichts gegeben." Und auch danach nichts, erklärt er.

Beim dritten, dem angeblichen Opfer, habe er noch ein Messer gefunden, das er vorher nicht präsentiert hatte. Ob gegen den 19-Jährigen ein Waffenverbot vorliegt, wollte der Polizist anschließend überprüfen.

"Was soll der Scheiß?"

Die beiden anderen Beamtshandelten erzählen jedoch eine völlig andere Geschichte, was bei der Polizei passiert sei. Sie seien auf Bänken gesessen und hätten auf ihren Freund gewartet. Sie wollen plötzlich gehört haben, wie jemand "Was soll der Scheiß?" gerufen habe, anschließend habe jemand anderer gelacht.

Als sie die Polizeistation verließen, habe ihr Freund behauptet, er sei geschlagen worden. Beide Zeugen sagen, sie hätten das zunächst nicht geglaubt. Erst fünf Minuten später, zurück bei der U-Bahn-Station, habe er ihnen sein gerötetes Gesicht gezeigt.

Durch Fotos, die ein, zwei und drei Tage danach aufgenommen wurden, sind laut Staatsanwältin tatsächlich Hämatome und eine Schwellung objektiviert.

"Wie erklären Sie sich das?", fragt Reich den Angeklagten. "Gar nicht", antwortet der. Und: "Es ist völlig frei erfunden." Die Richterin ist dennoch skeptisch. "Das ist eben so unbegreiflich. Wieso belasten die sie alle, wenn sie keinen Grund dafür haben?"

Polizeifeindliche Postings

P.s Verteidiger kann vielleicht einen Grund nennen. Im Internet finden sich auf Seiten des angeblichen, mehrfach vorbestraften Opfers nämlich eindeutig polizeifeindliche Postings ebenso wie aggressive Drohungen. Dass er sich ACAB, die Abkürzung für "All Cops are Bastards" auf die Stirn tätowieren lassen würde, ist da schon Nebensache.

Der Verteidiger mutmaßt daher, der 19-Jährige könnte nach der Amtshandlung in eine Schlägerei geraten sein und sich die Verletzungen dabei zugezogen haben.

Die jungen Zeugen werden beide von der Frage überrascht, welche Einstellung ihr Freund zur Polizei habe, und grinsen. "Gegen die Polizei natürlich", sagt der eine. "Er baut ja die ganze Zeit nur Scheiß." Sein Kollege stellt die Gegenfrage: "Was für eine Einstellung soll er haben? Eine negative."

Es sind aber Aussagen wie diese, die ihnen durchaus Glaubwürdigkeit verleihen. Die Darstellungen scheinen nicht abgesprochen zu sein, beide sind auch bemüht nicht zu übertreiben, sondern nur das zu erzählen, was sie selbst erlebt haben.

Friedliche Amtshandlung

Die anderen Polizisten bestätigen andererseits ebenso die Version ihres Kollegen und auch das hört sich nicht unbedingt nach einer Absprache an. Die Amtshandlung sei komplett friedlich gewesen, eine laute Empörung will niemand gehört haben. Wäre es so gewesen, wäre man sofort zu dem Raum gegangen, da man ja nicht wissen könne, ob ein Kollege in Gefahr sei. Eine Rötung im Gesicht will niemand bemerkt haben.

Einer erinnert sich allerdings, dass das angebliche Opfer gefragt habe, ob es sich den Mund ausspülen könne. "Er hat gesagt, er hat eine Zahnfleischentzündung." Das sei ihm etwas seltsam vorgekommen, er begleitete den Jugendlichen zum Waschbecken. Ob der allerdings auch Blut gespuckt habe, könne er nicht sagen.

Seltsam wird es bei der Aussage des damals diensthabenden Kommandanten. Der behauptet nämlich erstmals, unmittelbar nach dem Abgang der Jugendlichen hätte man dort, wo sie gesessen sind, Marihuana gefunden. "Da wir es nicht mehr zuordnen konnten, haben wir dann eine Anzeige gegen unbekannte Täter gemacht."

Reich muss schließlich auf August vertagen, da der Teenager und seine Mutter die Ladung nicht bekommen haben und nicht kurzfristig erscheinen konnten. (Michael Möseneder, 16.7.2015)

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