Ökonom: "Die Kosten sind astronomisch angestiegen"

Interview14. Juli 2015, 21:27
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Gottfried Haber übt Kritik an der griechischen Verhandlungsstrategie, hält aber nichts von einem Grexit

Wien – Der Ökonom Gottfried Haber hat Verständnis für die harte Haltung Deutschlands in den Verhandlungen mit Griechenland. Ein Grexit wäre für ihn ein "Super-GAU" gewesen. Allerdings habe die Verhandlungsstrategie der griechischen Regierung um Alexis Tsipras die Kosten für die Gläubiger enorm in die Höhe getrieben, sagt Haber, der vor einem Jahr beinahe österreichischer Finanzminister geworden wäre.


STANDARD: Der bekannte US-Ökonom Paul Krugman hat scharfe Kritik an der Einigung geübt. Er bezeichnet die Forderungen der Eurogruppe als verrückt. Sehen Sie das auch so?

Haber: Das Problem war, dass die Positionen extrem verfahren waren. Unter der alten Regierung war die Durststrecke schon fast überwunden, es ging bereits leicht bergauf. Trotzdem war das Land immer säumig bei der Umsetzung von Reformen, was zu einem Vertrauensverlust geführt hat. Man muss auch die Dimensionen sehen: Jetzt geht es um weitere 100 Milliarden, die alten Pakete hatten ein Volumen von 320 Milliarden Euro. Ein Viertel entfällt auf Deutschland, von daher ist es schon verständlich, warum so eine harte Position eingenommen wurde. In so einer Situation muss man eben sparen. Wobei sparen ja der falsche Ausdruck ist. Es geht darum, die Ausgaben-und-Einnahmen-Ungleichgewichte abzubauen, damit man nicht wieder dort landet, wo man nach dem letzten Schuldenschnitt gelandet ist: bei einer noch höheren Schuldenquote.

Angesichts der enormen Summen sei die harte Haltung Deutschlands verständlich, meint Ökonom Haber.

STANDARD: Der Tenor lautete am Montag: Der Grexit ist vorerst vom Tisch. Kann man das wirklich schon sagen?

Haber: Die politische Einigung gibt es. Ich glaube auch, dass es eine Mehrheit im griechischen Parlament geben wird. Sollte es die nicht geben, wäre der Grexit wirklich besiegelt. Falls es in anderen EU-Ländern – etwa Finnland – keine Mehrheit gibt, wäre das nicht so schlimm. Da müsste man möglicherweise eine andere Konstruktion finden. Aber da war Europa immer sehr kreativ.

STANDARD: Die griechische Wirtschaft wurde durch die Politik der vergangenen Wochen – Stichwort Volksbefragung – massiv beschädigt, der Schaden für die Geldgeber maximiert. Haben wir nicht einen Punkt erreicht, wo ein Neustart außerhalb des Euro für Griechenland vielleicht wirklich besser wäre?

Haber: Der Grexit wäre für Griechenland der Super-GAU gewesen. Man kann sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn ein Währungssystem zusammenbricht. Dann wäre es zugegangen wie in Argentinien 2001. Es wäre zu Versorgungsengpässe gekommen, die die Ärmsten der Armen überproportional getroffen hätten. Die Verhandlungsstrategie der griechischen Regierung mit ihren überzogenen Positionen hat aber auch die Kosten des Einknickens durch die Geldgeber massiv erhöht. Es wäre ein massiver Reputationsverlust für die Eurozone entstanden, wenn sie klein beigegeben hätten. Politisch bestand die Gefahr, dass, wäre die Strategie der Griechen aufgegangen, alle reformwilligen Regierungen sofort abgewählt werden. Ich würde also sagen: Die Kosten des Grexit sind gleich geblieben. Aber die Kosten des Alternativszenarios sind astronomisch angestiegen durch die Maximalverhandlungsstrategie der griechischen Regierung.

foto: apa/epa/orestis panagiotou
Ein Grexit hätte die Ärmsten der Armen am härtesten getroffen, glaubt Gottfried Haber.

STANDARD: Mit einem Grexit wäre Griechenland aber für ausländische Investoren wieder interessanter geworden. Nach dem Chaos der vergangenen Wochen wird das Land wohl wieder in eine schwere Rezession schlittern.

Haber: Es ist sicher ein riesiger Schaden entstanden. Ich sehe schon die Gegner einer nachhaltigen Budgetpolitik, die sagen: Jetzt spart Griechenland, und die Wirtschaft bricht ein. In Wirklichkeit ist der Schaden aber in den letzten Monaten entstanden. Zu den ausländischen Investoren: Ich glaube nicht, dass sie nach einem Grexit so schnell kommen würden. Ein Zusammenbruch des Wirtschaftssystems ist für Investoren nicht attraktiv.

STANDARD: Die Banken sind noch immer geschlossen. Wo sehen Sie in der Praxis die größten Probleme in den nächsten Wochen und Monaten?

Haber: Wenn es rechtlich erst mal geklärt ist, dass es ein neues Hilfsprogramm geben wird, dann ist auch die vielzitierte Brückenfinanzierung möglich. Dann können wieder Mittel der Europäischen Zentralbank fließen. Wenn erst mal die Liquidität gegeben ist, können auch die Bankomaten gefüllt und die Banken wieder geöffnet werden. Die Kapitalverkehrskontrollen gegenüber dem Ausland wird es aber wohl noch einige Monaten brauchen. Der Normalbetrieb wird also schrittweise einkehren.

STANDARD: In den letzten Tagen wurde auch wieder verstärkt über einen klassischen Schuldenschnitt diskutiert. Die Geldgeber wollen nur über längere Fristen für Kredite und niedrigere Zinsen reden. Das läuft zwar de facto auf dasselbe raus, ist es aber nicht eine Art Wählertäuschung, so zu tun, als ob das Geld in voller Höhe zurückkäme?

Haber: Prinzipiell spricht nichts dagegen, Fristen zu strecken und Zinsen zu senken. Ich halte diesen Weg nicht für schlecht. Macht man einen Schuldenschnitt, muss jemand Abschreibungen in seinen Büchern vornehmen, er realisiert also die Verluste. Lässt man die Schulden in den Büchern stehen, hat man das Problem zwar nicht gelöst, aber in die Zukunft verlagert. Es nimmt also den Zeitdruck aus den Verhandlungen. Darum geht es bei allen Maßnahmen: Man kauft Griechenland Zeit, die es braucht, um die Wirtschaft wieder aufzubauen. Der Schuldenschnitt ist auch eine Art Karotte, man signalisiert: Wenn ihr mit den Reformen erfolgreich seid, können wir in einigen Jahren über einen Haircut reden. (Günther Oswald, 14.7.2015)

Gottfried Haber (42) ist Ökonom und Vizedekan am Department für Gesundheitswissenschaften und Biomedizin an der Donau-Universität Krems. Nach dem Rücktritt von Michael Spindelegger (ÖVP) wurde er als Finanzminister gehandelt.
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