Geflüchteter Drogenboss: Der Mann mit der Schmutzwäsche

Porträt13. Juli 2015, 17:08
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Anfangs unterschätzt, hat "El Chapo" seine zweitklassige Verbrecherbande zu einer mächtigen Organisation aufgebaut

Er war der meistgejagte Drogenboss Mexikos, seine Verhaftung im Februar 2014 galt als größter Sieg der Regierung im Kampf gegen die Mafia. Doch lange hielt es Joaquín "El Chapo" (der Kleine) Guzman nicht im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano aus. Am Wochenende entkam er – wieder einmal. Die Flucht gelang durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel unter seiner Zelldusche. Damit foppte Guzman zum zweiten Mal die Behörden: 2001 floh er, versteckt in der Schmutzwäsche, aus einem anderen Gefängnis – das Personal hatte von ihm ein monatliches "Taschengeld" von umgerechnet bis zu 15.000 Euro erhalten. Auch bei seinem jetzigen Coup soll er Unterstützung von innen gehabt haben.

Es gibt unzählige Legenden und Balladen über den mexikanischen Paten. Eine davon erzählt, wie er 2007 zur Hochzeit mit seiner dritten Frau, einer gerade volljährig gewordenen Schönheitskönigin, Politiker, Staatsanwälte und Polizeichefs einlud. Der Bräutigam war nur zur Hauptzeremonie erschienen, sagt man sich, habe mit einigen Autoritäten angestoßen und sei anschließend als Erster wieder abgeflogen. Misstrauisch, wie er war, blieb er freiwillig nie lange am selben Ort.

Der lange unterschätzte Drogenboss

In einer Drogenballade der Band Tucanes de Tijuana heißt es: "Viele jagen ihn, aber noch mehr beschützen ihn." Da war die Gestalt fast schon enttäuschend, die den Medien 2014 nach der erneuten Festnahme vorgeführt wurde: 1,55 Meter klein, Bauchansatz, Schnurrbart, weißes Hemd und schwarze Jeans – man könnte ihn für einen klassischen Bürohengst halten. Unterschätzt zu werden war lange die wichtigste Waffe des Chefs des Sinaloa-Kartells. Er hat die eher zweitklassige Verbrecherbande zu einer der mächtigsten Mafiaorganisationen der Welt ausgebaut, deren Tentakel bis nach Afrika, Indien, China und Australien reichen.

Geboren wurde der heute 56-jährige Guzman als Sohn armer Bauern in Las Tunas, einem Nest in den Bergen des nordmexikanischen Bundesstaates Sinaloa – inmitten des "Goldenen Dreiecks", wie das Hauptanbaugebiet für Heroin und Marihuana genannt wird. Eine Region, so unwirtlich, arm und vergessen, dass die Kartelle leichtes Spiel hatten. Jeder dort profitierte vom Drogengeschäft, das in den 1950er- und 1960er-Jahren seine Blüte erlebte – bis US-Präsident Richard Nixon den Drogenkrieg ausrief. Razzien nahmen zu, und das Militär wurde zum erklärten Feind der Bevölkerung, die Kartelle zu ihrem Wohltäter und Beschützer. In diesem Milieu wuchs Guzman auf. Er war acht Jahre alt, als er miterlebte, wie ein Militärkommando einfiel, Kinder, Frauen und Männer misshandelte und Geld stahl.

Erste Festnahme in Guatemala

Seine kriminelle Karriere startete Guzman als Gehilfe des Chefs des Guadalajara-Kartells, Miguel Angel Gallardo. Er erwies sich als derart geschickt, die Behörden zu schmieren, dass er rasch aufstieg. Nachdem Gallardo 1989 festgenommen worden war, übernahm Guzman die Kontrolle über die Geschäfte in Sinaloa. Mit Waffengewalt sicherte er sich die Kontrolle über die Grenzstadt Tijuana, wo er Tunnel graben ließ, um Drogen in die USA zu schmuggeln. 1993 entkam er einem Mordanschlag des verfeindeten Tijuana-Kartells und floh nach Guatemala, wurde dort aber denunziert und wenige Wochen später gefasst.

Sein eigentlicher Aufstieg zu einem der mächtigsten Drogenbosse und reichsten Männer der Welt begann nach seiner Flucht im Wäschewagen. Skrupellos und gewalttätig baute er sein Imperium aus und schickte seine Killer los, um Schlüsselpositionen zu erobern – so wie Ciudad Juarez, wo er zwischen 2008 und 2010 das Juarez-Kartell bekämpfte und schließlich besiegte. Doch im Gegensatz zu anderen Kartellen ließ Guzman nicht zu, dass seine Statthalter oder andere Gruppierungen Schutzgelder erpressten oder sich mit Entführungen querfinanzierten. Wo er das Sagen hatte, herrschte Ruhe – der Bevölkerung spendierte er Dorffeste, die Behörden waren gut geschmiert. Sogar bis in den Präsidentenpalast hinein reichten seine Kontakte – weshalb die Presse eine Zeitlang vermutete, die Regierung stecke mit dem Sinaloa-Kartell unter einer Decke, weil sie vor allem die gegnerischen Kartelle bekämpfe.

Demonstration für Guzman

Sieben Geliebte und ein Dutzend Kinder soll Guzman haben. "Luxus, Feste, Frauen, Diabetes und ein Herzfehler" sind laut Ermittlern die Schwachpunkte des Paten. 2012 stellten sie ihm eine Falle mit einem attraktiven Callgirl – allerdings vergeblich. Die Behörden verhafteten viele Mittelsmänner, doch beim Paten waren sie erst im Februar 2014 wieder erfolgreich: In einer US-mexikanischen Operation konnte Guzman in der Küstenstadt Mazatlan festgenommen werden. Verhaftete Bandenmitglieder hatten ihn verpfiffen. Daraufhin demonstrierten tausende Menschen in Sinaloa – für seine Freilassung. (Sandra Weiss aus Puebla, 13.7.2015)

  • Ein Drogenboss, wie er in Hollywoodfilmen so nicht vorkommt: Joaquin "El Chapo"  Guzman bei seiner Festnahme im Februar 2014.
    foto: ap / marco ugarte

    Ein Drogenboss, wie er in Hollywoodfilmen so nicht vorkommt: Joaquin "El Chapo" Guzman bei seiner Festnahme im Februar 2014.

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