Indiens mysteriöse Todesserie nach Prüfungsschwindel

15. Juli 2015, 05:30
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Tausende sollen sich gute Noten gekauft haben. Als der Skandal auffliegt, sterben 46 Menschen

Akshay Singh interviewte gerade die Familie eines der Todesopfer, als ihm unwohl wurde. "Plötzlich begann er zu zittern, Speichel tropfte aus seinem Mund", erzählt einer der Interviewten, "dann wurde er bewusstlos." Die herbeigerufenen Ärzte konnten den 38-jährigen Journalisten nur noch für tot erklären. Bei der Autopsie wurden weder innere noch äußere Verletzungen entdeckt – man tippte auf eine Herzattacke.

Politiker der oppositionellen Kongresspartei hatten Singh noch gewarnt, er riskiere sein Leben. Der Reporter des TV-Senders Aaj Tak war Anfang Juli von Delhi in den zentral gelegenen Bundesstaat Madhya Pradesh gefahren, um in einem spektakulären Prüfungsschwindel zu recherchieren, der immer mehr zu einem blutigen Politkrimi gerät. Medien sprechen bereits von einem der größten Betrugsskandale in der Geschichte Indiens.

Laut Anklage soll es an der staatlichen Zulassungsbehörde Vyapam über Jahre einen systematischen Handel mit Noten gegeben haben. Tausende Inder sollen sich für Schmiergelder von umgerechnet 13.000 bis 100.000 Euro gute Noten gekauft haben, um Jobs im Staatsdienst oder die Zulassung zum Studium zu ergattern. Sie arbeiten nun als Lehrer, Ärzte oder Polizisten.

Ermittlungen gegen 2.500 Personen

Nun sind Mauscheleien in ganz Südasien gang und gäbe. Doch die Dimension der jüngsten Affäre sprengt auch indische Maßstäbe. Über die Jahre sind laut Medien Schmiergelder in dreistelliger Millionenhöhe geflossen. Inzwischen wird gegen 2.500 Personen, darunter Politiker, Beamte, Mittelsmänner, Studenten und ihre Eltern, ermittelt. Hunderte wurden festgenommen.

Doch die Ermittlungen kommen nur schleppend voran. Seit Auffliegen des Megaskandals erlebt das Land eine Welle von mysteriösen Todesfällen. Selbstmorde, Verkehrsunfälle, Herzattacken, Vergiftungen: Nach Recherchen der "Times of India" starben 46 Menschen binnen zwei Jahren unter dubiosen Umständen. Die Opfer waren Angeklagte, Mitwisser, Zeugen oder Informanten im Vyapam-Skandal, wie die Affäre genannt wird.

Tot im Hotelzimmer entdeckt

Nur wenige Tage vor Singh war der Tierarzt Narendra Singh Tomar im Gefängnis gestorben. Der 29-Jährige soll ebenfalls einer Herzattacke erlegen sein. Ein involvierter Professor wurde tot in einem Hotelzimmer aufgefunden, eine angeklagte Studentin soll sich vor einen Zug geworfen haben. Das prominenteste Opfer war Shailesh Yadav, Sohn des Gouverneurs von Madhya Pradesh.

"Ich vermute, dass diese plötzlichen Herztode bei verschiedenen Opfern durch Gift verursacht wurden", sagte der Bürgerrechtsaktivist Anand Rai indischen Medien. Rai war es, der vor zwei Jahren mit einer Anzeige die Ermittlungen ins Rollen brachte. Nun fürchtet er selbst um sein Leben. Kritiker glauben, dass auch Minister und höchste Beamte in den Megaskandal verwickelt sind – bis hin zur Familie von Shivraj Singh Chouhan, Regierungschef von Madhya Pradesh.

"Sie wurden krank und starben"

Er versuche die Mordwelle zu "vertuschen", empörte sich Digvijay Singh von der oppositionellen Kongresspartei. Tatsächlich scheint sich die Landesregierung nicht allzu energisch um Aufklärung zu bemühen. Die meisten Toten "starben eines natürlichen Todes", beantwortete Babulal Gaur, Chouhans Innenminister, kritische Fragen der indischen Agentur PTI. "Sie wurden krank und starben."

Viele fürchten, dass die Drahtzieher am Ende ungeschoren davonkommen. Diese Sorge scheint das Höchste Gericht Indiens zu teilen, das Madhya Pradesh in der vergangenen Woche die Zuständigkeit für den Fall entzog. Seit Montag ist das Central Bureau of Investigation (CBI), Indiens Gegenstück zur US-Bundespolizei FBI, federführend bei den Ermittlungen im Vyapam-Skandal. Experten glauben allerdings, dass sich solche Skandale nicht auf Madhya Pradesh beschränken. "Vyapam ist nur die Spitze des Eisbergs. Dies geschieht im ganzen Land", meint der frühere Richter Chandresh Bhushan. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, 15.7.2015)

  • Demonstration in Neu-Delhi gegen die Regierung und für die 46 Todesopfer – aus  Protest werden auf den Straßen Feuer gelegt.
    foto: apa/epa/harish tyagi

    Demonstration in Neu-Delhi gegen die Regierung und für die 46 Todesopfer – aus Protest werden auf den Straßen Feuer gelegt.

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