Ex-ORF-Chef Podgorski: Was Faymann von Wrabetz lernen kann

Interview17. Juli 2015, 05:30
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"Vom Medium Fernsehen insgesamt ist nichts mehr zu erwarten", ORF ohne Politeinfluss ein "aussichtsloser" Plan

Wien – Er war Chefreporter, Sportchef und von 1986 bis 1990 Generalintendant des ORF. Unter General Thaddäus "Teddy" Podgorski starteten Formate, die den ORF noch heute prägen: Sein täglicher Reichweitenriese Bundesland heute, die Dokureihe Universum, aber auch die Seitenblicke. Podgorski sieht heute nur fern, um sich zu ärgern, sagt er: Das Medium sei ausgereizt. Und ein politikferner ORF "aussichtslos".

STANDARD: Sie werden diesen Sonntag 80, das Fernsehen in Österreich feiert heuer seine ersten 60 Jahre. Wie lebt sich's mit dem Medium?

Podgorski: Ich werde trotz 60 Jahren Fernsehen 80. Ich hab ja praktisch meine Lebenszeit mit Radio und Fernsehen verbracht. Ich könnte nicht sagen, dass das immer angenehm war, aber lustig war's. Ich hätt's nicht schöner treffen können.

STANDARD: Was wünschen Sie dem Fernsehen, so von Jubilar zu Jubilar?

foto: robert newald


Podgorski: Dem Fernsehen kann man nichts wünschen. Ich weiß, dass es nicht in Erfüllung geht.

STANDARD: Wir reden jetzt über das Fernsehen insgesamt oder über den ORF?

Podgorski: Ich spreche da überhaupt nicht vom ORF, ich rede vom Medium Fernsehen: Das ist versteinert, überholt, ein Monolith in der Medienlandschaft. Vom Fernsehen ist nichts mehr zu erwarten.

STANDARD: Haben Sie das Fernsehen schon abgeschrieben? Die Leute schauen im Schnitt drei Stunden und mehr fern jeden Tag.

Podgorski: Das ist ja die Katastrophe. Das ist alles secondhand und eine Wiederholung nach der anderen. Das Fernsehen besteht eigentlich nur aus eitlen Moderatoren.

STANDARD: Moderator waren Sie aber auch eine ganze Weile.

Podgorski: Deshalb kann ich ja sagen: Moderatoren sind überhaupt das Ärgste – und sie repräsentieren das Fernsehen. Und nehmen Sie die aktuelle Berichterstattung: Radio mit Bildern, das hat mit Film nichts zu tun. Aber das geht in der Geschwindigkeit ja auch kaum besser. Und der Rest? Ist Hausfrauennachmittag und bunter Abend.

STANDARD: Das Medium Fernsehen ist also für Sie absolut ausgereizt?

Podgorski: Absolut ausgereizt. Da kommt nichts mehr. Man würde sich ja von jedem Medium wünschen, dass es die Gesellschaft überrascht, womöglich im Guten beeinflusst, sie an- oder aufregt. Wenn wir zurückblenden – was hat das Fernsehen nicht polarisiert: "Uns kommt kein Fernseher ins Haus, wird sind Bildungsbürger!" Oder: "Das ist was für Proleten!" Heute ist Fernsehen kein Thema mehr, es rollt dahin und dient nur der Dämpfung der Gemüter. Ein intellektuelles Hartz IV. Fernsehen ist wie Krankenhauskost: grauslich, aber lebensnotwendig.

STANDARD: Wir zwei reden gerade über das Fernsehen.

Podgorski: Es redet niemand mehr über's Fernsehen, außer jene, die sich beruflich damit beschäftigen. Hie und da, meist wenn etwas Ordinäres passiert, tun das vielleicht auch andere. Sonst ist das Fernsehen kein Thema. Es gab Zeiten, da haben Menschen diskutiert, wie Fernsehserien wohl weitergehen werden.

STANDARD: Das gibt es durchaus heute noch – aber weniger im linearen Fernsehen als über Videoportale und, wenn man's gern gegenständlich hat, womöglich noch als Silberscheiben-Edition. Darüber wird heftig diskutiert, nur vielleicht nicht mehr persönlich, und gesehen wird da tagelang am Stück.

Podgorski: Das ist vielleicht auch eine Art Fernsehen. Aber nicht jenes Fernsehen, das heuer in Österreich seine ersten 60 Jahre feiert. Die Leute wollen mitreden, wie es das Internet ermöglicht. Im klassischen Fernsehen wird ihnen etwas vorgesetzt – und meist ist das ein Eintopf. Wenn man so alt ist wie ich, hat man alles schon mindestens fünfmal gesehen.

STANDARD: Schauen Sie noch fern?

