Chinas Wirtschaft hat sich stabilisiert

15. Juli 2015, 06:57
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Regierung dürfte aber weitere Schritte zur Ankurbelung der Konjunktur ergreifen

Beijing – Chinas Wirtschaft hat sich nach offiziellen Angaben stabilisiert. Wie schon im ersten Quartal dieses Jahres wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes auch in den vergangenen drei Monaten um sieben Prozent. Dies teilte das Statistikamt am Mittwoch in Beijing mit. Analysten hatten zuvor mit einem leicht schwächeren Wert von 6,9 Prozent gerechnet.

"China verliert zunehmend seinen Kostenvorteil, weil die Löhne steigen. Ausländische Firmen wandern deshalb mit ihren Fabriken ins Ausland ab", sagte der Pekinger Ökonomieprofessor He Xiaoyu. Problematisch seien auch weiterhin die hohen Überkapazitäten der Staatsbetriebe und die strenge Antikorruptionskampagne Beijings, die Teile der Wirtschaft lähme.

Sorgen nach Börsencrash

Der im Juni begonnene Börsencrash in China – der zeitweise fast vier Billionen Dollar (3,6 Billionen Euro) Marktwert vernichtete – löste Sorgen aus, dass die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ins Schlingern gerät. Das robuste Wirtschaftswachstum animierte die chinesischen Anleger aber nicht zu Käufen: Die Leitindizes der Börsen in Schanghai und Shenzhen fielen um jeweils mehr als vier Prozent. Investoren interessierten sich derzeit eher für Maßnahmen der Politik zur Stabilisierung der Finanzmärkte, sagte Analyst Zhang Qi vom Vermögensverwalter Haitong Securities.

Die jüngsten Daten für Juni sind ein Hoffnungsschimmer: Die Einzelhandelsumsätze stiegen kräftig um 10,6 Prozent. Die Industrieproduktion wuchs um knapp sieben Prozent. Der private Konsum steuerte im gesamten ersten Halbjahr 60 Prozent zum Wachstum bei, nachdem es 2014 51,2 Prozent waren. "Es ist gut möglich, dass die Wirtschaft bis Ende des Jahres weiter anzieht", sagte He.

Mehr Investitionen

Auch die Investitionen zogen zuletzt stärker als erwartet an, während die Exporte unter der weltweit schwächelnden Nachfrage leiden. Die Regierung strebt auch für das Gesamtjahr 2015 ein Wachstum von sieben Prozent an – es wäre das schwächste seit einem Vierteljahrhundert. Um die Konjunktur anzuschieben, senkte die Zentralbank zuletzt mehrfach ihren Leitzins.

Andere Experten äußerten sich weniger zuversichtlich. Sie glauben, das tatsächliche Wirtschaftswachstum sei bereits klar unter die offiziell verbreiteten Zahlen auf fünf oder sechs Prozent gefallen.

Ministerpräsident Li Keqiang hatte für dieses Jahr ein Wachstumsziel von rund sieben Prozent ausgegeben – das nun bereits zum zweiten Mal punktgenau getroffen wurde. Allerdings ist auch das für chinesische Maßstäbe eine sehr geringe Marke. Im vergangenen Jahr hatte das Land mit 7,4 Prozent das schwächste Wachstum in 24 Jahren verzeichnet. Zuvor war die Wirtschaft meist zweistellig gewachsen.

Regierung will Konsum stärken

Chinas Wachstumsmodell müsse auf ein neues Fundament gestellt werden, sagte ein Sprecher des Statistikamts. Die Regierung will die Wirtschaft auf einen nachhaltigeren Kurs bringen. Der Binnenkonsum soll gestärkt und die Exportabhängigkeit verringert werden.

Bereits im Mai hatte Chinas Staatsrat für diesen Zweck neue Industriepläne vorgestellt. Das Programm mit dem Titel "Made in China 2025" soll dafür sorgen, dass die Ökonomie der Volksrepublik radikal modernisiert wird. Das Land will sich innerhalb der nächsten zehn Jahre von der Werkbank der Welt zu einer innovativen Industrie wandeln.

Die Börsenturbulenzen der vergangenen Wochen hatten nach Ansicht von Analysten bisher kaum Auswirkungen auf das Wachstum. Nach einem steilen Kursanstieg im vergangenen Jahr waren die Börsen Mitte Juni plötzlich um mehr als ein Drittel eingebrochen. Wegen massiver Hilfsmaßnahmen der Regierung haben sich die Märkte seit einigen Tagen jedoch wieder stabilisiert.

Den jüngsten Crash verfolgen auch die europäischen Exporteure mit Sorge. "Das ist beunruhigend", sagte der Präsident des deutschen Außenhandelsverbandes BGA, Anton Börner. "Die Hoffnung ist, dass die chinesische Regierung das in den Griff bekommt." Der weltgrößte Automarkt China wächst nach einer Prognose des dortigen Branchenverbands in diesem Jahr auch wegen der Börsenturbulenzen nicht einmal halb so stark wie bisher angenommen. (APA/Reuters, 15.7.2015)

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