Lokalaugenschein: "Griechenland ist tot"

13. Juli 2015, 14:42
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Auf Zakynthos kämpfen Händler nicht nur mit der Krise, sondern auch mit der geringeren Kaufkraft von Touristen

Als ob sie es mitbekommen hätten: Heute früh um knapp 4.30 Uhr, als die ersten Berichte über einen Durchbruch bei den Verhandlungen mit Griechenland bekannt wurden, veranstalteten im kleinen Örtchen Vassilikos auf Zakynthos die Zikaden ein ohrenbetäubendes Konzert.

Hier, wo es untertags 35 Grad hat, betreiben Nikos und Yiota auf der Landstraße ihren kleinen Markt "Stone Stores". Sie verkaufen alle Artikel für den täglichen Gebrauch für Einheimische und Touristen. Die Regale sind voll gefüllt, die Kassa nicht. Warum, erklären die beiden im Gespräch mit dem STANDARD.

Das Paar beobachtet schon seit Jahren einen Rückgang bei den "Qualitätstouristen". Es kommen zwar nicht unbedingt weniger, aber die, die es in dieses Idyll verschlägt, kommen über große internationale Reiseanbieter, deren All-inclusive-Packages keine kleinen lokalen Läden oder Tavernen beinhalten. "Sie brauchen ihre Hotelanlagen nicht zu verlassen, weil sie dort alles bekommen", sagt Nikos.

Problematisch sei auch, dass immer mehr Touristen aus dem nahe gelegenen Osteuropa mit dem Auto kommen, wo der Kofferraum so vollgepackt mit Nahrung ist, dass in Griechenland kaum etwas konsumiert wird. Das langfristige Problem, das beide sehen: Je weniger sich die Touristen leisten können, desto weniger könne man den Qualitätslevel halten, was reichere Touristen bei der nächsten Buchung von einer Rückkehr abhält.

"Das Land ist tot"

Vom aktuellen Deal der Geldgeber mit Griechenland erwarten sich die beiden keine Verbesserung. "Das Land ist tot", zeichnet Yiota ein sehr pessimistisches Bild der Zukunft. Sie hätte einen Grexit besser gefunden: "Sie hätten uns aussteigen lassen sollen, dann hätten wir versuchen können, das Land selbst wieder aufzubauen."

Von den heimischen Politikern, die allesamt korrupt seien, sind die Ladenbesitzer grundsätzlich enttäuscht. Als Hintergrund des neuen Deals vermuten sie ein abgekartetes Good-Cop-Bad-Cop-Spiel zwischen den Bösen um Tsipras und den Guten um Merkel.

"In fünf Jahren wird die gesamte EU explodieren!"

"Das war doch nur Theater! Wir Griechen mögen arm sein, aber blöd sind wir nicht", zeigt sich Yiota von ihrer These überzeugt. Über das neue Sparprogramm für Griechenland kann Nikos nur lachen: "Niemand hat Geld, womit sollen wir die höheren Steuern bezahlen?" Beide sind überzeugt, dass das Problem mit Griechenland nur den Anfang einer großen Krise der EU darstellt. Das Land werde andere anstecken. Nikos: "In fünf Jahren wird die gesamte EU explodieren!"

Vorläufig wollen beide jedoch weiter ihr Bestes geben, um mit ihrem Markt bestehen zu können und auch etwas für die Region, aus der sie kommen, beizutragen. Touristen könne man jedenfalls ausrichten, dass genügend Geld in den Banken und Strom in den Steckdosen sei, zeigen sie sich über panikmachende ausländische Medienberichte verärgert. Dass Griechen seit Wochen nur 60 Euro pro Tag abheben durften, hat für einen Running Gag auf Zakynthos gesorgt: "Wir haben gelernt, mit 20 Euro pro Tag auszukommen, jetzt dürfen wir plötzlich 60 abheben. Es geht uns also gut!" (Rainer Schüller aus Zakynthos, 13.7.2015)

  • "Niemand hat Geld, womit sollen wir die höheren Steuern bezahlen?", fragen Nikos und Yiota.
    foto: rainer schüller

    "Niemand hat Geld, womit sollen wir die höheren Steuern bezahlen?", fragen Nikos und Yiota.

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