Elisabeth Sobotka: "Ein Nein existiert nicht"

Gespräch14. Juli 2015, 12:11
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Die Wienerin steht vor ihrem ersten Sommer als Intendantin der Bregenzer Festspiele, ab 23. Juli wird "Turandot" auf der Seebühne gezeigt

Wien – Es kann nicht schaden, dass andere Menschen vor Problemen standen, die man nun selbst hat – als Intendantin der Bregenzer Festspiele. Und es kann nicht schaden, in der Nähe dieser Leute gewesen zu sein, um zu erleben, wie die "Problembeladenen" die Situation gelöst haben. Elisabeth Sobotka ist also froh, ab 1992 in Leipzig mit Intendant Udo Zimmermann zusammengearbeitet zu haben, ab 1994 dann an der Wiener Staatsoper Chefdisponentin für Ioan Holender gewesen zu sein. Erkenntnisreich war natürlich auch, ab 2002 neben Daniel Barenboim Operndirektorin der Berliner Staatsoper Unter den Linden gewesen zu sein.

"Bei Udo Zimmermann sah ich, wie wichtig Visionen sind, wie wichtig es ist, zu träumen, etwas quasi in Luft zu werfen, und zu sehen, was daraus wird. Vielleicht etwas ganz anderes, als man geplant hat. Bei Barenboim erlebt man, dass ein Nein nicht existiert. Wenn einer Nein sagt, musst du es noch einmal probieren. Es war erstaunlich, wie viel Kraft bei ihm war, das scheinbar Unmögliche umzusetzen."

Bei Ioan Holender, während der gemeinsamen Zeit an der Staatsoper, schätzte Sobotka "die Begeisterung für Sänger. Nicht so genossen habe ich zunächst seine Entscheidungsfreude. Ich dachte: Kann der nicht noch ein bisschen warten, mit Leuten reden! Er entschied aber schnell, auch wenn er ahnte, dass es vielleicht falsch war. Wenigstens wussten dann aber alle, was er will, und konnten es dann immer noch ändern."

"Turandot" ideal

Barenboim fällt ihr jedenfalls immer noch ein, "wenn jemand zu mir Nein" sagt. Und womöglich war es so zunächst auch bei Regisseur Stefan Herheim, der heuer in Bregenz mit Hoffmanns Erzählungen die Hausproduktion bestreitet. Bei Marco Arturo Marelli hingegen, der auf der Seebühne Puccinis Turandot inszeniert, war eher schnell Zustimmung zugegen. "Er ist ideal, da er Regie und Bühnebild beherrscht. Wir fuhren an einem verregneten Novembertag nach Bregenz, damit er Eindrücke sammelt. Wir waren auf der Bühne, er länger als ich, und erste Ideen kamen ihm schon. Turandot ist für mich ein Stück für den See. Es gibt intime Szenen, aber auch den spektakulären ,Wumms'."

Die Bregenzer Festspiele sind für Sobotka allerdings mehr als die Seebühne. "Sie ist zentral, ökonomisch wichtig, wir sind von ihrem Erfolg abhängig. Wir haben ja seit 17 Jahren keine Subventionserhöhung bekommen, was eigentlich 40 Prozent weniger Unterstützung bedeutet. Die Eigendeckung liegt bei uns denn auch bei hohen 80 Prozent." An sich sollte Kunst die Kunst finanzieren. Immer größere Summen des Kunstbudgets gingen nun aber in Betriebskosten, in Gehälter. "Wir können keine Nulllohnrunden machen, und auch das Bühnebild mit seinen Materialien wird teurer. Heuer kostet es etwa sieben Millionen."

Aber so wie Sobotka danach trachtet, auf der Seebühne den Spagat zu schaffen, jenen "zwischen künstlerisch großartigen Ergebnissen und kommerziellem Erfolg", so möchte sie die Festspiele als Ort der Vielfalt betrachtet sehen. Da wäre etwa das Opernatelier, bei dem das Publikum eingeladen ist, die Entstehung einer neuen Oper mitzuverfolgen. "Das ist eigentlich eine Kompositionswerkstatt", so Sobotka und verweist auch auf das Opernstudio, das Mozarts Così erarbeitet. "Ich wollte dieses Stück, da es herausfordernd ist, die Frage aufwirft, wie man schauspielerisch das Zwischenmenschliche herstellt. Damit sich zu befassen ist auch für junge Sänger wichtig, von denen ich hoffe, dass manche in zwei Jahren für unsere größeren Projekte entdeckt werden."

Mehr Interesse für Stimme

Das sei auch ein Unterschied zu Vorgänger David Pountney. Sobotka möchte "noch mehr Gewicht auf Sänger legen. Sie sind der innerste Kern der Oper. Ich will sie hier entdecken und begleiten." Wobei auf der Seebühne zu singen schon etwas ganz Eigenes ist. Bei Schlechtwetter fast eine Art Kampfsport? "Man muss sich drauf einlassen, aber ich habe selten erlebt, dass ein Sänger sich dem verweigert. Die aktuelle Generation ist neugierig. Natürlich fragen die Sänger, wie weit die Bühnenwege sind und ob sie außer Atem kommen. Und natürlich wäre es gefährlich, nur Newcomer zu nehmen. Als ich erstmals auf dieser Bühne stand, erschlug es mich. Die Dimension verschlägt einem die Stimme."

Bei ihr sei das natürlich egal. Sie genieße es wohl, nicht dem täglichen Opernbetrieb unterworfen zu sein wie in Graz. Dass sie sich jetzt "über Wellengang und Wetter den Kopf zerbrochen muss", nimmt sie gerne hin. Zu malerisch ist auch der Blick vom Büro aus – auf den See. (Ljubiša Tošić, 14.7.2015)

  • Die Bregenzer Intendantin, die Wienerin Elisabeth Sobotka (Jahrgang 1964), über das Imposante ihrer neuen Arbeitsstätte: "Als ich erstmals auf dieser Seebühne stand, erschlug es mich regelrecht. Die Dimension verschlägt einem die Stimme, aber bei mir ist das egal."
    foto: christian fischer

    Die Bregenzer Intendantin, die Wienerin Elisabeth Sobotka (Jahrgang 1964), über das Imposante ihrer neuen Arbeitsstätte: "Als ich erstmals auf dieser Seebühne stand, erschlug es mich regelrecht. Die Dimension verschlägt einem die Stimme, aber bei mir ist das egal."

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