Giacomo Casanova: Der Liebhaber und sein Spiegel

14. Juli 2015, 17:16
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Hartmut Scheibles bestechendes Porträt Giacomo Casanovas und seiner Zeit

Wien – Giacomo Girolamo Casanova, am 2. April 1725 in Venedig geboren, ist zum Symbol geworden. Sein Name ist zur Redewendung abgesunken, in jedem Haushalt wird er mit Verführung so gleichgesetzt wie Schartner mit Limonade. Oder er ist, wie bei Federico Fellini, zur lächerlich-grotesken Karikatur verkommen. Als Casanova auf Schloss Dux bei Teplitz am 4. Juni 1798 starb, war er seit mehr als einem Dutzend Jahren ins Halbdunkel abgesunken.

Kurios, dass erst ein Druckwerk ihn wieder zum Begriff machte: seine 4000 Manuskriptseiten umfassende Histoire de ma Vie, die im Jahr 1960 erstmals korrekt ediert erschien. Bis dahin kursierten verstümmelte, unvollständige Ausgaben, welche ihn zum Inbegriff des allzeit lüsternen, verfügbaren, promisken und moralisch verkommenen Verführers tausender Frauen stilisierten. Dabei kamen pedantisch zählende Leser seiner Autobiografie auf gerade einmal rund 130 Sexualverknotungen.

Casanova war aber mehr. Und dies zeigt Hartmut Scheible – kundiger Kenner Goldonis wie Adornos, Schnitzlers wie Joseph Roths – leichthändig, instruktiv und belesen in seiner Promenade durch Casanovas Leben auf. Seit mehr als 30 Jahren, seit einem Studienaufenthalt an der Universität von Urbino, setzt sich der emeritierte Germanistikprofessor aus Frankfurt am Main mit Casanova auseinander.

Sinnliche Vernunft

Bei seinem buchlangen, ausnehmend gut geschriebenen Essay Sinnliche Vernunft. Giacomo Casanova in seiner Zeit (Zu Klampen Verlag, € 22,70), der tatsächlich ein Versuch des Nachdenkens über ihn ist und mit Bedacht keine ausgreifende Lebensbeschreibung, handelt es sich um eine Darstellung, die Casanova als Philologen und Romancier, Übersetzer Homers und Diplomaten, als Projektemacher, Reisenden und Abenteurer sowie als Darsteller seiner selbst zeigt. Zwischen fürstlichem Rokoko also, tektonischen Verschiebungen der Gesellschaft, dem Nepotismus des Feudalzeitalters und dem Ehrgeiz des aufsteigenden Verdienst- Bürgertums, zwischen Freiheit, Emanzipation und Terror.

Bereits im Alter von 40 Jahren war er, Inbegriff eines Sensualismus, eines sinnlich-rationalen Welterkennens und Ancien-Régime-Figur, ein Relikt des Überkommenen, psychisch wie sinnlich auf dem absteigenden Ast; die Niederlagen, die Niederschläge, die Pleiten häuften sich.

Wider platten Materialismus, wider revolutionäre Umstürze, wider eine neue Naivität à la Jacques Rousseau positioniert ihn Herbert Scheible, der 2003 auch ein Lesebuch über den Mythos Casanova herausgab, überzeugend. Und demonstriert, weshalb – auf ganz unterschiedliche Art und Weise sich dabei erstaunlich ähnelnd im gegenseitigen Unverständnis und Aneinandervorbeireden – die Begegnungen mit Voltaire und mit dem Preußenkönig Friedrich II. so grandios scheiterten.

Da die großen Biografien, jene von James Rives Childs etwa, seit langem vergriffen sind und englische wie französische Darstellungen eben so lange von deutschen Verlagen ignoriert worden sind, ist dieser Band die aktuell denkbar beste Darstellung zu Casanova, dem Zerrissenen, Inbegriff des in sich zerrissenen, faszinierenden 18. Jahrhunderts. (Alexander Kluy, 14.7.2015)

  • Projektmacher und Reisender: Giacomo Casanova.
    foto: pictruedesk.com

    Projektmacher und Reisender: Giacomo Casanova.

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