Gerd Bacher: Abschied vom "Schöpfer des ORF"

14. Juli 2015, 17:34
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Österreichs Eintritt in die mediale Moderne: So beschrieb Gerd Bacher – selbstbewusst wie stets – seinen Dienstantritt als ORF-Chef 1967. Und Bacher hatte recht, bekräftigt Bundespräsident Heinz Fischer am Dienstag in seiner Trauerrede

Wien – Ein Requiem im Stephansdom, der Bundespräsident, ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof, die Beisetzung live in ORF 2. Beinahe ein Staatsbegräbnis für einen, der keine staatliche Funktion ausübte. Und der doch die Zweite Republik prägte wie wenige, weil er mit ihrem, wiewohl nichtstaatlichen Rundfunk ihr Bewusstsein entscheidend prägte, ihr Bild und das der Welt in Österreich – und auch darüber hinaus.

Zwei Jahrzehnte insgesamt baute und führte Gerd Bacher ab 1967 diese den Markt beherrschende "Medienorgel", wie er den ORF einmal nannte, zweimal abserviert, und daher verteilt über vier Jahrzehnte. Er schuf einen unabhängigen Rundfunk, soweit es seine Wege an die Macht und zurück an die Macht auf dem Küniglberg erlaubten. Einen zumindest so informierenden und bildenden wie unterhaltenden Rundfunk. Einen großen, vielleicht für Österreich zu großen Rundfunk, einen von auch internationaler Geltung.

Grabredner André Heller

"Was du dieser Zweiten Republik via dem von dir gegründeten und mit Unterbrechung 20 Jahre lang regierten ORF an Bewusstseinserhöhungsangeboten, Geschichtsinfusionen, exquisiten Informations- und Unterhaltungsangeboten bereitet hast, ist ohne Beispiel und Nachfolge", sagte sein Lebensfreund und Grabredner André Heller: "Welche Frauen und Männer du leidenschaftlich gefördert und gefordert hast, unter Verachtung des lokalen Proporzdenkens, und wenn irgend möglich, der Degradierung von Parteibüchern zu Wertlospapieren, das ergibt aufgeschrieben eine Art österreichischen Gotha für Geistes- und Kreativitätsadel."

Sein Wirken beschreibt Heller als "idealen Humus für große Begabungen, Ideen und Experimente". Bachers Tod sei eine "veritable Katastrophe". Allein: "Du bist als Mensch futsch, aber der Maßstab für vieles, der du warst, ist in uns geblieben."

Auch "braune Verlockungen" des jungen Bacher sprach Produzent und Wegbegleiter Jan Mojto in seiner Rede an, des später glühenden Demokraten, "Freiheitskämpfers", Wertkonservativen, großen Europäers Bacher.

Bacher war in der Hitlerjugend und jedenfalls Anwärter auf Mitgliedschaft in der NSDAP. Er machte Alfons Dalma, mit Vergangenheit in der faschistischen kroatischen Ustascha, Ende der 1960er zum zentralen ORF-Chefredakteur. Er zeichnete in den 1980ern Dalma und zwei andere Journalisten mit NS-Vergangenheit aus.

Winston Churchill

Am britischen Premier Winston Churchill hätten Bacher nicht allein Konsequenz, analytische Klarheit und Reaktionsfähigkeit und seine Redekunst beeindruckt, sagte Heller in seiner Grabrede über den heimatlosen Rechten Bacher und den heimatlosen Linken Heller: Churchills "grandioser Beitrag zur Niederringung der Nazis und zur Wiedereinsetzung demokratischer Systeme in Europa hat uns unter den politischen Leistungen des 20. Jahrhunderts am meisten imponiert".

"Es gibt nichts Schlimmeres als die Verlockung des Menschen, selbst Gott zu spielen": So hatte der Salzburger Domdekan Hans-Walter Vavrovsky zuvor beim Requiem im Stephansdom Bachers "bitterste Erfahrung aus den Ideologien des 20. Jahrhunderts" beschrieben.

Alle fünf Redner in der Karl-Lueger-Kirche markieren zentrale Punkte in Bachers Geschichte, Höhe- und andere Punkte.

Heinz Fischer

Heinz Fischer, heute Bundespräsident, war in den 1960ern Sekretär des SPÖ-Parlamentsklubs. In der Zeit hielten Klubsekretäre, wie sich Fischer später erinnerte, jene Mikrofone, in die Parteifunktionäre dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ihre Statements abgaben.

So und in ihrer Personalpolitik missverstanden und missbrauchten die Regierungsparteien den Rundfunk. Und das war der Anlass für das Rundfunk-Volksbegehren der Zeitungen 1964, das neue ORF-Gesetz und den neuen ORF-General Gerd Bacher, der ab 1967 mit seiner "Informationsexplosion" aus Verkündung in Radio und Fernsehen Journalismus machte.

