Klimt-Porträt: Vom Auktionssaal auf die Yacht eines Milliardärs

13. Juli 2015, 17:50
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Restituierte Kunstwerke werden meist verkauft und verschwinden aus der Öffentlichkeit. Klimts Porträt von Gertrud Loew fand, wie sich jetzt herausstellte, in der Sammlung eines britischen Milliardärs eine neue Heimat

Wien – Es ist dies die wohl am häufigsten im Umfeld von Restitutionen geäußerte Kritik: Der Rückgabe folgt stets ein Verkauf, wird das Kunstwerk sohin der Öffentlichkeit entzogen und verschwindet in einer Privatsammlung oder gar in einem Zollfreilager. Vermeidbar ist das nicht.

Einerseits kann ein Gemälde nicht dem Erbschlüssel entsprechend zerstückelt, der Erlös aus dem Verkauf jedoch geteilt werden. Andererseits: Je renommierter der Künstler und je höher sein Marktwert, desto geringer ist die Chance, dass ein Museum über die finanziellen Mittel verfügt, die einen Ankauf ermöglichen würden.

Der neue Besitzer wird folglich, wer den von Kunsthändlern vorgegebenen oder über eine Versteigerung ermittelten höchsten Preis zu zahlen bereit ist. Manchmal sind es Investoren, die das Werk ungesehen in ein Lager transportieren lassen, um es irgendwann mit Gewinn neuerlich zu verscherbeln.

Mehrheitlich sind es jedoch Privatsammler, die (eher) von einer Kunstpassion getrieben werden. Die Namen der neuen Eigentümer gelangen jedoch nur selten an die Öffentlichkeit. Auktionshäuser outen derlei im Tagesgeschäft nie, wenn überhaupt, dann nur auf ausdrücklichen Wunsch ihres Klienten.

Fazit: Die Käufer bleiben anonym. Sporadisch wird das Geheimnis um deren Identität Monate oder Jahre später gelüftet.

Wer also erwarb – an einem aktuellen Beispiel erklärt – das 1902 von Gustav Klimt gemalte Porträt von Gertrud Loew-Felsövanyi, das jüngst (24. 6.) über einen Vergleich der Klimt-Foundation mit den Erben nach Felsövanyi bei Sotheby's in London versteigert wurde?

Zwei Interessenten hatten sich um das Bildnis gerangelt: eine im Saal anwesende Dame und ein über das Telefon zugeschalteter Bieter, für den eine Sotheby's-Mitarbeiterin stellvertretend mitbot.

Auf der Yacht gelandet

Entgegen anfänglichen Angaben handelte es sich bei dem Telefonbieter nicht um Ronald Lauder, der stattdessen im Vorfeld ein schriftliches Gebot deponiert hatte. Sein Hang zu von Klimt gemalten Frauenporträts ist evident: die "Goldene Adele" ("Adele Bloch-Bauer I", 135 Millionen Dollar, Private Sale via Christie's) kann seit 2006 in seiner Neuen Galerie (New York) öffentlich bewundert werden, die "Bunte" ("Adele Bloch-Bauer II", Christie's-Auktion, 87,93 Millionen Dollar) ziert Insidern zufolge dagegen seine Privatsammlung.

Im realen Leben mögen sich Gertrud Loew-Felsövanyi und Adele Bloch-Bauer gekannt haben – eine Vereinigung der Konterfeis blieb ihnen verwehrt. Vorerst.

Den Zuschlag erteilte der Auktionator der "anonymen" Saalbieterin bei umgerechnet 34,82 Millionen Euro (inkl. Aufgeld). Seither herrschte Rätselraten darüber, wo und vor allem bei wem Gertruds Bildnis eine neue Heimat fand. STANDARD-Recherchen zufolge befindet sie sich gemessen an anderen Kunstwerken dieser Sammlung – darunter Picassos "Femme allongée sur un canapé" (1939) oder Francis Bacons "Triptych 1974-77" (Christie's London 2008: 35,24 Millionen Euro) – in guter Gesellschaft, ziert die Wand einer Yacht namens Aviva, die zumeist auf der Themse ankert.

Anders formuliert: Das Bildnis Gertrud Loew-Felsövanyis ist nun Teil der Lewis Collection, wie Ernst Ploil in seiner Funktion als Member des Advisory Board der Neuen Galerie bestätigt, wo das Gemälde bei einer Ausstellung ("Woman of Vienna's Golden Age 1900-1918", September 2016 – Jänner 2017) gastieren wird.

Bei Joe Lewis handelt es sich um einen britischen Milliardär jüdischer Herkunft, der den größten Teil seines Vermögens im Devisenhandel verdiente. Etwa im Zuge von Spekulationen gegen das Britische Pfund 1992, die ihm dem Vernehmen damals sogar einen größeren Gewinn als George Soros beschert haben sollen.

Mitte der 1990er-Jahre erwarb er sukzessive Anteile am britischen Auktionshaus Christie's. Als eine Übernahme vereitelt wurde, trat er die knapp 30 Prozent 1998 für 224 Millionen Dollar an François Pinault ab. Und, Joe Lewis hegt offensichtlich auch eine Passion für die österreichische Moderne: in seinem Besitz befindet sich etwa auch Klimts Bildnis "Ria Munk III" (Christie's London, 2010: 22,61 Millionen Euro) oder Egon Schieles "Danaë" (1909), die demnächst im Belvedere im Zuge der Ausstellung "Klimt, Schiele, Kokoschka und die Frauen" (22.10.2015 – 28.2.2016) zu sehen sein wird. (Olga Kronsteiner, 13.7.2015)

  • Knapp 35 Millionen Euro war der britische Milliardär Joe Lewis für Gustav Klimts Porträt von Gertrud Loew-Felsövanyi zu zahlen bereit.
    foto: sotheby's

    Knapp 35 Millionen Euro war der britische Milliardär Joe Lewis für Gustav Klimts Porträt von Gertrud Loew-Felsövanyi zu zahlen bereit.

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