Katharina Geiser: Das Leben ist bunt, auch wenn Dunkelheit anwesend ist

13. Juli 2015, 17:15
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Ménage-à-quatre: Katharina Geisers auf historischen Fakten beruhender Roman "Vierfleck oder das Glück"

Wien – "Die besten Malakademien in Europa stehen Mila fortan offen. Eugen reist mit ihr nach Paris, nach Ostende und Berlin, sie leben mal da, mal dort und wieder da. Beide mögen sie das Vagabundieren, machen keine großen Pläne." – Das ist die Ausgangssituation des neuen Romans von Katharina Geiser. Es sind die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Eugen Esslinger, Sohn eines wohlhabenden jüdischen Unternehmers, hat die wesentlich jüngere Mila bei einer Tanzveranstaltung kennengelernt. Rasch werden sie ein Paar und führen ein Bohemeleben. Mila bekommt drei Kinder. Die sind allerdings nicht von Eugen, sondern von dem jungen Indologen Heinrich Zimmer.

Eugen wiederum verhält sich so, als wären die Kinder die seinen. Zimmer, ein aufstrebender deutscher Intellektueller, heiratet Christiane, die Tochter Hugo von Hofmannsthals. Auch in dieser Ehe werden Kinder geboren. Alle Beteiligten kennen einander, man führt ganz offen ein Doppelleben, unternimmt gemeinsame Reisen – eine Ménage-à-quatre! Großbürgerlich und zugleich unkonventionell wird gelebt: zwei Paare, sechs Kinder innerhalb einer funktionierenden Bohemewelt.

Man mag sich fragen: Wie kommt eine Autorin auf eine solche Story? Wer Geisers Prosaarbeiten kennt, der weiß, dass sie gerne historische Quellen mit literarischer Imagination verwebt. So auch in Vierfleck oder das Glück (Jung und Jung, € 22,00). Die Schweizer Autorin hatte Zugang zum 1700 Briefe umfassenden Nachlass von Mila Esslinger und Heinrich Zimmer. Im Nachlass befinden sich aber auch Dokumente zu Eugen Esslinger und allgemein zu jener Vierecksbeziehung.

Das geglückte Dasein

So hat nachweislich Christiane Zimmer, die Tochter Hofmannsthals, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Mila Esslinger finanziell unterstützt. Diese Mila ist die lebenshungrige Figur im Roman. Wenn es um ihr Glück geht, redet sie nicht um den heißen Brei herum. Dabei handelt sie nicht ausschließlich nach egoistischen Gesichtspunkten. Denn zu ihrem Lebensentwurf gehört, dass alle Beteiligten an diesem geglückten Dasein teilhaben. Und vielleicht wäre in dieser unkonventionellen Lebenswelt, in der es natürlich auch Streit gibt, das Glück heimisch geblieben, wären die Zeitumstände andere gewesen. Geisers Roman spielt in den Jahren von 1900 bis 1944. Er umfasst also den Ersten und Zweiten Weltkrieg, den Untergang der Monarchien und den Aufstieg der NS-Schreckensherrschaft.

Eugen Esslinger verliert im Lauf der Zeit sein geerbtes Vermögen, und Heinrich Zimmer büßt 1938 seinen Lehrstuhl für Indologie an der Universität Heidelberg ein – wegen "nichtarischer Versippung", die von Hofmannsthals waren jüdischer Abkunft. Und trotzdem geht in dieser Geschichte kein Familienmitglied den Gang des gewaltsamen Todes: Heinrich Zimmer emigriert in die USA, Eugen Esslinger kommt in der Schweiz unter. Die Frauen, Mila und Christiane, tragen gemeinsam mit ihren Kindern das Schicksal, ihre Familien bleiben am Leben – "intakt" sozusagen, in einer Welt, die jeglichen Takt verloren hat.

Katharina Geiser erzählt auf unaufgeregte Weise. Ihre Helden handeln nicht heroisch. Sie sind aber auch keine Mitläufer, sondern Menschen, die ihr Glück suchen. Gekonnt verwebt die Autorin die historischen Dokumente und vermischt Imagination mit Realität. So entsteht im Roman ein Zeitbild voll Atmosphäre.

Und was bedeutet "Vierfleck"? Es ist eine Liebellenart, die färbig schillert, doch auf jedem ihrer vier Flügel einen dunklen Fleck hat. Ein Sinnbild: Das Leben ist bunt, auch wenn Dunkelheit anwesend ist. Dieser Maxime folgen alle Protagonisten in Katharina Geisers gelungenem Versuch, über das Glück zu erzählen. (Andreas Puff-Trojan, 13.7.2015)

  • Zwei Paare, sechs Kinder und ein Zeitbild: Katharina Geiser.
    foto: tobias humm

    Zwei Paare, sechs Kinder und ein Zeitbild: Katharina Geiser.

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