Ideenlos? Wer fremdfischt, ist kreativer

22. Juli 2015, 13:03
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Die besten Problemlösungen entspringen den Köpfen von Branchenfremden, zeigt eine aktuelle Studie der Wirtschaftsuniversität Wien

Es mag unheimlich klingen, aber möglicherweise geistert die Lösung für Ihr Problem ja im Kopf eines Menschen umher, der gar nicht in Ihrem Bereich arbeitet: Einem Tontechniker beim Theater vielleicht? Einer Installateurin? Oder gar einem Stuntman?

Geht es nach den Ergebnissen einer aktuellen Studie des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien (in Kooperation mit der Copenhagen Business School), birgt das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Branchen ungeahntes Innovationspotential – vorausgesetzt sie beschäftigen sich in sogenannten analogen Märkten mit ähnlichen Problemstellungen. "Menschen aus analogen Bereichen sind weniger betriebsblind, sie denken unbeeinflusster von Konventionen und bereits etablierten Lösungsansätzen", schreiben die Studienautoren um WU-Professor Nikolaus Franke. "Je größer die Distanz zwischen dem Problem und der verwandten Branche, desto höher ist übrigens auch der Neuigkeitswert der Ideen."

Bessere Ideen für andere

Zu dieser Einschätzung gelangten die Forscher über ein Experiment mit 213 Tischlerinnen und Tischlern, Dachdeckerinnen und Dachdeckern sowie professionellen Inlineskatern und Inlineskaterinnen – deren Branchen ein gemeinsames Problem teilen: Ihre jeweilige Schutzausrüstung weist Mängel auf.

Franke und seine Kollegen teilten für ihre Studie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Gruppen ein und baten sie zu einem gemeinsamen Brainstorming. Dabei zeigte sich, dass jede der Gruppen signifikant mehr – und bessere – Ideen für die anderen Branchen hervorbrachte als für die eigene (siehe Grafik).

Die Wissenschafter sprechen hier von einem "Analogous Market Effect", einem "Effekt analoger Märke". "Es gibt eine lange Liste an Beispielen, wo verwandte Märkte kreative Lösungen hervorgebracht haben", schreiben sie. "So etwa ein Hersteller von Aufzügen, der sich eines Konzepts aus der Minenindustrie bediente, um Aufzüge in Shopping Malls zu installieren."

Rat bei Extrem-Stuntern holen

Und welche Bedeutung haben diese Ergebnisse für die Praxis? "Wir empfehlen Unternehmern darüber nachzudenken, was die Essenz des Problems ist. Und dann zu überlegen, mit wem sie sich am besten darüber besprechen", schreiben die Autoren. "Sagen wir zum Beispiel, Sie sind Verkehrsingenieur: Vielleicht sprechen Sie am besten mit Ärzten oder Forschern, die sich tagtäglich mit dem menschlichen Kreislauf beschäftigen?"
Außerdem sei es ratsam, Experten aus Bereichen zu Rate zu ziehen, die der eigenen zwar ähneln, aber technologisch fortschrittlicher arbeiten. "Eine Firma, die Inlineskates herstellt, könnte sich in Punkto Sicherheitskleidung beispielsweise beim Team einer Reality-TV-Sendung, das mit Extremstuntern arbeitet, wertvollen Input holen."

Ein wundersamer Effekt, dem die Wissenschafter aber eine Schwäche einräumen: Wie sich im Zuge des Experiments zeigte, ist der Kundennutzen der, von externen Köpfen generierten Ideen etwas geringer. Denn sie verfügen nicht über die nötige Erfahrung in der Branche.

"Wichtig ist also, sich das Ziel des Unternehmens vor Augen zu halten", sagt Franke. "Sind große, innovative Ideen gesucht, lohnt es sich auf jeden Fall, sich außerhalb des eigenen Marktes umzusehen. Bei der Suche nach kurzfristigen Problemlösungen und unmittelbarem Kundennutzen, auch im eigenen Umfeld. Große Innovationsschritte werden so allerdings nicht gemacht." (Lisa Breit, 22.7.2015)

Nikolaus Franke leitet das Institut für Entrepreneurship und Innovation an der Wirtschaftsuniversität Wien

  • Wer keine Ideen hat, streckt am besten die Fühler aus.
    foto: dpa/patrick pleul

    Wer keine Ideen hat, streckt am besten die Fühler aus.

  • Inlineskater und Dachdecker hatten signifikant mehr Businessideen für Sicherheitskleidung von Tischdeckern als diese selbst.
    foto: hbr

    Inlineskater und Dachdecker hatten signifikant mehr Businessideen für Sicherheitskleidung von Tischdeckern als diese selbst.

  • Das Zusammenbringen von Menschen unterschiedlicher Branchen birgt enormes Innovationspotential.
    foto: istock

    Das Zusammenbringen von Menschen unterschiedlicher Branchen birgt enormes Innovationspotential.

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