Gottes Werkzeug gegen den Hunger in Afrika

16. Juli 2015, 05:30
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Tony Rinaudo entwickelte eine Methode, um Wüsten wieder zu Wäldern zu machen und gilt nun als Popstar der Entwicklungshilfe

Tony Rinaudo ist 58 Jahre alt, doch er wirkt verzückt wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum, als er aus der unbarmherzig brennenden Sonne in die Kühle des Waldes von Humbo tritt. Hier, im Süden Äthiopiens, spenden die Bäume nicht nur Schatten, sie sind auch der Beweis dafür, dass Rinaudos 32-jähriger Kampf für die Wiederbegrünung Afrikas nicht vergebens war. Mit einer von ihm entdeckten Methode sind seit 1983 auf einer Fläche von sechs Millionen Hektar Bäume zurückgekehrt.

Während dieser Tage in der Hauptstadt Addis Abeba bei einer UN-Konferenz über die Finanzierung der globalen Entwicklungshilfe diskutiert wird, hat der australische Waldmacher nahezu im Alleingang Millionen Menschenleben verbessert.

Mit acht Jahren beobachtete Rinaudo, wie im Zuge eines Landwirtschaftsprojekts Kängurus flüchteten und Fische am Insektenvernichtungsmittel starben. Im Fernsehen sah er, dass Kinder in Afrika nichts zu essen hatten, und dachte sich: "Mit den Werten der Erwachsenen stimmt etwas nicht. Sie zerstören die Natur, während Kinder hungern." Der gläubige Junge bat seinen Gott: "Mache mich zu Deinem Werkzeug, um die Welt besser zu machen."

Um das beste Werkzeug im Kampf gegen den Hunger zu sein, studierte Rinaudo Landwirtschaft. Nach dem Abschluss schickte eine Missionarsgemeinschaft den damals 24-Jährigen nach Niger. Dort machte er, was vor ihm schon tausende Entwicklungshelfer getan hatten: Er pflanzte Bäume – und versenkte so viel Geld und Arbeit im Boden: "Ich habe 6000 Bäume pro Jahr gepflanzt. Wahrscheinlich kann man an einer Hand abzählen, wie viele heute noch leben."

Der fromme Baumpflanzer begann mit seinem Gott zu hadern. "Zeig mir endlich, wie ich helfen kann", betete er, als er mit seinem Geländewagen unterwegs war. Als die Piste immer schlechter wurde, musste Rinaudo anhalten. Dabei entdeckte er, dass mitten in der Wüste aus einem Baumstumpf ein Trieb wuchs – unter der Wüste verbarg sich ein dichtes Wurzelwerk. Die kaum sichtbaren Triebe waren nur die Spitze des Eisbergs oder, wie man in Afrika sagt: die Ohren des Nilpferdes.

Anfangs von vielen verspottet

Anstatt Bäume zu pflanzen, die im trockenen Boden fast nie Wurzeln schlagen, beschloss er, fortan die bereits verwurzelten Pflanzen zu schützen und mit einer einfachen Beschneidungstechnik großzuziehen. Die Idee war so gut wie einfach – vielleicht zu einfach. Denn Rinaudo stieß nur auf Widerstand. Als er in Niger anfing, Sträucher zu beschneiden, verspotteten die Bauern ihn als verrückten weißen Bauern. Zunächst ließen sich nur zehn Bauern darauf ein.

Doch als schwere Dürren das Land heimsuchten, waren sie es, die auf ihren Feldern dennoch gute Ernten erzielten. Die Wurzeln der Bäume hatten das letzte bisschen Feuchtigkeit im Boden gespeichert und die Erosion gestoppt. Die Blätter hatten Schatten gespendet und den Boden gedüngt.

Die anderen Bauern zogen schließlich nach. Mittlerweile betreiben allein im Niger über eine Million Bauern auf fünf Millionen Hektar Landwirtschaft unter Bäumen. Chris Reij, niederländischer Experte vom renommierten World Resources Institute in Washington, nennt diese Wiederaufforstung "die wohl größte Umweltveränderung in Afrika in den letzten hundert Jahren".

Lange gut gehütetes Geheimnis

Jahrelang aber war Rinaudo zu schüchtern, um über seine Erfolge zu sprechen. So gehörte seine Wiederbegrünungstechnik lange zu den bestgehüteten Geheimnissen der Entwicklungshilfe. Regierungen und Hilfsorganisationen brüsteten sich lieber damit, wie viele Bäume sie gepflanzt hatten – natürlich ohne zu erwähnen, wie viele Setzlinge die erste Trockenphase überlebten. Zudem fließt beim Schutz viel weniger Geld als bei der Pflanzung von Bäumen. Damit konnte auch weniger in den Taschen von korrupten Beamten verschwinden.

Zumindest die Bauern in Niger bedankten sich bei Rinaudo. Als er nach 17 Jahren das Land verließ, nannten sie ihn nicht mehr "verrückter weißer Bauer", sondern "Chef aller Bauern". Viele tauften ihre Söhne auf den Namen Tony. (Philipp Hedemann aus Humbo, 16.7.2015)

  • Tony Rinaudo galt in Afrika erst als "verrückter weißer Bauer".
    foto: philipp hedemann

    Tony Rinaudo galt in Afrika erst als "verrückter weißer Bauer".

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