Podgorski: Natürlich, ich bin ein Fernseher. Ich schaue gern fern, damit ich mich ärgern kann. Das fördert die Adrenalinausschüttung. Aber Neues kommt da nicht mehr.

foto: robert newald


STANDARD: Bei so viel Abgesang auf das Medium ist ja schon fast tröstlich, dass zumindest eine Zielgruppe ungebrochenes Interesse am Fernsehen zeigt: die Politik, und zwar besonders am öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Podgorski: Klar!

STANDARD: Verkennen Politiker da die Bedeutung des Mediums?

Podgorski: Nein, und das widerspricht meiner Ansicht überhaupt nicht. Dieser Brei wird ja gesehen. Und in diesem Brei ist die Politik ein wichtiger Faktor, sie wird den Leuten serviert. Und natürlich spielt das Fernsehen eine ganz große Rolle für die Publicity. Manche Veranstaltungen finden praktisch nur statt, wenn die "Seitenblicke" vorbeikommen.

STANDARD: Die ORF-Redakteure wünschen sich auch im 60. Jahr des Fernsehens in Österreich Aufsichtsgremien im ORF, in denen nicht Parteipolitik eine zentrale Rolle spielt. Sie fordern: Im Stiftungsrat sollen nur ausgewiesene Experten sitzen, die einen Ruf zu verlieren haben. Sie haben einige Erfahrung mit dem ORF und seinen Gremien, wurden dort 1986 zum ORF-Generalintendanten gewählt und 1990 wieder abgelöst. Was halten Sie von den Forderungen der Redakteure?

Podgorski: Vollkommen aussichtslos. Der ORF gehört de facto der Republik, und jene, die an der Regierung sind, haben über den Stiftungsrat und früher das Kuratorium Einfluss auf den ORF. Sie bestimmen die Personalpolitik, die Gebühren, die Werbezeiten … Der ORF ist wirklich abhängig von den Politikern. Und ich weiß, wovon ich spreche. Alles andere ist Larifari.

STANDARD: Warum sollte ein ORF nicht auch ohne parteipolitischen Einfluss möglich sein?

Podgorski: Ich bin gerade zufällig im Gutruf mit Norbert Steger zusammengesessen. Und nach dem relativ langen Gespräch ist mir wieder alles klar.

STANDARD: Ein ehemaliger FPÖ-Chef, Rechtsanwalt, nun Stiftungsrat der FPÖ – was konnte das Gespräch denn klären, was Sie als langjähriger ORF-Mann – Redakteur bis Generalintendant – noch nicht wussten?

Podgorski: Es ist sonnenklar, wie der ORF politisch tickt.

STANDARD: Nämlich?

Podgorski: Alles in allem manifestiert sich hier die Macht der Politik. Vielleicht sehen sich Stiftungsräte nicht als Politiker, und sie dürfen laut Gesetz auch keine aktiven Politiker mehr sein. Aber natürlich haben sie Einfluss, und natürlich agieren sie politisch. Man kann es nicht ändern.

STANDARD: In einem Jahr werden diese 35 Stiftungsräte den nächsten ORF-Generaldirektor und die nächsten ORF-Direktoren bestellen. Die SPÖ ist gerade sehr aufgeregt, weil sie mit dem Landeshauptmann in der Steiermark auch gleich ein Mandat im Stiftungsrat verloren hat …

foto: robert newald


Podgorski: Durch Blödheit.

STANDARD: Die ÖVP hat damit nun eine knappe Mehrheit im Stiftungsrat, und es scheint, als wittere sie reelle Chancen, den nächsten ORF-Chef zu stellen.

Podgorski: Die ÖVP wartet nicht, bis sie Mehrheiten hat. Sie ist dauernd auf dem Kriegspfad. Sie arbeitet auch an einem ÖVPler, wenn sie in der Minderheit ist. Und wenn die ÖVP die Mehrheit hat, ziehen sie das konsequent durch. Da macht die ÖVP keine Kompromisse. Die SPÖ geht immer wieder Kompromisse ein, nach dem Motto: Der Kandidat hat uns ja das oder jenes versprochen. Das gibt es nicht bei der ÖVP. Das sind Hardliner.

STANDARD: Das heißt, ORF-Chef Alexander Wrabetz muss sich warm anziehen, wenn er über 2016 hinaus Generaldirektor bleiben will?

Podgorski: Das glaube ich schon. Es muss sich jeder warm anziehen, der kein ÖVPler ist.

STANDARD: Wrabetz hat – als erster Generaldirektor seit Bacher – eine Wiederbestellung geschafft und bringt gerade seine zweite Amtszeit an der ORF-Spitze hinter sich. Daraus kann man schließen: Der kann das.

Podgorski: Wrabetz hat Nerven wie Stahlseile. Er hat schon mit seinen eigenen Genossen viel aushalten müssen – und natürlich auch mit anderen Parteien.

STANDARD: Werner Faymann und Josef Ostermayer versuchten schon 2009, ihn loszuwerden.

Podgorski: Er ist wirklich ein Meister der Taktik, zu bleiben, was er ist. Da kann auch Faymann etwas von ihm lernen. (Harald Fidler, 17.7.2015)

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