Chinas Binnennachfrage schwächelt

14. Juli 2015, 05:30
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Chinas Börsenkurse werden vom Staat am weiteren Fallen gehindert. Doch das wirkliche Problem für die Wirtschaft ist die Nachfrageschwäche des Binnenmarkts

Der Außenhandel der größten Handelsnation der Welt setzt seine Talfahrt fort. Chinas Im- und Exportvolumen fiel im ersten Halbjahr insgesamt um 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im ersten Quartal war es um sechs Prozent gefallen. Selbst die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua nannte das ein "Signal dafür, unter welch hohem Abwärtsdruck die Wirtschaft steht".

Da konnte es Peking nicht trösten, dass sich die Kluft zwischen seinen um 0,9 Prozent gewachsenen Exporten und stark gefallenen Importen (minus 15,5 Prozent) erweitert hat und Chinas Handelbilanzüberschuss so auf einen Rekord von 1,61 Billionen Yuan (rund 230 Milliarden Euro) anwuchs. Denn der insgesamt abgerutschte Außenhandel kostet das Land weiteres Wirtschaftswachstum. Am Mittwoch will der Sprecher des statistischen Amtes die Halbjahreszahlen dafür bekanntgeben. Pekinger Wirtschaftsanalysten erwarteten, dass der Zuwachs unter die magische Zahl von sieben Prozent fällt.

Kurse steigen wieder

Die Pressekonferenz des Sprecher der Zollbehörde Huang Songting war überschattet vom Chaos an Chinas Aktienmärkten. Nach einer Serie staatlicher Interventionen, dirigistischer Handelseinschränkungen und direkter Handelsverbote stiegen die Kurse seit vergangenen Donnerstag wieder sprunghaft. Am Montag legten sie auf dem Schanghaier Leitmarkt um weitere mehr als drei Prozent zu.

Das Börsengeschehen ließ sich weder von den negativen Außenhandelsdaten noch von der Ankündigung von Zollsprecher Huang beeinflussen, dass die Exporte auch im dritten Quartal unter "steigenden Druck" geraten würden. Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China, sagte: Die Probleme Chinas lägen im Grundsatz nicht bei den Aktienmärkten, sondern bei der gesamten Wirtschaft und vor allem bei deren fehlender Nachfrage. "Der Binnenmarkt schwächelt zu sehr."

Europa weiterhin größter Handelspartner

Für Exporteure sind das schlechte Nachrichten. Nach Angaben von Zollsprecher Huang brach Chinas Europahandel im ersten Halbjahr 2015 um 6,8 Prozent auf 1,67 Billionen Yuan (242 Milliarden Euro) ein, mit Japan fiel er gar um 10,6 Prozent. Europa, für das er keine einzelnen Importangaben machte, bleibt weiterhin Chinas größter Handelspartner. Mit vier Prozent Steigerung des Außenhandels auf 1,64 Billionen Yuan Handelsvolumen rückten aber die USA auf. "Unter den entwickelten Märkten wächst nur die Wirtschaft in den USA relativ gut, während sich die Eurozone und Japan flau entwickeln", sagte Huang.

Die Aufschlüsselung des China-Handels mit den USA zeigt allerdings, dass nur Peking davon profitiert. Chinas Exporte in die USA erhöhten sich im ersten Halbjahr um 9,3 Prozent auf 1,18 Billionen Yuan, während seine Importe aus den USA um 7,7 Prozent auf 450 Milliarden Yuan fielen. Das neue Handelsdefizit zugunsten Pekings erreichte fast 735 Milliarden Yuan oder 23,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Beim Gipfeltreffen von Xi Jinping und Barack Obama im September dürfte der immer unausgewogenere Handel mit auf die Tagesordnung kommen.

Huang relativierte die Bedeutung der Nachfrageschwäche. Der Rückgang bei Importen habe im ersten Quartal 2015 minus 17,5 Prozent betragen und hätte sich im zweiten Quartal auf minus 13,8 Prozent verringert. Zudem sei es ein hoffnungsvolles Zeichen für beginnende Stabilisierung, dass sich im Einzelmonat Juni Chinas Exporte um 2,1 Prozent erhöhten, während die Importe mit minus 6,7 Prozent langsamer fielen. Auch wirkten sich die fallenden Rohstoffkosten von Öl, Erzen bis Soyabohnen auf die Bilanz aus. Insgesamt hätten sich die Preise für chinesische Importe im ersten Halbjahr um 10,9 Prozent verbilligt. Das spiegelte sich auch im wertmäßigen Rückgang der Importe wieder.

Steigende Arbeitskosten

Der Zollchef gestand ein, dass Chinas Wirtschaft "weiter unter hohem Abwärtsdruck steht". Ein Grund seien die extremen Überkapazitäten bei der Industrieproduktion, "die die Nachfrage nach Importen drosselt". Als neue Probleme für Chinas Exporte nannte er die steigenden Selbst- und vor allem Arbeitskosten und die Währungsprobleme. Das chinesische Geld Renminbi habe sich 2015 bis zum 30. Juni gegenüber dem Euro um 6,9 Prozent, gegenüber dem japanischen Yen um 2,2 Prozent und gegenüber dem US-Dollar um 0,2 Prozent aufgewertet.

Inzwischen macht die neue Nachfrage-Schwäche des Marktes auch der jahrelang verwöhnten Automobilindustrie zu schaffen, deren Zuwachsraten sich rapide verringern. Nach den jüngsten Zahlen des chinesischen Verbands der Automobilhersteller wurden im ersten Halbjahr 11,85 Millionen Fahrzeuge verkauft, wobei die Zuwächse an Verkaufszahlen monatlich fielen und im Juni ins Minus umschlugen.

Der Verband halbierte seine Verkaufsprognosen für das Gesamtjahr auf nur noch drei Prozent Zuwachs. Auf die erwarteten Rabattschlachten und Preiskämpfe müssen sich nun auch die ausländischen Massenhersteller wie VW einstellen. Zeitungen wie die "Beijing Zhenbao" warnten vor Überkapazitäten. 2015 würden in China 40 Millionen Fahrzeuge hergestellt werden können – weit über zehn Millionen mehr, als verkauft würden. (Johnny Erling aus Peking, 14.7.2015)

  • Neue Probleme für Chinas Exportwirtschaft sind steigende Arbeitskosten und Währungsprobleme. Chinas Währung hat gegenüber dem Euro kräftig aufgewertet.
    foto: reuters / jianan yu

    Neue Probleme für Chinas Exportwirtschaft sind steigende Arbeitskosten und Währungsprobleme. Chinas Währung hat gegenüber dem Euro kräftig aufgewertet.

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