"Faust"-Neufassung: Der Teufel wird sie alle holen

14. Juli 2015, 17:26
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Das Festival Theaterzeit Freistadt führt in eine finstere "Faust"-Welt: Uraufführung einer Neufassung von Ulf Dückelmann

Freistadt – Goethes Faust respektive den "Faust"-Stoff im Heute zu verankern, das bedarf am Theater einigen Zutuns. Die Rollenbilder des Dramas sind veraltet, die Handlungslogik basiert auf historischen Umständen. Der Regie allein gelingt ein Update nur schwer.

Ulf Dückelmann, Regisseur und Autor, hat deshalb in einem dramaturgischen Rundumschlag aus mehreren "Faust"-Dichtungen eine schwergewichtige Neufassung erarbeitet. Nach Motiven aus Romanen von Fjodor Dostojewski, Michael Bulgakow und Thomas Mann sowie aus Johann Wolfgang von Goethes Drama entstand Die Walpurgisnacht. Eine Faust-Saga: ein Theater-Bollwerk im Cinemascope-Format, das jüngst beim Festival Theaterzeit Freistadt seine Uraufführung feierte.

Gretchen, gemeinhin das Opferlamm, ist in dieser den "Faust"-Ideen auf radikal neue, schlüssige Weise folgenden Familiensaga eine junge Hirnforscherin (Susanna Bihari), die aus ungestüm wissenschaftlichem Antrieb hohe Schulden angehäuft hat und nun pleite vor Mutters Villa steht.

Und Heinrich? Der Gelehrte (Yorck Hossfeld) nimmt hier den Platz eines Bruders ein; er leidet wie Margarethe unter der liederlichen Mutter. Im Haus schweift zudem die von epileptischen Anfällen geplagte Bedienerin Sanny (Sissi Noé) umher, die weibliche Variante von Dostojewskis Smerdjakow aus den Brüdern Karamasow. Eine Videowand importiert außerhäusliche Szenen.

Alle zusammen ergeben sie die kaputte Familie Faust, die – nach Bulgakows Meister und Margarita – mit einem in der Stadt gastierenden Magier und Lebensberater (Wolfgang Hundegger) und seinem Assistenten Voland (David Zimmering) eine unheilvolle Bekanntschaft schließt.

Relativität des Bösen

Wer glaubt, im Zauberer und seinen in archaische Kuhfellmäntel gehüllten Hexen (Kostüme: Margit Dimow) oder deren redseligem Begleiter schon den Teufel ausfindig gemacht zu haben, irrt. In Dückelmanns Stück macht man mit der Relativität des Bösen vielfach Bekanntschaft. Der Teufelspakt ist diffus.

Den Soundtrack dafür liefert in berückend leisen Tönen Pianistin Anna Pavlowa mit Comfortably Numb von Pink Floyd bzw. mit Sympathy For The Devil von den Rolling Stones.

Man muss in dieser Walpurgisnacht nicht alle Anspielungen auf "Faust" -Motive erkennen, um den sukzessiven Niedergang dieser verlorenen Menschen direkt zu spüren. Dafür sorgt auch die in der Messehalle durch riesige Vorhangbahnen variabel erweiterbare Bühne, die samt offenen Feuerstellen und dem Lichtkonzept von Hubert Wolschlager unheimliche Atmosphären erzeugt.

Spuren von Gothic Horror durchdringen ohne Betulichkeit eine ganz zeitgenössische Geschichte. Wer die Guten sind: Es bleibt offen. (Margarete Affenzeller, 14.7.2015)

Theaterzeit Freistadt, Messehalle, 0650/628 41 41, Vorstellungen bis 26.7.

  • Im Haus der Familie Faust sieht es düster aus. Die Geschwister (frei nach Dostojewskis Karamasow-Clan) haben mit Sanny (im Bild: Sissi Noé) eine geheimnisvolle Halbschwester zur Seite, die nach dem Leben der Mutter trachtet.
    foto: loucaz steinherr

    Im Haus der Familie Faust sieht es düster aus. Die Geschwister (frei nach Dostojewskis Karamasow-Clan) haben mit Sanny (im Bild: Sissi Noé) eine geheimnisvolle Halbschwester zur Seite, die nach dem Leben der Mutter trachtet.


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