Branford Marsalis: Produktives Ausrasten

14. Juli 2015, 17:25
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Der US-Saxofonist bewies mit seiner fulminanten Band im Porgy & Bess musikalisches Höchstniveau, quasi per Knopfdruck abrufbar

Wien – Was ist los!? Hier wird mit einer Dringlichkeit losgelegt, als wäre nicht mehr viel Zeit bis zur Apokalypse. Kein sanftes Aufwärmen, kein behutsames In-Stimmung-Kommen. Als wären dem Ganzen schon eine Menge Stücke vorausgegangen und als bliebe nur noch, eine entfesselte Zugabe zu kredenzen, klang das zu Beginn des Konzertes von Branford Marsalis. Der etwas liberalere Bruder des strengen, trompetenden Jazzprofessors Wynton Marsalis zelebriert am Sopransax zwar eine recht simple Melodie.

Doch wie seine Kumpanen um Marsalis herum eine rhythmisch vertrackte Welt erschaffen, wie Schlagzeuger Justin Faulkner loslegt, war schon frappant in seiner komplexen Ordnung und seiner gleichzeitig unmittelbaren Intensität. Wenn die immer so spielen und dies auch noch von Beginn an, dann haben die offenbar den Dreh heraußen, Musizieren auf Höchstniveau quasi per Knopfdruck jederzeit abrufen zu können. So klang das.

Doch ebenso erstaunlich wie die irrwitzige Emphase: Bei der nächsten Nummer, einer Ballade, ist der Effekt vollkommen verpufft. Da klingt der Tenorsaxofonton von Marsalis eher schmusig-wattig, alles plätschert dahin, und tatsächlich auch keine Impulse mehr vonseiten des Schlagwerks. Als wäre plötzlich eine andere Band zugange.

Da ist Schläfrigkeit

Womöglich ist es wie im Fußball: Es gibt große Teams, die offensiv sein müssen, um zu sich selbst zu finden und das Beste in sich zu aktivieren. Diese Band, mit dabei auch Pianist Joey Calderazzo und Bassist Eric Revis, scheint jedenfalls mit hardboppigem, offensivem Dauerstress und komplexen rhythmischen Spielereien auf Touren zu kommen. An diesem Abend verhielt es sich jedenfalls so. Balladen leiteten hingegen den Bandschlaf ein.

Die Intensität wird, es ist hervorzukehren, angepeitscht vom Schlagzeuger: Faulkner verfügt über ein untrügerisches Gefühl, Impulse so unerwartet wie passend zu platzieren. Das ist variantenreich, frei von Klischees und doch bleibt es im Rahmen der obligaten Jazzordnung. Wobei die Band ihre Impulsivität mitunter auch ins Freejazzige überführt.

Da kann also keine Ballade mithalten, und auch der virtuose Pianist Calderazzo klingt in sanften Solomomenten bieder, so, als wollte er sich mit Akkorden dort hinträumen, wo Keith Jarrett längst war. Es blieb vernachlässigbar. Die hitzigen Momente präsentieren ein kleines Kollektiv beim produktiven Ausrasten knapp vor dem Weltuntergang. Wann darf man so was schon hören! (Ljubiša Tošić, 14.7.2015)

Nächste Konzerte im Porgy: 24. 7.: Lee Ritenour / Dave Grusin Band

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Porgy & Bess

  • Saxofonist Branford Marsalis und seine edle Band zeigten vor allem ihre Fähigkeit, hitzige Intensität zu produzieren.
    foto: epa / estela silva

    Saxofonist Branford Marsalis und seine edle Band zeigten vor allem ihre Fähigkeit, hitzige Intensität zu produzieren.

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