Ingram Hartinger: Vom Akzeptieren der Unterdrückung

13. Juli 2015, 17:23
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In "Das verschmutzte Denken" geht ein Mann seiner Ideale verlustig

Wien – Ingram Hartingers Buch Das verschmutzte Denken – Eine Saxofonie (Wieser, € 21,00) ist der Versuch einer Beichte. Beichtkind und Beichtvater sind ein und dieselbe Person, der Autor selbst. Man wohnt als Leser einer eigenartigen Gewissenserforschung bei, welche weitgehend offenbleibt. Der Protagonist, ein in jungen Jahren äußerst ambitionierter, von der Idee der offenen Psychiatrie des Franco Basaglia begeisterter Psychotherapeut, arbeitet Jahrzehnte als Psychomaschinist in einer Provinzklinik.

Nach seiner Pensionierung sucht er, ausgehend von Pierre Bourdieus Satz "Die Anpassung an eine Stellung, in der man unterdrückt ist, impliziert das Akzeptieren dieser Unterdrückung" nach Rechtfertigungen für seinen stellungsbedingten Pragmatismus und den Verlust seiner Ideale.

Kosmische Störfrequenz

Im ersten Absatz des Buches heißt es: "Die Spur verlassen, er hat keine Identität. Sein Dasein verbrachte er in einer dumpfen Angst – mit einer Art kosmischen Störfrequenz im Hintergrund. Aber im Schreiben versucht er, das Vorgefallene zu verstehen. Muss er denn seine Geschichte nochmals schreiben? Er hat nie auch nur ein einziges Buch geschrieben, er weiß nichts, nichts von sich selbst." Und zum Ende resümiert der Erzähler: "Das Buch, an dem er schrieb, näherte sich dem Schlusspunkt. Indem er Unwichtiges nicht ausließ, gelang es ihm, keine Autobiografie zu schreiben. Spätestens jetzt war ihm klar, dass er "der" Literatur auf den Leim gegangen ist. Von billigen Sentenzen strotzend, waren seine Gewebe, die er fertigte, lediglich ein Produkt seines pubertären Phantasmas ..."

Es dem Leser schwer machen, genauer gesagt die Erschwernis der Lektüre, ist in Hartingers Das verschmutzte Denken bewusstes ästhetisches Kalkül. Alles, was nach eindeutiger Perspektive und linearem Erzählen, alles, was nach Verständlichkeit, gar nach Gefälligkeit und leichter Lesbarkeit aussieht, wird im Keim erstickt. Kern dieser Prosa ist der einzelne Satz, der einzelne gut gebaute Satz. Man mag sich bei dieser "Saxofonie" zuweilen am Ton stören, am Pathos beispielsweise, oder an der bohrenden, manchmal anstrengenden Selbstbezogenheit seines Schreibens, eines wird man in diesem Buch nicht so leicht finden: schlecht gebaute Sätze.

Im Satzumdrehen

Die Verknüpfung dieser Sätze folgt jedoch anderen Regeln und Techniken, als Leser es gewohnt sind. Nicht der Aufbau einer Handlung, die Charakterisierung einer Person oder die Linie einer Argumentation bestimmt ihren Zusammenhang. Die Prinzipien, die den Aufbau in Das verschmutzte Denken leiten, sind assoziativ, scheinbar alogisch, sprunghaft und willkürlich.

Die aktuellen Erfahrungen, die Empfindungen, die Erinnerungen, die Bewusstseinsinhalte des (Schreib-) Augenblicks und damit die sprachlichen, literarischen oder biografischen Assoziationspotenziale im Umfeld der einzelnen Sätze bestimmen den Gang und die Richtung des Textes.

Hartingers Satzverbindungen leben aus der Situation und dem Vorgang des Schreibens, aus spontanen Erinnerungen und Emotionen, die sie miteinander verbinden, manchmal auch zueinander zwingen. Sie sind sprunghaft, gleichsam im Satzumdrehen werden Räume und Zeiten verbunden oder übersprungen, Reflexionen und Schilderungen gemischt, Erzählebenen und Perspektiven über-, unter- und ineinandergeschoben. Bisweilen stellt sich beim Lesen das Gefühl ein, dass die Satzverknüpfungen wie von einem Zufallsgenerator erzeugt sind; mit dem Effekt, dass der Text dunkel, hermetisch, abweisend und verwirrend ist.

Dass Hartingers "Saxofonie" auch etwas Bezauberndes haben kann, mag sein, aber eben nur dann, wenn es beiden, dem Erzähler und dem Leser, gelingt, im Fortgang der Lektüre die Einzelfäden und Assoziationen zu entwirren und die losen Enden letztlich doch noch zu verknüpfen. (Wilhelm Huber, 13.7.2015)

  • Schickt einen pensionierten Psychotherapeuten in die Sinn- und  Rechtfertigungskrise: der Kärntner Autor Ingram Hartinger.
    foto: marko lipus

    Schickt einen pensionierten Psychotherapeuten in die Sinn- und Rechtfertigungskrise: der Kärntner Autor Ingram Hartinger.

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