Griechenland: In der Mangel der Inquisition

Kommentar der anderen14. Juli 2015, 17:14
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Der Preis für den jüngsten EU-Deal fällt hoch aus: Die Einheit Europas ist merkbar geschwächt

Wir haben eben eine Neuauflage der Inquisition erlebt, noch dazu in "Beichtstuhl-Gesprächen"; dabei haben eine Ex-DDR-Protestantin und ein laizistischer Franzose einem ex-griechisch-orthodoxen Sündenbock für jahrelanges Sündigen seiner Vorgänger Daumenschrauben angesetzt. Ein Apostat, der nicht an die heilige Marktreligion glauben wollte, für viele Konservative ein "Gottseibeiuns", muss nicht nur mit dem Fegefeuer bestraft werden, sondern in ewiger Schuld(en)knechtschaft schmoren.

Tsipras versucht wohl Griechenland zu retten, sich selbst und seine Partei aber hat er politisch geopfert. (Wenige andere Politiker hätten das auf sich genommen.) Damit hat er allen politologischen Dünnbrettbohrern demonstriert, dass sehr wohl beträchtliche Unterschiede und Zieldifferenzen der linken Anti-Austerity-Protestbewegungen zu den EU-Gegnern auf der extremen Rechten, die nun umso mehr Auftrieb bekommen werden, bestehen; hier wächst die nächste Megakrise des bröckeligen europäischen Eurohauses heran.

Wir werden sehen, ob eine Rettung Griechenlands gelingt, in absehbarer Zeit und unter Opferung einer ganzen Jugendgeneration. Hoffen kann man das nur, wenn man von den schrecklichen Bürden, die damit dem Großteil der Griechen auferlegt werden, absieht. Einen Weg zwischen Skylla und Charybdis gibt es nicht, sondern nur das eine – von Hunden zerrissen zu werden – und das andere – vom griechischen (hoffentlich nicht gesamteuropäischen) Meeresstrudel eingesogen zu werden.

Den Griechen sollte als abschreckendes Beispiel für Podemos und andere Kritiker des ungefesselten Finanzkapitalismus das Rückgrat gebrochen werden. Viele europäische Sozialdemokraten haben den Schwanz eingezogen und nicht einmal gewinselt, geschweige denn gebellt.

Immer wird vor der Gefahr einer Renationalisierung Europas gewarnt, wenn demokratisch gewählte Regierungen die Diktate der anonymen "Märkte" und einer Politikerkaste nicht annehmen wollen und in üble nationalistische Töne verfallen. Aber dass Deutschland seine engstirnigen Interessen in Form seiner Hartwährungspolitik und exportwirtschaftlichen Hegemonie mit aller Macht allen Europäern aufzwingen konnte, mag dort (vorerst) nationale Schulterschlüsse stärken, auch einige duckmäuserische Nationen wie Finnland oder teils Österreich mitziehen.

Das wird aber die europäische Einheit, wie immer das Griechenlanddrama mittelfristig ausgeht, katastrophal schwächen, Widerstände in Südeuropa (und vielleicht von Frankreich her) stärken und vor allem auch die Reputation Deutschlands nachhaltig schädigen. Schade um die guten Ansätze im Nach-1945/1989-Deutschland und um viele unserer großartigen deutschen Freunde. (Gerhard Botz, 14.7.2015)

Gerhard Botz, Professor emeritus am Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft.

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