Kia Soul EV: Netz Werker

22. Juli 2015, 16:47
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Eine gewöhnliche Steckdose reicht, um die Seele des Koreaners über Nacht in Vollspannung zu versetzen

Es ist Nacht, tiefe Nacht. Kein Hundegekläff in der Siedlung, kein Autoverkehr, Stille. Eine Stille, die nur hie und da unterbrochen wird vom Summen einer Gelse auf der Suche nach einem Unterarm oder einer anderen freien Hautpartie, um den Rüssel darin zu versenken. Der Klatsch beim Erschlagen des Blutsaugers bleibt der einzige lautere Laut. Der Kia Soul EV steht vor dem Gartenzaun – und hängt am Kabel. Noch fünf Stunden bis zum Morgengrauen, das an den Ufern des Neusiedler Sees gegen halb vier Uhr morgens einsetzt. Kurze Zeit später wird der Stromer zu 100 Prozent geladen sein.

Das EV beim Kia Soul steht für Electric Vehicle. Wollte man zynisch sein, könnte man natürlich auch von einem eingetragenen Verein sprechen. Denn wirklich viele rein elektrisch fahrende Autos sind noch nicht auf Österreichs Straßen unterwegs. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Planung über alles

Zumindest die Tankstelleninfrastruktur passt schon einigermaßen, selbst wenn eine Fahrt von Wien nach Vorarlberg, insbesondere aber von Wien nach Lienz in Osttirol einiges an Vorausplanung erfordert. Schließlich wollen die wenigsten auf längeren Touren alle 150 Kilometer stundenlang in Autobahnraststätten sitzen, bis der Akku des Autos aufgeladen ist. Schnellladestationen, die eine 80-prozentige Füllung in einer guten halben Stunde versprechen, sind immer noch spärlich gesät. Und wenn man Pech hat, sind sie gerade besetzt.

Das hat jetzt nicht speziell mit dem Kia zu tun, davon ist früher oder später jeder Fahrer eines Elektroautos betroffen. Außer man hat das Glück, im Umkreis von 150 Kilometern gute Freunde, wenn nicht sogar ein eigenes Häuschen zu haben. Vorausgesetzt, die Freunde erweisen sich als solche und haben ein Zimmer zum Übernachten bereitgestellt, ist die Anreise mit dem Kia Soul EV nahezu ideal.

Der Koreaner ist ein ehrliches Auto und hält, was es an Kilometerleistung verspricht. 150 stecken auf jeden Fall in der gut verstauten Batterie, sogar wenn man es eilig hat und nicht im Sparmodus fährt. Manche haben sich sogar an die 200-Kilometer-Grenze herangetastet, waren dann aber doch etwas verschwitzt ob der ausgeschalteten Klimaanlage und der ständigen Anspannung, ob es sich bis zum nächsten Stecker wohl noch ausgeht.

Kein Schönling

Auf den ersten Blick und auch auf den zweiten sieht der Kia Soul EV gar nicht aus wie ein Stromer. Dass vorne der Kühlergrill zu ist und hinten der Auspuff fehlt, fällt den meisten wahrscheinlich erst beim dritten Hinschauen auf. Hinter der Grillblende gut verborgen gibt es zwei Anschlüsse für elektrische Energie. Wird die Batterie geladen, kann man das von außen am Display beobachten, besonders gut sichtbar zu nächtlicher Stunde. Gerade dann ist freilich auch die Gelsengefahr am größten, außer man stellt das Auto zum Laden in die Garage.

Ein Schönling ist der Kia Soul nicht unbedingt, er hat aber Charakter. Damit Fußgänger nicht Gefahr laufen, unter die Räder zu kommen, wird ein Motorgeräusch künstlich zugeschaltet. Auf 4,14 Metern bietet das Auto erstaunlich viel Platz. Vorne sitzt man zu zweit sehr bequem: Der Beifahrer freut sich über ausreichend Beinfreiheit und den Ellenbogenplatz auf der Mittelarmlehne. Auch hinten gibt es dank der Kastenbauweise genügend Platz zwischen Kopf und Dachhimmel. Wer aber glaubt, beim Wochenendausflug drei Koffer und sieben Paar Schuhe mitnehmen zu müssen, wird beim Anblick des Kofferraums die Mundwinkel nach unten ziehen: 4,14 Meter sind eben nicht 5,14 Meter.

Zum Infotainment navigieren

Eine positive Überraschung ist das Infotainmentsystem, dessen Funktionen sich über den acht Zoll großen Bildschirm bequem steuern lassen: Das Display ist gestochen scharf und reagiert augenblicklich. Auch das Navigationssystem hat in kürzester Zeit zuverlässig mögliche Routen gefunden. Zudem lassen sich auf Wunsch komfortabel Zusatzinformationen wie Raststätten oder Tankstellen im zweigeteilten Screen anzeigen.

Sehr praktisch ist die Rückfahrkamera, die nicht nur das Einparken erleichtert. Fehlt eigentlich nur die Antigelsenlackschicht, die natürlich auch und vor allem die Windschutzscheibe einschließen müsste: Dann wäre das Gelsenmassaker zumindest optisch nicht gar so brutal. Aber das betrifft nicht nur den Kia, das betrifft alle Marken. (Günther Strobl, Rondomobil, 22.7.2015)

Technik

  • Preis: 34.390 €
  • Leistung: 81,4 kW (110 PS)
  • Beschleunigung: 11,2 sec 0-100 km/h
  • Höchstgeschwindigkeit: 145 km/h
  • Ladedauer: 5 h (Haushaltsstrom), bis zu 80 % in 33 min (Starkstrom), bis zu 80 % in 25 min (Schnellladung)
  • Reichweite: 212 km
  • Stromverbrauch: 147 Wh/km

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Kia

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

  • Kia Soul EV AC/DC in Zweifarblackierung.
    foto: stockinger

    Kia Soul EV AC/DC in Zweifarblackierung.

  • Statt des Kühlergrills gibt es eine Blende und darunter der Stromanschluss.
    foto: stockinger

    Statt des Kühlergrills gibt es eine Blende und darunter der Stromanschluss.

  • Artikelbild
    foto: stockinger
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