Geht's den Frauen gut, geht's der Wirtschaft gut

14. Juli 2015, 17:09
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Frauen aus dem Jobmarkt zu drängen sei auch bei hoher Arbeitslosigkeit eine gefährliche Strategie, so Experten in einem neuen OECD-Bericht

Wien – Frauen werden am Arbeitsmarkt benachteiligt – das ist nichts Neues. Es ist aber nicht nur ungerecht, sondern auch wachstumsfeindlich: Das zeigt der aktuelle Österreich-Wirtschaftsreport der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der am Dienstag in Wien präsentiert wurde. Positiv formuliert: Beachtet Österreich alle Tipps, um Frauen in den Arbeitsmarkt einzugliedern, dann bringt das ein um 13 Prozent höheres Wirtschaftswachstum bis zum Jahr 2060. Nicht nur das: Auch die Geburtenrate steigt – und eine jüngere Bevölkerungsstruktur sorgt wiederum für lebhafteren Konsum.

foto: dpa/brandt
Wo sind die Papas? Sie machen Überstunden. Österreich sticht im Ländervergleich besonders stark hervor, wenn es um Teilzeitarbeit von Müttern und Mehrarbeit von Vätern geht. Das schadet auch dem Wirtschaftswachstum, sagen Experten.

Derzeit kann Österreich davon nur träumen. Die Zahl der teilzeitarbeitenden Frauen ist höher als in den meisten anderen OECD-Staaten, Österreichs Männer hingegen sind "Überstunden-Champions" im Ländervergleich. Die Empfehlungen der OECD sind klar: Weg mit den Hürden für Frauen, die von Teilzeit auf Vollzeit umsteigen wollen. Zwar erklären viele, sie würden freiwillig nur Teilzeit arbeiten. Diese Aussagen seien aber zu relativieren, sagen die Experten: In vergleichbaren Ländern wie Deutschland zeige sich, dass diese Frauen unter veränderten Bedingungen sehr wohl Vollzeitjobs wählen würden.

Doch da es in Österreich an ebendiesen Bedingungen fehlt, erscheine der Teilzeitjob als einzig vernünftige Lösung.

Die drei wichtigsten Tipps der OECD-Experten:

  • Betreuungsplätze: Es brauche deutlich mehr Angebote, vor allem für Kinder unter zwei Jahren. Hier hakt es vor allem auf dem Land. Neben dem Ausbau von Betreuungsplätzen rät die OECD auch zu Vorgaben für mehr Qualität: kleine Gruppen, Nachmittagsbetreuung, wenige Schließtage im Jahr – und das flächendeckend über alle Bundesländergrenzen hinweg. Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) verhandelt derzeit mit Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) über einen solchen Qualitätsmaßstab. Ihr Ziel sei es, alle Kindergärten auf maximal "zwei bis fünf Schließwochen pro Jahr" zu bringen, so die Ministerin.

  • Steuerreform: Weg mit Steueranreizen für das Der-Mann-bringt-das-Brot-Modell. Stichwort Alleinverdiener-Absetzbetrag: "Ich würde raten, ihn zu hinterfragen", so OECD-Vizegeneral Stefan Kapferer. Aber auch der hohe Eingangssteuersatz bei Einkommens- und Lohnsteuer sei ein Push-Faktor in Richtung Teilzeit: Wer knapp über die Freigrenze komme und bei mehr Arbeit gleich viel verdiene, überlege es sich dreimal, auf Vollzeit umzusteigen, so Kapferer, der die jüngste Steuerreform aber ausdrücklich lobt.
    Der hohe Teilzeitanteil bei Frauen bringt nicht nur ein gesteigertes Armutsrisiko im Alter und bei Scheidung. Er führt auch dazu, dass viele Frauen Jobs verrichten, für die sie deutlich überqualifiziert sind. Der Bericht warnt: Österreich habe das höchste Vorkommen an überqualifizierten Arbeitnehmern von allen 34 OECD-Staaten – und besonders hoch sei die Rate unter Frauen.
  • Mehr Väterkarenz: Paare, die sich die Berufsauszeit für Kindererziehung nicht aufteilen, sollen um ein Drittel weniger Kindergeld bekommen, schlagen die Experten vor. Heinisch-Hosek will diesen Vorschlag in den derzeit laufenden Verhandlungen mit Karmasin durchbringen, "da hakt es noch", so Heinisch-Hosek.
    Stehen mehr Frauen für Jobs zur Verfügung, wirkt das laut Kapferer mehrfach positiv: "Frauen kommen sehr gut ausgebildet auf den Jobmarkt." Darauf zu verzichten "können wir uns in einer alternden Gesellschaft nicht erlauben". Sie am Jobmarkt zu beteiligen steigere die Produktivität und in der Folge die verfügbaren Einkommen und den Konsum.

Dass mehr weibliche Präsenz am Jobmarkt auch die Arbeitslosigkeit erhöht, glaubt Kapferer nicht: Die aktuell hohen Jobsuchraten seien vor allem der Migration innerhalb der EU, allen voran aus Deutschland, geschuldet – "und niemand weiß, wann diese Arbeitskräfte wieder zurückgehen". Schließlich hätten auch die polnischen Migranten in Großbritannien dem Königreich irgendwann wieder den Rücken gekehrt. (Maria Sterkl, 14.7.2015)

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