"Mapping Bucharest": Vorhang auf für ein fruchtbares Biotop

14. Juli 2015, 08:00
3 Postings

Eine Stadt durch das Prisma der Kunst betrachten: "Mapping Bucharest" bei der Vienna Biennale

Wien – Weihnachten 1989: Auf einem kleinen Fernsehbildschirm tauchen Leichen auf und werden beklatscht. Nicht von allen Betrachtern, aber von vielen. Die Toten sind der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena. Einen Filmschnitt später erklärt ein Mann die Befriedigung über den Sturz. Das Regime habe einzig noch den Herrschenden genützt, während im Volk Familien zerstört wurden. Er wünscht Frohe Weihnachten und dem "freien" Rumänien ein langes Leben.

Diese Szenen stehen am Ende des Films Videograms of a Revolution (1992) von Harun Farocki und Andrei Ujica. Das deutsch-rumänische Regieduo nähert sich darin dem Sturz Nicolae Ceausescus über Found Footage. Immerhin war die Revolution 1989 die erste, die medial vermittelt wurde. In ambivalenten Bildern wie den oben genannten wird dabei der gefährliche Umstand spürbar, dass in einem barbarisierten System oftmals auch die Befreiungsschläge barbarisch sind. Sie setzen Betrachter gefangen zwischen Verständnis und Entsetzen.

Veränderung durch neue Blicke

Zu sehen sind die Videograms of a Revolution derzeit im Rahmen der Vienna Biennale, und zwar in der Ausstellung Mapping Bucharest – Art, Memory, and Revolution 1916-2016 im Museum angewandter Kunst (Mak). Der Beitrag von Peter Weibel und Bärbel Vischer zur Suche der Biennale nach "Ideen für den Wandel" ist ein Panorama rumänischer Kunstpositionen, historischer wie gegenwärtiger. Nicht alle Arbeiten sind indes so unmittelbar politisch wie die Videograms, die hier jedoch ein Gefühl für lebensweltliche Hintergründe vermitteln. Die Veränderung, auf die das Kuratorenduo abzielt, liegt zuvorderst in der "Wahrnehmung" des Betrachters. Sozialer Wandel führt so auch über das freie Spiel der Kunst.

Wenn Weibel, wie er auf der Pressekonferenz zur Vienna Biennale sagte, den "eisernen Vorhang hebt, der in unseren Köpfen weiterexistiert" habe, dann nicht nur als Hommage an jenes unterschätzte Biotop, das so wichtige Impulse für die westliche Moderne lieferte, den Dadaisten Tristan Tzara ebenso hervorbrachte wie Eugene Ionesco, den Vater des absurden Theaters und unzählige andere. Sondern auch, um eine Kunst zu zeigen, die bei aller Autonomie den lebensweltlichen Bezug nicht aus den Augen verloren hat. Manche allzu sehr dem Selbstreflexiven verschriebenen westlichen Künstler könnten hier noch etwas lernen, meint Weibel.

Durch diverse Ideenräume

Und so betrachtet man im Mak Bukarest und Rumänien durch das "Prisma oder Vergrößerungsglas" der Kunst. Dabei bekommt man es mit der fotografisch-filmischen Körperforschung Ion Grigorescus ebenso zu tun wie mit dem niemals ruhenden Kreidestift des Politkommentators Dan Perjovschi. Wahrnehmungspsychologische Forschungen treffen auf Kunst, die sich mit der Handwerkskultur befasst. Gestreift wird aber auch die Religion: Während von Stefan Sava eine "Genisa" zu sehen ist, also ein kabbalistisches Depot für nicht mehr verwendete liturgische Gegenstände, hat Belu-Simion Fainaru eine Bewässerungsanlage in eine Reflexion über diese mystische Tradition verwandelt.

Die Reise durch die diversen vor- und nachrevolutionären "Ideenräume" geht indes recht assoziativ bis chaotisch dahin. Verbindungslinien darf man sich selber suchen. Man findet sie zum Beispiel zwischen Geta Bratescus Video The Studio und One Hundred Places von Ana Ciceala und Mircae Nicolae.

In The Studio vermaß Bratescu 1978 ihr Atelier mit dem Körper, wobei die beklemmende Atmosphäre auch von der Repression autonomer Kunst unter Ceausescu erzählt. In Mapping Bucharest korrespondiert das Video auf reizvolle Art mit der Stadterkundung Cicealas und Nicolaes, die gewissermaßen das einsame Refugium gegen den urbanen Raum von Bukarest eintauschen, wenn sie die in ihn eingeschriebenen Erinnerungen über performative Gesten erkunden, die jenen Bratescus ähneln.

Allerjüngste rumänische Kreativität erkundet man schließlich in einer Präsentation der Konzepte aus dem Ideenwettbewerb Create Your Bucharest. (Roman Gerold, 13.7.2015)

  • Die Kunst von Paul Neagu wollte sich nicht in die Welten des sozialistischen  Realismus einfügen. Bild: "Hyphen-Ramp" (1976).
    foto: ivan gallery, bukarest

    Die Kunst von Paul Neagu wollte sich nicht in die Welten des sozialistischen Realismus einfügen. Bild: "Hyphen-Ramp" (1976).

Share if you care.