Terrorprozess: 72 Jungfrauen und zweieinhalb Jahre Haft

15. Juli 2015, 14:50
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Ein 17-jähriger Syrien-Heimkehrer sei aufgrund seiner tristen Kindheit schwer gestört, sagt die Sachverständige. Die Zukunft sieht sie düster

Wien – Beisitzer Norbert Gerstberger interessiert sich im Prozess gegen den heute 17-jährigen IS-Heimkehrer Oliver N. für Jungfrauen – im Zusammenhang mit Selbstmordattentätern. Mit einem von diesen, einem Mexikaner, hat der Teenager nämlich in Syrien gesprochen. "Er hat gesagt, er will zu den Jungfrauen", sei das Motiv für die Suizidbereitschaft gewesen. "Den 70 Jungfrauen?", fragt Gerstberger. "72" lautet die exakte Zahl, erfährt er. "Und Sie haben das ernsthaft geglaubt?", wundert sich der Beisitzer. "Damals schon, heute nicht mehr."

Eine Aussage, an die wiederum die psychiatrische Sachverständige Gabriele Wörgötter nicht recht glauben mag. Sie kommt in ihrer Expertise zu dem Schluss, es sei "ausgeschlossen, dass in einem halben Jahr oder einem Jahr eine Läuterung eintritt". Zu verwurzelt sei das radikale Gedankengut.

"Massiv entwurzelt"

Wie dieses überhaupt Wurzeln schlagen konnte? "Er hat eine desolate Kindheit gehabt", sagt Wörgötter. Dadurch sei es zu "einer schweren Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen" gekommen. Die Islamisten hätten dem "massiv entwurzelten" Jugendlichen Halt versprochen.

Ihre Prognose ist eher düster. N. brauche nach der Haftentlassung engmaschige Betreuung und weiter Psychotherapie. Dass er, wie er plant, nach dem Gefängnis zu seinem Vater zieht, hält sie für gar keine gute Idee.

Alexandra Skrdla, Vorsitzende des Schöffensenats, hat an den unbescholtenen Jugendlichen noch ein paar Fragen. Ihr geht es vor allem um die Frage, ob er Waffenausbildung bekommen und danach gekämpft hat.

N. hat das zwar in mehreren Nachrichten an Bekannte und Sympathisanten geschrieben, das sei aber nur Prahlerei gewesen. In Wahrheit habe er für drei Tage in der Schlacht um Kobane als Rettungsfahrer gearbeitet, da habe er eine Waffe in seinem Wagen gehabt, leugnet er die Anklagepunkte.

Nächtlicher Wachdienst

Nun gibt er zu, auch eine Nacht als Wächter vor einem Haus mit IS-Führungspersonal gestanden zu haben. "Finden Sie es nicht seltsam, dass ein Wächter genommen wird, der noch nie einen Schuss abgegeben hat?", wirft Gerstberger ein. "Nein, uns wurde nur gezeigt, wie man die Kalaschnikow entsichert."

Skrdla wiederum fragt nach, wann er bei einem Bombenangriff durch die syrische Luftwaffe schwerst verletzt wurde. "Mitte Dezember", lautet die Antwort. Worauf ihn die Vorsitzende damit konfrontiert, dass in einem abgehörten Gespräch ein dritter Mann einem Freund von N. sagt, der könne sich nicht melden, da er gerade kämpfe. Ein Telefonat von Ende November. Erklärung dafür erhält sie keine.

Zweifelhaft erscheint Skrdla auch die Version von Verteidiger Wolfgang Blaschitz, dass sein Mandant zwischen August 2014 und März 2015 monatelang eigentlich gar nichts gemacht habe. IS-Mitglieder haben ihm zwar Aufgaben angeboten, er hätte aber immer abgelehnt.

Angst vor Propagandaauftritt

"Warum haben Sie da keine Angst gehabt zu sagen, Sie wollen nichts machen, aber sich angeblich gefürchtet, als Sie in einem Propagandavideo mitspielen sollten?", fragt die Vorsitzende. Auch darauf erhält sie keine klare Antwort.

Staatsanwältin Stefanie Schön verdeutlicht in ihrem Schlussplädoyer noch einmal, warum sie nicht an einen Gesinnungswandel glaubt, den N. schon im Spital durchgemacht haben will. Denn auch danach habe er sich noch bewaffnet in martialischen Posen und vor einer IS-Flagge fotografieren lassen.

Dass der Angeklagte eine als "suboptimal zu bezeichnende Kindheit hatte", gesteht sie ihm zu. Aber die Fahrt nach Syrien "war eine Entscheidung, die er getroffen hat". Er habe auch kein reumütiges Geständnis abgelegt, sondern nur zugegeben, was er aufgrund der Beweise nicht leugnen konnte.

"Im Grunde feig"

Der Verteidiger sieht dagegen keinen einzigen Beweis, dass N. in einem Terrorcamp war oder in Kampfhandlungen verwickelt. "Er ist im Grunde seines Wesens feig", ist Blaschitz überzeugt. Die waffenstarrenden Bilder hätte er nur aufgenommen, um zu prahlen.

Dass Fotos auch noch nach seiner angeblichen Bekehrung aufgenommen wurden, erklärt der Verteidiger so: "Er musste sich ja IS-konform verhalten, um nicht aufzufallen. Er wollte ja zurück." Auch der Auftritt in einem einschlägigen Propagandavideo, in dem N. dazu auffordert, nach Syrien zu kommen und Ungläubige zu schlachten, sei im Vergleich zu anderen verbreiteten Aufnahmen nicht so schlimm. "Das ist eher die Persiflage eines Jungterroristen."

Nach einer guten Stunde Beratung verkündet Skrdla das nicht rechtskräftige Urteil: Zweieinhalb Jahre unbedingte Haft, der Strafrahmen beträgt in N.s Fall null bis fünf Jahre. Im Zweifel wird er von dem Vorwurf, ein Ausbildungslager besucht und gekämpft zu haben, freigesprochen.

"Reumütig war das überhaupt nicht", sagt die Vorsitzende zu N.s Geständnis. Und sie weist darauf hin, dass in diesem Fall durchaus auch ein bei Jugendlichen an sich unüblicher generalpräventiver Aspekt dazu kommt. (Michael Möseneder, 15.7.2015)

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