Prozess gegen inhaftierte ukrainische Pilotin in Russland begonnen

30. Juli 2015, 16:46
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Erste Anhörung hinter verschlossenen Türen – Sawtschenko drohen bis zu 25 Jahre Haft

Donezk – Im südrussischen Donezk hat am Donnerstag der Prozess gegen die ukrainische Kampfpilotin Nadja Sawtschenko wegen der mutmaßlichen Beteiligung an der Tötung zweier russischer Journalisten begonnen. Die erste Anhörung fand hinter verschlossenen Türen statt. Der 34-jährigen Angeklagten, die ihre Unschuld beteuert, drohen bis zu 25 Jahre Haft.

Nach einigen Stunden wurde die Sitzung jedoch vertagt. Ein neuer Termin war zunächst nicht bekannt. Zu der Anhörung trafen diplomatische Vertreter aus Österreich, den USA, Großbritannien, Kanada, Norwegen sowie der EU in Südrussland ein. Der Zugang zum Gerichtssaal wurde ihnen aber nicht gewährt.

Sawtschenko wird vorgeworfen, für den Tod der beiden für den russischen Fernsehsender VGTRK tätigen Journalisten Igor Korneljuk und Anton Woloschin mitverantwortlich zu sein. Diese waren am 17. Juni 2014 in der ostukrainischen Region durch Granatenbeschuss tödlich getroffen worden.

Anwalt spricht von "Propagandaschau"

Einer von Sawtschenkos Anwälten, Mark Feigin, schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter, seiner Mandantin gehe es "gut". "Das wird kein Prozess, sondern – wie üblich – eine Propagandaschau", sagte Feigin, der nach eigenen Angaben eine Splitterschutzweste nach Donezk mitnahm.

Sawtschenko, die als Freiwillige in den Reihen des rechtsextremen und Kiew-treuen Freiwilligenbataillons Ajdar kämpfte, soll die Position der Journalisten an das ukrainische Militär durchgegeben haben. Die Staatsanwaltschaft wirft der Hubschrauberpilotin außerdem vor, am 23. Juni 2014 illegal die Grenze nach Russland überquert zu haben, wo sie festgenommen wurde.

"Hundertprozentiges Alibi"

Dagegen erklärt die Verteidigung, prorussische Rebellen hätten Sawtschenko in der Ostukraine gefangen genommen und an Russland ausgeliefert. Sawtschenkos Anwalt Ilja Nowikow sagte, seine Mandantin war nicht an der Tötung der Journalisten beteiligt und habe dafür ein "hundertprozentiges Alibi".

Die USA riefen Russland auf, Sawtschenko umgehend freizulassen. Die Ukraine wirft Russland einen politisch motivierten Schauprozess vor. Sawtschenko sei im Donbass gefangen und gewaltsam über die Grenze verschleppt worden, heißt es aus Kiew. Der Kreml weist eine Einmischung in den Fall entschieden zurück. Es gebe Ermittlungen gegen Sawtschenko, denen zufolge sich die Angeklagte "schwerer Verbrechen" schuldig gemacht habe.

Verteidigung will Moskau als Verhandlungsort

Donezk, wo der Prozess stattfindet, liegt unweit der gleichnamigen Rebellenhochburg in der Ostukraine. Der erste Prozesstag wurde von einem großen Polizeiaufgebot in der 50.000-Einwohner-Stadt begleitet. Die Verteidigung erklärte, sie werde sich um eine Verlegung des Prozesses nach Moskau bemühen. Damit solle vermieden werden, dass das Verfahren in der Nähe des ostukrainischen Gebiets abgehalten werde, in der es besonders viele Gegner der Kiewer Regierung gebe.

Im Oktober 2014 wurde Sawtschenko in Abwesenheit in das ukrainische Parlament gewählt. Aus Protest gegen ihre Inhaftierung trat sie in einen mehr als 80 Tage dauernden Hungerstreik, den sie wegen schwerer Gesundheitsprobleme im März abbrach. (APA, 30.7.2015)

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