"Hit the Boom": Spaßfleisch im Eigenhautkostüm

15. Juli 2015, 16:04
20 Postings

Doris Uhlich eröffnete das Impulstanz-Festival im Museumsquartier

Wien – An den Plattenspielern arbeitete Doris Uhlich selbst. Ihr verdankt das Festival Impuls- tanz das diesjährige Eröffnungsspektakel Hit the Boom unter freiem Himmel im Haupthof des Museumsquartiers. Der Hof war am Dienstag fast zur Gänze mit jungem, entspanntem Publikum gefüllt. Damit feierte die 38-jährige geborene Oberösterreicherin als "Österreichs Entertainmenthoffnung der anderen Art" (Zitat Programmfolder) einen Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere.

Hit the Boom erwies sich als Recycling-Produkt aus ihrem Stück more than naked aus dem Jahr 2013 und dem "Pudertanz" aus ihrer Arbeit mehr als genug von 2009. Das Pudertanz-Solo hat eine erstaunliche Karriere im Internet gemacht, vor allem auf körperlicher Freizügigkeit gewidmeten Seiten. Uhlich hat es bei Impulstanz im Vorjahr mit Dirk Stermann zu einem Duett und jetzt bei Hit the Boom mit rund zwanzig Tänzerinnen und Tänzern zu einer Gruppensause ausgebaut.

FKK-Atmosphäre

Das war auch Clou von Hit the Boom. Die fröhlich auf der Bühne umherspringenden jungen Leute mussten nicht lange in Hosen und T-Shirts schwitzen. Sie entledigten sich nach gefühlten fünf Minuten jener Stoffe, die ja nur Hüllen sind, und tanzten in ihren Eigenhautkostümen. Fort-an herrschte ausgelassene Club-FKK-Atmosphäre. DJane Uhlich selbst ließ die Hosen fallen, womit sie sich selbst aus more than naked zitierte. Dort hat sie wohl ein Motiv aus dem Stück Aatt enen tionon (1996) des französischen Choreografen Boris Charmatz recycelt, der damals in Frankreich mit diesem Unten-ohne-Trio einigen Staub aufwirbelte.

Verblüffend ist der Wandel der Künstlerin Doris Uhlich. Am Beginn ihrer Laufbahn ab 2006 hat sie sich mit Körpern beschäftigt, die nicht den jugendkultigen Fit-and-Fun-Maßen der Spaßgesellschaft entsprechen. Auch mit dem eigenen. Aus diesem kritischen Vorgehen ist mittlerweile ein affirmatives geworden: Das Fleisch soll Spaß haben. Sehr schön. Aber Hit the Boom mit seinem proper gebauten Tanz-Jungvolk war jetzt sozusagen die Einfleischung der Spaßgesellschaft in Form einer Freiluft-Pudergaudi.

Diese Botschaft kommt in unseren Zeiten, vorsichtig formuliert, missverständlich daher. Ausgerechnet lustiges Spaßfleisch in einer Gegenwart von Kriegen, Flüchtlingsströmen, Europakrise und Übernahme der Politik durch Wirtschaftslobbys? Die große Bühne als Buffet mit mild- wild-sexy Lebendfleisch-Hors-d'oeuvres?

Gut, man muss ein Tanzfestival nicht mit einer Trauerprozession oder einer politaktivistischen Manifestation starten, aber die Bruchlosigkeit dieses Statements der Choreografin führte über den eh schon in jedem Party-Event verhökerten Ausdruck von Lebensfreude doch in eine etwas peinliche Leere. Im Verlauf von Impulstanz selbst wird diese nicht bleiben. Vor allem in den Arbeiten, die derzeit im Weltmuseum vorbereitet werden, gibt es dann mehr Kontroversielles zu erleben. (Helmut Ploebst, 15.7.2015)

  • Lange mussten die Tänzerinnen und Tänzer in Doris Uhlichs "Hit the Boom" nicht in ihren Kleidern schwitzen.
    foto: karolina miernik

    Lange mussten die Tänzerinnen und Tänzer in Doris Uhlichs "Hit the Boom" nicht in ihren Kleidern schwitzen.

Share if you care.