Die SPÖ war es auch, die Bacher zweimal – 1974 mit einem neuen Rundfunkgesetz und 1986 – als ORF-General ablöste. "Was waren das für Zeiten, als uns österreichische Innenpolitik aufgrund ihrer flamboyanten Hauptdarsteller und der Raffinesse der Intrigen noch wirklich faszinierte", erinnert Heller an die "Catcher" der Siebzigerjahre: Bundeskanzler und SPÖ-Chef Bruno Kreisky und Bacher.

Heinz Fischer war als Politiker "immer wieder" mit Entscheidungen Bachers "nicht glücklich". Aber: "Es ist nicht Aufgabe eines Generalintendanten des ORF, Politiker einer Regierungspartei glücklich zu machen."

Heller als Schlüsselfigur

Heller war eine Schlüsselfigur von Ö3, das unter Bacher 1967 startete, wie Ö1 und die Regionalradios erstmals klar positioniert. Ein prototypischer Sender der Populärkultur, später stromlinienförmig kommerzialisiert und längst gealtert, aber noch heute Tages-Soundtrack eines Drittels der Österreicher.

Redner Wilfried Haslauer ist Landeshauptmann und Chef der ÖVP in Salzburg. Dort wurde Bacher 1925 als Sohn einer Lehrerin und eines Kaufmanns geboren, dort starb er am 27. Juni 2015 mit 89 an den Folgen eines Schlaganfalls. Dort begann Bacher, Mitglied einer Einmannpartei mit Aufnahmesperre, bei der Salzburger Volkszeitung der ÖVP. Später leitete er hier in einer unfreiwilligen ORF-Pause den Verlag des Salzburger Volksblatts.

Wenn Bacher, in den 1960ern mit Bild-Telegraf und Express Boulevardblattmacher gegen Hans Dichands Krone, gerade nicht den ORF führte, dann war er Kurzzeit-Chefredakteur des Kurier und später Herausgeber der Presse, er managte einen Wahlkampf des späteren deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) und war Aufsichtsrat bei Sat.1, einem jener Privatsender, die Bacher als ORF-General stets abzublocken verstand. Und der doch Sat.1 indirekt wohl mitfinanzierte, mit großen Programmdeals des ORF mit dem Münchner Medienmulti Leo Kirch, dem auch der deutsche Privatsender gehörte. Mojto, heute selbst europäischer Großproduzent, war bis zum Zusammenbruch von Kirchs Imperium Anfang der 2000er-Jahre einer seiner wichtigsten Manager.

Alexander Wrabetz

All seine Nachfolger habe Bachers "kaum zu erfüllender Ansporn begleitet", sagte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz in seiner Trauerrede. Der stets existenziell um den ORF besorgte Bacher hat Wrabetz 2009 auch live im ORF abgekanzelt, ihm fehle Durchschlagskraft und Programmkompetenz. Doch die damals schwere wirtschaftliche Krise des ORF, Parteizugriffe und Absetzungsversuche aus der eigenen Partei, der SPÖ, meisterte Wrabetz taktisch konsequent; fast so, wie Bacher einst seine Wiederwahlen organisierte. Der "Gründer und Schöpfer des ORF" sei nun "von der Last befreit": "Wir müssen uns ab jetzt alleine tragen."

Was nimmt Wrabetz mit von Bacher? Ein zugleich taktisches Signal an die Politik, den ORF nicht einzuschränken: "Think big ist für den ORF überlebenswichtig", er habe die "kritische Minimumgröße im internationalen Vergleich".

Bacher wünschte sich Gerhard Zeiler an die Spitze des ORF zurück, der nach ihm ab 1994 den ORF führte – von Bacher damals als zu kommerziell kritisiert – und später RTL.

Zeiler über Bacher, am Rande des Requiems vom ORF befragt: "Er hat ganz genau gewusst, was er mit dem ORF machen will: den stärksten und besten öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Europa. Er hat die Kraft gehabt, das umzusetzen." (fid, 14.7.2015)

  • Der Sarg des verstorbenen früheren ORF-Generalintendanten Gerd  Bacher im Wiener Stephansdom, wo des Verstorbenen  mit einem Requiem gedacht wurde.
    foto: apa / pfarrhofer

    Der Sarg des verstorbenen früheren ORF-Generalintendanten Gerd Bacher im Wiener Stephansdom, wo des Verstorbenen mit einem Requiem gedacht wurde.

  • Bundespräsident Heinz Fischer während der Beisetzung Gerd Bachers.
    foto: apa/pfarrhofer

    Bundespräsident Heinz Fischer während der Beisetzung Gerd Bachers.

  • André Heller (li.) und die Präsidentin der Salzburger Festspiele und Tochter Gerd  Bachers, Helga Rabl-Stadler, während der Einsegnung Gerd Bachers in der Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche in Wien.
    foto: apa / pfarrhofer

    André Heller (li.) und die Präsidentin der Salzburger Festspiele und Tochter Gerd Bachers, Helga Rabl-Stadler, während der Einsegnung Gerd Bachers in der Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche in Wien.

  • Der Ex-Chefredakteur und Herausgeber der "Presse" Thomas Chorherr neben dem Sarg.
    foto: apa/pfarrhofer

    Der Ex-Chefredakteur und Herausgeber der "Presse" Thomas Chorherr neben dem Sarg.

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