#ThisIsACoup: Aufruhr gegen deutsche Härte

Kommentar der anderen13. Juli 2015, 17:08
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Unter "ThisIsACoup" brach in der Nacht auf Montag auf Twitter eine Lawine von kritischen Deutschlandeinträgen los. Auch Wirtschaftsexperten und Journalisten machten aus ihrem Ärger über die Verhandlungsstrategie mit Griechenland keinen Hehl

Der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman kommentierte die lange Verhandlungsnacht in Brüssel in seinem Blog für die "New York Times" und verwies unter dem vielsagenden Titel "Killing the European Project" auch auf den Twitter-Hashtag:

Nehmen wir einmal an, Sie halten Tsipras für einen Einfaltspinsel. Nehmen wir an, Sie brennen darauf, Syriza entmachtet zu sehen. Nehmen wir sogar an, dass Sie die Aussicht, dass die Griechen aus dem Euro ausscheren, genießen.

Selbst wenn all dies stimmt, ist die Forderungsliste der Eurogruppe ein Wahnsinn. Der Hashtag #ThisIsACoup trifft es genau. Die Haltung ist mehr als streng, sie geht in Richtung reiner Rachsucht, der Zerstörung nationaler Souveränität ohne Hoffnung auf Erleichterung. Es ist wohl als Angebot gemeint, das Griechenland nicht akzeptieren kann: Doch selbst dann ist es noch ein grotesker Verrat an allem, wofür das europäische Projekt bisher zu stehen schien. (...) Eigentlich sind Wirtschaftsfragen hier nur noch sekundär. Lassen Sie mich das klar sagen: Was wir in den vergangenen paar Wochen gelernt haben, ist, dass man als Mitglied der Eurozone damit rechen muss, dass die Gläubiger deine Wirtschaft zerstören, sobald du aus der Reihe tanzt. Unabhängig von der dahinter wirksamen Austeritätspolitik: Denn es ist wahrer denn je, dass eine strenge Austeritätspolitik ohne Schuldenerlass zum Scheitern verurteilt ist – unabhängig vom Leidenswillen des Landes.

Matt O'Brien, Wirtschaftsjournalist für Wonkblog in der "Washington Post", über den deutschen Verhandlungsschwitzkasten:

Nicht, dass es daran eigentlich noch Zweifel gibt: Dieses Angebot kann Griechenland nicht akzeptieren. Gewiss, der Verkauf von Vermögenswerten würde die Schulden Griechenlands heute verringern, doch es würde es schwieriger gestalten, den Rest der Schulden morgen zurückzuzahlen – Schulden, die nach dem IWF jetzt kaum zurückzahlbar sind. (...) Es ist schwierig herauszufinden, was Kanzlerin Merkel wirklich will. Bis jetzt hat sie immer alles zu tun versucht, Griechenland innerhalb des Euro zu halten, doch ihr Finanzminister Schäuble hat sie angetrieben, es herauszuwerfen. Das war ein effektives Good-Cop-/Bad-Cop-Spiel, um das meiste aus Athen herauszuholen. Doch diesmal wurde daraus Böser Cop, Noch böserer Cop.

Die "Guardian"-Kolumnistin Suzanne Moore beschäftigt sich mit dem Schaden für die Glaubwürdigkeit der EU:

Es wird in dieser Familie keine Vergebung für Schulden geben. Tsipras muss dies seinen Leuten verkaufen, damit die Banken wieder öffnen können. Seine Ausdauer war bemerkenswert, und man wir mehr davon brauchen. Die fehlende Nachhaltigkeit der griechischen Schulden bleibt, selbst wenn dem Land das Wachstum gelingt. Die Wörter Vertrauen und Hoffnung werden zwar weiterhin verwendet, allerdings von den falschen Leuten. Das Vertrauen in das europäische Projekt ist verschwunden. François Hollande, der Pseudo-Mediator, mag weiterhin von der Geschichte und der Kultur Griechenlands schwadronieren. Ihr Wert wurde ja schon bewiesen: Er ist rein symbolisch. Nichts sind sie wert.

Im "Le Figaro" konstatiert man ein zwiegespaltenes Europa:

Der Faustkampf um Griechenland hat die Existenz zweier Modelle von Europa offengelegt, die völlig unterschiedlichen Logiken folgen. Das eine ist das deutsche Modell – buchhalterisch und unbeugsam. Das andere das französische – politisch und nachgiebig. Der Fall Griechenland hat dieses Gespann an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht. Heute lassen alle Federn: Griechenland, natürlich, das auf die eine oder andere Art für die Pleite seiner öffentlichen Kassen geradestehen muss. Der Euro, der als Zement des europäischen Aufbauwerks an seine Grenzen gestoßen ist. Und schließlich die EU selbst, deren Zusammenhalt und Werte vor den Augen der ganzen Welt angekratzt wurden.

Die griechische Zeitung "Tanea" kritisiert die Taktik in Athen:

Die Regierung hat in den vergangenen Monaten ihre Augen vor der Realität verschlossen und sich selbst widersprochen. Dabei glaubte sie, die Kreditgeber mit der Wasserpistole von Varoufakis erpressen zu können. Das hätte uns dazu gebracht, aus freien Stücken Schäubles Begehrlichkeiten zu erfüllen und aus dem Euro auszutreten. Als in letzter Minute der Vorschlag für ein Abkommen auf den Tisch kam, hatte der Ministerpräsident die Eingebung, dass ein Referendum stattfinden soll. Dadurch verspielte er im Ausland vollends die Glaubwürdigkeit.(13.7.2015)

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