Oskar Gröning: Der SS-Mann, der Reue zeigt

Kopf des Tages15. Juli 2015, 16:53
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Vor Gericht schlugen dem 94-Jährigen nicht nur Vorwürfe entgegen

Symbolisch betrachtet, gibt es kaum aufgeladenere Begriffe als "Auschwitz" – Synonym für die tiefste aller Untiefen, in die die Menschheit je geraten ist. Hier trieb auch Oskar Gröning sein Unwesen, jener 94-Jährige mit Rollator, der am Mittwoch wegen Beihilfe zum Mord an 300.000 Juden im berüchtigtsten aller NS-Konzentrationslager – nicht rechtskräftig – zu vier Jahren Haft verurteilt wurde.

Der drei Monate andauernde Prozess galt als letzter großer Auschwitz-Prozess – und brachte noch einmal detailliert die Fratze des Nationalsozialismus aufs Tapet. Holocaust-Überlebende schilderten ausführlich ihre Martyrien durch die Schergen Adolf Hitlers, während Gröning trotz gesundheitlicher Probleme der Verhandlung beiwohnte.

Er schien in gewisser Art und Weise als Blitzableiter herhalten zu müssen – schließlich redete er sich nicht wie andere schon früher vor Gericht stehende Mitstreiter auf seine physische Versehrtheit oder angebliche Erinnerungslücken heraus. Ganz im Gegenteil, gleich zu Beginn des Prozesses betonte er seine "moralische Mitschuld" an den Ereignissen im Frühsommer 1944, als mehr als 400.000 Juden aus Ungarn nach Auschwitz gebracht wurden.

HJ, NSDAP, SS

1921 geboren, durchlief Gröning jene Stationen, die ihn zum SS-Mann prädestinierten. Als Sohn eines Weltkriegsinvaliden gehörte er der Scharnhorstjugend an, einer Vorfeldorganisation des Frontsoldatenbundes Stahlhelm; antisemitisch und der Weimarer Republik mehr als abgeneigt. Es folgten HJ, NSDAP und schließlich SS, garniert mit einer Banklehre, durch die er die Stelle in der Auschwitzer Verwaltung erst bekam. Seine Frau, mit der er zwei Söhne zeugte, dürfte mit Grönings Karriere kein Problem gehabt haben: Sie war im Bund Deutscher Mädel tätig, dem weiblichen HJ-Pendant.

Nach Kriegsende und britischer Gefangenschaft lebte Gröning mit Familie in der Lüneburger Heide und arbeitete als Buchhalter. 1977 holte ihn die Vergangenheit wieder ein: Behörden ermittelten, stellten das Verfahren aber 1985 ein, da eine unmittelbare Beteiligung an einem Tötungsdelikt nicht nachgewiesen werden konnte.

Seit 2011 aber reicht bereits eine Beschäftigung in einem KZ für eine Anklage aus – was Gröning nun zum Verhängnis wurde. Jenem Mann, dem vor Gericht neben Vorwürfen auch noch andere Emotionen entgegenschlugen, etwa von Nebenkläger Ivor Perl: "Ich sehe einen Menschen, der mir leidtut." (Kim Son Hoang, 15.7.2015)

  • Oskar Gröning zwischen seinen Anwälten Susanne Frangenberg und Hans Holtermann.
    foto: ap/axel heimken

    Oskar Gröning zwischen seinen Anwälten Susanne Frangenberg und Hans Holtermann.

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